Warum KI uns wieder menschlicher machen wird

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Die Zukunft gehört nicht den Digitalverweigerern und auch nicht den Technik-Enthusiasten.
Keine Roboter aus Fleisch
Warum KI uns wieder menschlicher machen wird
Die meisten Debatten fragen, was der Mensch künftig über Künstliche Intelligenz (KI) wissen muss. Es geht um die Risiken. Zukunftsforscher Andreas M. Walker dreht den Spieß um: Welche unserer Fähigkeiten werden durch KI erst richtig wertvoll? Wohin wird uns die Auseinandersetzung mit den digitalen Konzernen im 21. Jahrhundert führen? Walker wagt eine ermutigendes Prognose, denn: "Wir sind keine Roboter aus Fleisch und unser Gehirn ist kein Computer mit einem Netzwerk aus Nerven."

evangelisch.de: Was brauchen Menschen, um in dieser digitalen Welt gut zurechtzukommen, ohne sich darin zu verlieren?

Andreas M. Walker: Wir sprechen oft über digitale Kompetenzen. Diese basieren aber auf menschlichen Kompetenzen: Urteilsvermögen, Selbstführung, Empathie, Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit, Sinn zu finden. Gerade Künstliche Intelligenz macht diese Eigenschaften wichtiger, nicht unwichtiger.

Wir diskutieren überall darüber, was der Mensch künftig über KI wissen muss. Wir sollten aber auch fragen: Welche menschlichen Fähigkeiten werden durch KI noch wertvoller? Wie bauen wir Vertrauen auf? Wer übernimmt Verantwortung? Wer denkt kreativ? Wie wächst Weisheit, und wie vermitteln wir Hoffnung? Diese Fähigkeiten lassen sich nicht vollständig technisch ersetzen.

Als Christ würde ich noch einen Gedanken ergänzen: Menschen brauchen Beziehungen und Orte, an denen ihr Wert nicht von Leistung, Reichweite oder Likes abhängt. Wer weiß, dass seine Würde tiefer begründet ist, kann der digitalen Welt gelassener begegnen.

Welche Rolle spielen analoge Erfahrungen heute?

Walker: Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Analoge Erfahrungen sind und bleiben deshalb wertvoll für uns. Je digitaler unser Alltag wird, desto kostbarer werden reale Erfahrungen, die sich nicht digitalisieren lassen: gemeinsam essen, musizieren, wandern, Gottesdienst feiern, ein Kind in den Arm nehmen oder einem Menschen aufmerksam zuhören.

Solche Erfahrungen schaffen Vertrauen, Zugehörigkeit und Sinn. Gerade deshalb erleben wir möglicherweise eine Renaissance des Analogen, nicht als Gegenwelt zur Digitalisierung, sondern als menschliche Basis. Pädagogik, Psychologie und die Leadership-Forschung zeigen, wie wichtig menschliche Kommunikation, soziale Interaktion, Selbstwirksamkeit und körperliche Erfahrungen sind. Nun liegt es an uns, dies in unseren Familien, an unseren Schulen und in unseren Betrieben auch umzusetzen. 

Digitale Kommunikation und Produkte können reale Beziehungen und körperliche Erfahrungen unterstützen, aber nicht ersetzen. Die Zukunft wird hybrid sein. Entscheidend ist, dass wir bewusst entscheiden und lernen, unsere körperliche, mentale und spirituelle Gesundheit zu leben.

Wir haben vor einiger Zeit über das Angebot des Diakonissenmutterhaus Aidlingen berichtet, dem "Ermutigungstelefon". Hier hört der Anrufer jede Woche eine Andacht auf dem Festnetz. Ist das Ausdruck einer Sehnsucht nach Analogem?

Walker: Wir leben in einer Welt permanenter Überreizung. Vieles konkurriert um unsere Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wächst bei vielen die Sehnsucht nach Einfachheit, Verlässlichkeit und Ruhe.

Ein Ermutigungstelefon ist mehr als nostalgische Technik. Es signalisiert: Hier erwartet mich kein Algorithmus, keine Werbung, keine endlose Auswahl. Ich höre einfach einer menschlichen Stimme zu, die mir Mut macht. Das verweist auf ein tieferes Bedürfnis. Menschen suchen nicht nur Informationen, sondern auch Orientierung, Trost und Zuversicht.

Gerade Kirchen können hier etwas anbieten: Räume der Verlangsamung, Rituale der Besinnung und Gemeinschaften der Hoffnung. Nicht, weil sie technisch rückständig wären, sondern weil sie menschliche Qualitäten pflegen, die in einer beschleunigten Welt immer kostbarer werden.

Solche analogen Angebote zeigen die persönliche Seite des Wandels. Wie sieht es aber auf der großen Bühne aus? Gibt es auch politische Gegenbewegungen zur Macht der digitalen Konzerne?

Walker: Seit Jahrzehnten beobachte ich, dass politische und wirtschaftliche Macht um den Vorrang ringen. Manchmal beschleicht mich deshalb das ungute Gefühl, ob das Konzept der modernen demokratischen National- und Rechtsstaaten nur eine Phase des 19. und 20. Jahrhunderts war.

Im 19. Jahrhundert akzeptierten wir, gehorsame Bürger:innen des Staates und lohnabhängige Beschäftigte zu sein. Ende des 20. Jahrhunderts wurden wir vor allem als Konsument:innen angesprochen. Im 21. Jahrhundert müssen wir uns neu aufstellen. Dabei stellt sich eine alte Frage: Liegen Verantwortung und Möglichkeiten beim Individuum oder bei Big Tech, den großen Organisationen?

Sicherheit und Stabilität sind tiefe menschliche Bedürfnisse. Veränderungen erleben viele nicht als Chance, sondern als Risiko. Deshalb gibt es Widerstand gegen den schnellen und überall präsenten technischen Fortschritt. Den einen geht es um Ablehnung, den anderen um die Suche danach, wie sich das Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft sichern lässt.

Die Digitalisierung stand lange für Geschwindigkeit, Bequemlichkeit und ständige Erreichbarkeit. Heute erleben viele Menschen auch ihre Schattenseiten: Informationsüberflutung, Aufmerksamkeitsökonomie, Abhängigkeit sowie den Verlust von Konzentration und echten Beziehungen.

Deshalb müssen wir diskutieren: Was ist gesund für uns? Was fördert unsere persönliche Entwicklung, unsere Kommunikation und unsere Beziehungen? Ich sehe solche Versuche in Familien und Schulen, in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche. Es geht nicht um die Rückkehr in eine analoge Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft sind digital. Es geht um den bewussten und gemeinsamen Aufbau einer neuen Kultur und um die Frage, was wirklich menschlich ist.

Dazu gehören verschiedene Ansätze: digitales Fasten, die Renaissance gedruckter Bücher und politische Forderungen nach datenschutzfreundlichen und sicheren Plattformen. Seit Ende 2022 wird in der Öffentlichkeit zudem intensiv über Künstliche Intelligenz diskutiert. Ich habe noch nie so viel über menschliche Intelligenz und das Menschliche an und für sich nachgedacht wie in den vergangenen Jahren.

Kommt dieser Wandel eher durch verändertes Verhalten der Nutzer oder durch neue digitale Angebote?

Walker: Wir sind gefordert, da eben beides zusammengehört. Technische Alternativen allein verändern wenig, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Umgekehrt fällt ein bewusster Umgang leichter, wenn attraktive Alternativen vorhanden sind.

Ich beobachte zwei Entwicklungen: Menschen werden kritischer gegenüber den großen Plattformen. Sie fragen nach Datenschutz, Transparenz und danach, wem ihre Daten gehören. Das zeigt sich in politischen Forderungen, aber auch im konkreten Verhalten.

"Digitale Mündigkeit beginnt weder bei der Technik noch beim Gesetz, sondern bei unserem eigenen Verhalten als Menschen"

Im Umfeld von Universitäten und Hochschulen entstehen neue soziale Netzwerke, Open-Source-Lösungen und Plattformgenossenschaften, bei denen Nutzer:innen stärker beteiligt sind. Diese Alternativen werden die großen Plattformen kurzfristig nicht verdrängen. Sie setzen aber wichtige Impulse für mehr Vielfalt und Selbstbestimmung. Auch die nationale Sicherheitspolitik wirft die Frage auf, ob wir wirklich nur die Wahl der digitalen Abhängigkeit zwischen USA, China, Russland und Israel wollen.

Entscheidend bleibt die persönliche Haltung. Niemand zwingt uns, jede Benachrichtigung sofort zu lesen oder jede freie Minute am Bildschirm zu verbringen. Digitale Mündigkeit beginnt weder bei der Technik noch beim Gesetz, sondern bei unserem eigenen Verhalten als Menschen.

"Wohin wird uns die Auseinandersetzung mit den digitalen Konzernen im 21. Jahrhundert führen?"

Erleben wir hier eine neue Welle von Technik-Skepsis oder ist das heute etwas anderes als früher?

Walker: Es geht nicht um einen Rückzug aus der digitalen Welt, sondern um einen bewussteren Umgang. Frühere Technik-Skepsis richtete sich häufig gegen die Technik selbst. Es ging um eine unheimliche Angst vor Maschinen und Fabriken. Vielen fehlte das technische Verständnis. Es ging um den Verlust von Handwerk, Körperlichkeit und der gewohnten Erfahrungswelt.

Heute nutzen viele Menschen digitale Angebote selbstverständlich. Sie sind billig, leicht verfügbar, bequem und einfach zu bedienen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass nicht alles, was technisch möglich ist, dem Menschen guttut.

Gerade junge Menschen stellen Fragen, die vor zehn Jahren kaum gestellt wurden. Wie viel Bildschirmzeit tut mir gut? Wem gehören meine Daten? Warum fällt es mir so schwer, das Smartphone wegzulegen? Was macht Social Media mit meinem Selbstbild? Die Generationen Z und Alpha sind in der Nutzung häufig überlegter als deren Elterngeneration.

Ich sehe darin eine Form der Reifung. Nach einer Phase der Begeisterung folgt eine Phase der Gestaltung. Digitale Kompetenz bedeutet nicht nur, Technik bedienen zu können, sondern auch persönliche Grenzen zu setzen. Die Zukunft gehört weder den Digitalverweigerern noch den Technik-Enthusiasten, sondern Menschen, die Technologie bewusst und selbstbestimmt einsetzen. Zugleich stellt sich eine politische Frage. Die wachsende Macht der Industriekonzerne führte im 19. Jahrhundert zu Kommunismus und Klassenkampf. Wohin wird uns die Auseinandersetzung mit den digitalen Konzernen im 21. Jahrhundert führen?

Ganz konkret: Wie kann man digital teilhaben, ohne sich komplett von großen Plattformen abhängig zu machen?

Walker: Vollständige Unabhängigkeit ist in unserer Gesellschaft eine Illusion. Es geht aber um Souveränität im persönlichen Umgang. Der erste Schritt ist Vielfalt. Wer mehrere Informationsquellen nutzt, unterschiedliche Kommunikationskanäle kennt und seine Daten bewusst organisiert, bleibt handlungsfähig. Der zweite Schritt ist Medienkompetenz. Menschen sollten verstehen, wie Algorithmen funktionieren, welche Geschäftsmodelle hinter Plattformen stehen und warum ihre Aufmerksamkeit zu einer wirtschaftlichen Ressource geworden ist.

Und schließlich braucht es Zeiten, in denen wir bewusst offline sind. Wer erlebt, dass gute Gespräche, Kreativität oder Spiritualität ohne Bildschirm entstehen, gewinnt innere Freiheit gegenüber digitalen Angeboten.

Seit zweitausend Jahren sind die christlichen Kirchen Orte, an denen genau das gemeinsam gesucht und gelebt wird. Während Corona waren wir begeistert, als plötzlich so viele Gottesdienste online verfügbar waren. Auch ich nutze meine digitale Bibel gezielt und intensiv. Zugleich wissen wir, dass ein guter Gottesdienst von Gemeinschaft und Sinneswahrnehmungen geprägt ist.

Da können wir als einseitig verkopfte Evangelische viel von katholischen, orthodoxen und pfingstlerischen Kirchen lernen. Pilgern, Fasten, das Herzensgebet, die Stille Zeit und der gemeinsame Gesang führen uns wieder zu unserer Menschlichkeit zurück. Wir sind keine Roboter aus Fleisch und unser Gehirn ist kein Computer mit einem Netzwerk aus Nerven. Wir sind Menschen mit Leib, Seele und Geist.

Digitale Souveränität bedeutet für mich, entscheiden zu können, wann Technik meinem Leben dient und wann ich sie bewusst beiseitelege.

Wenn wir zehn Jahre vorausblicken: Welche Bedeutung wird echte menschliche Begegnung haben?

Walker: Ich bin zuversichtlich, dass uns die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz noch tiefer in die Frage hineinführen wird, was menschliche Intelligenz und Menschlichkeit eigentlich sind.

Die Aufklärung prägte den "homo sapiens", die Marktwirtschaft den "homo oeconomicus". Durch "machina sapiens" und "rete sapiens" sind wir nun gefordert, uns zum "homo relationis", zum Menschen der Beziehung, weiterzuentwickeln. Die Bibel lehrt uns mit dem Gebot, Gott über alles und den Mitmenschen wie sich selbst zu lieben, dass Beziehungsfähigkeit eine zentrale menschliche Tugend ist.

In der schnellen und billigen Massenproduktion ist uns die Robotik schon heute überlegen. Beim Speichern, Wiedergeben und Sortieren von Informationen überholt uns die Künstliche Intelligenz. Als Kirchen haben wir uns in den vergangenen zwei Jahrtausenden oft als Expert:innen des Glaubens verstanden. Nun haben wir die Chance, neu zu klären, was Liebe und Hoffnung im konkreten menschlichen Leben bedeuten.

Künstliche Intelligenz wird viele Aufgaben übernehmen, Informationen bereitstellen und Kommunikation erleichtern. Gerade deshalb können wir Menschen uns um Vertrauen, Mitgefühl, Versöhnung, Freundschaft, Liebe und gelebte Gemeinschaft kümmern.

Vielleicht erleben wir in zehn Jahren sogar eine Renaissance menschlicher Begegnung. Nicht trotz KI, sondern gerade wegen KI. Denn je mehr digitale Kommunikation möglich wird, desto bewusster werden Menschen jene Momente suchen, in denen sie sich wirklich gesehen und verstanden fühlen.

Ich bin kein Kulturpessimist. Ich glaube nicht, dass KI den Menschen verdrängen wird. Sie wird uns vielmehr zwingen, die alte Frage neu zu beantworten: Was macht den Menschen menschlich?

In der industriellen Revolution haben wir unser Denken und Handeln an Maschinen und Fabriken ausgerichtet. Die eigentliche Zukunftsaufgabe besteht nun darin, die gewonnene technologische Freiheit zu nutzen, um menschlicher zu werden.