In dem Hitchcock-Klassiker "Bei Anruf Mord" (1954) findet ein Mann heraus, dass seine vermögende Frau eine Affäre hat. Weil er bei einer Scheidung leer ausgehen würde, arrangiert er ihre Ermordung. Der Plan wirkt perfekt, geht aber schief, weil sie den Angriff überlebt und ihrerseits den Auftragsmörder tötet. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt hat schon im Titel seiner 2014 gestarteten Reihe "Nord bei Nordwest" eine Hitchcock-Hommage versteckt.
So hieß auch ein weiterer Klassiker des Meisterregisseurs, "Der unsichtbare Dritte" ("North bei Northwest", 1959). Wenn der Erfolgsautor nun den 31. Krimi mit Hinnerk Schönemann in Doppelfunktion als Kommissar und Tierarzt "Bei Einbruch Mord" nennt, handelt es sich selbstredend ebenfalls um eine Referenz. Ausnahmsweise beginnt die Handlung nicht morgens, sondern abends: Ein Pärchen bricht in ein Haus ein. Die beiden wähnen das Ehepaar, das hier wohnt, im Urlaub, aber das erweist sich als folgenschwerer Fehler. Der mit einem Revolver bewaffnete Hausbesitzer überrascht die beiden, doch dann kommt alles ganz anders.
Er wird von seiner Frau erschossen, die Einbrecherin tötet ihren Komplizen. Weil die beiden Mörderinnen offenkundig krimiversiert sind, sorgen sie dafür, dass die Hände der Leichen bei einer späteren Untersuchung Schmauchspuren aufweisen. Im Keller des Hauses gibt es einen Panikraum, dort versteckt sich die Komplizin, bis die Luft rein ist.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Neben "Bei Anruf Mord" hat sich der mehrfache Grimme-Preisträger Schmidt womöglich auch durch einen weiterer Hitchcock-Film inspirieren lassen: "Der Fremde im Zug" (1951) basiert auf dem Romandebüt von Patricia Highsmith und handelt von zwei Männern, die einen perfekten Doppelmord planen, indem sie über Kreuz Personen aus dem Leben des jeweils anderen beseitigen.
So ähnlich haben es auch Leyla Spiekermann (Janina Elkin), jetzt Witwe, und ihre Freundin Nele Storm (Lana Cooper), ausgeheckt. Ihr Plan hat allerdings einen Schönheitsfehler, der Jacobs und seine Kollegin Wagner (Jana Klinge) stutzig werden lässt: Neles Einbruchspartner ist zwar als Einbrecher vorbestraft, aber noch nie mit einer Waffe erwischt worden; und bislang ist er seinem kriminellem Metier ausschließlich in und um Eutin nachgegangen.
Kriminaltechniker Puttkammer (Joshy Peters) stößt auf weitere Ungereimtheiten: Der Einschusswinkel des tödlichen Projektils sowie die Distanz zwischen Schütze und Opfer passen nicht zur Position des toten Spiekermann. Jacobs will daher Praxispartnerin Jule (Marleen Lohse) als "U-Boot" auf die Witwe ansetzen. Leyla, Nele und Jule hatten in jungen Jahren eine gemeinsame Band, "Wir bereuen nichts".
Leylas krankes Pferd liefert den nötigen Vorwand für regelmäßige Besuche. Bei einer dieser Gelegenheiten offenbart ein zufälliger Blick aufs Smartphone, dass die Witwe ein buchstäblich anderes Ziel hat, als sie ihrer Partnerin und der Polizei weismachen wollte. Aber auch Nele verfolgt eine eigene Agenda, wie Schmidt gleich zu Beginn mit Hilfe eines Hinweises, der sich allerdings erst im Nachhinein erschließt, andeutet.
Dass die Dinge generell in vielerlei Hinsicht nicht so sind, wie sie scheinen, verdeutlicht dagegen von Anfang an die vorzügliche Musik von Stefan Hansen. Zusätzlich zu den Hitchcock-Klängen, die seine Kompositionen für "Nord bei Nordwest" grundsätzlich prägen, erinnert die Musik mit ihren lauernden Untertönen an Jerry Goldsmiths famosen Soundtrack zu dem Thriller "Basic Instinct" (1992) über das Treiben einer mörderischen Femme fatale.
Für eine Reminiszenz an die Hitchcock-Krimis der Fünfzigerjahre sorgen wiederum Kostüm- und Szenenbild. Leyla mit Kopftuch und Sonnenbrille, dazu ein historisches Mercedes-Cabrio: Das könnte auch Grace Kelly auf einer kurvigen Straße an der Côte d’Azur sein ("Über den Dächern von Nizza", 1955). Den eigentlichen Schlüssel zur Handlung liefert jedoch der deutsche Titelzusatz des Western "Johnny Guitar" (1954): "Wenn Frauen hassen".
Bei all’ den Anspielungen könnte fast zu kurz kommen, dass die "Nord bei Nordwest"-Krimis auch Tierfilme sind. Das gilt neben der zumeist vierbeinigen Kundschaft der Praxis zuvorderst für Jacobs’ Gefährten. Die schönste Szene zeigt den Kommissar und seinen Weimaraner Holly bei einer Partie "Mensch ärgere dich nicht". Natürlich ist es auch eine Frage des Schnitts, dass dieser Moment so überzeugend wirkt, aber das Verdienst gebührt in erster Linie Tiertrainer Marco Heyse. Regie führte Judith Kennel, deren Laufbahn über zwanzig Filme lang von der ZDF-Krimireihe "Unter anderen Umständen" geprägt war.



