Kirchen: Waffendienst bleibt Gewissensentscheidung

Bundeswehrsoldaten
epd-bild/Jens Schulze/Jens Schulze
Den Dienst bei der Bundeswehr wollen immer mehr junge Menschen verweigern. Die Kirchen stehen ihnen mit beratend zur Seite.
Beratungen nehmen zu
Kirchen: Waffendienst bleibt Gewissensentscheidung
Die Bundeswehr verschickt seit dem 1. Januar Fragebögen zum Wehrdienst an 18-Jährige, viele junge Menschen verweigern. Da der Dienst an der Waffe eine Frage des Gewissens ist, suchen immer mehr junge Leute Rat bei den Kirchen, die auf die zunehmende Nachfrage reagieren. evangelisch.de-Redakteurin Alexandra Barone berichtet.

Die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung hat sich seit dem Start der Wehrerfassung für alle 18-Jährigen zu Jahresbeginn deutlich erhöht. Bis zum 31. Juli gingen im laufenden Jahr 8.302 Anträge beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein. Das waren mehr als doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr, als es 3.879 Anträge gab.

Bevor der Antrag eingereicht wird, suchen immer mehr junge Menschen kirchliche Beratung und die Kirchen reagieren: Fast alle der 20 evangelischen Landeskirchen berichten von einer steigenden Nachfrage im laufenden Jahr und einem Ausbau des Angebots. Das ergab eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). 

Mehrere Landeskirchen kooperieren bei Informationen für die jungen Menschen und der Ausbildung von Beraterinnen und Beraterinnen untereinander sowie mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK). So sind an einer WhatsApp-Journey zum Thema Wehrdienst und der Webseite "wehrpflicht.sinnundsegen.de" die Kirchen in Hessen und Nassau, in Oldenburg, im Rheinland, in Mitteldeutschland und die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Evangelische Kirche der Pfalz beteiligt.

EKHN und EKKW verschicken Postkarten

Die evangelischen Kirchen in Hessen und Nassau (EKHN), die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) und die Evangelische Kirche der Pfalz nehmen mit Postkarten Kontakt zu Mitgliedern auf, die 18 Jahre alt werden, und weisen auf ihr Beratungsangebot hin. Die Karte ermutige die Empfänger, sich sorgfältig mit einer Entscheidung für oder gegen den Wehrdienst auseinanderzusetzen.

Wenn Bedarf bestehe, unterstützen sie auch "bei der Entwicklung einer geeigneten Begründung ihrer Gewissensentscheidung, sodass ein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt werden kann", teilen die EKHN und die EKKW dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit. Die Beratung der jungen Menschen sei ergebnisoffen, betonen die drei Kirchen. Im Zentrum stünden "die Begleitung und Ansprechbarkeit im Prozess der Gewissenbildung." 

Waffendienst bleibt Gewissenentscheidung

Die Beratungen verstünden sich als Begleitung bei der Gewissensbildung, sie seien vertraulich und kostenlos, erklärt auch die Bremische Evangelische Kirche. Sie legt Wert darauf, dass deren Beraterinnen und Berater keine Anträge auf Verweigerung des Kriegsdienstes formulieren. "Ein Gewissen lässt sich nicht delegieren", heißt es zur Begründung.

Sollten sich die Ratsuchenden für eine Kriegsdienstverweigerung entscheiden, stehe die Gewissensbegründung im Zentrum, betont auch der evangelische Friedensbeauftragten in der hannoverschen Landeskirche, Felix Paul. "Das eigene Gewissen zu beschreiben, fällt generell nicht leicht. Es geht also darum Biografie, Erfahrungen und Einstellungen zu erkunden, die das Gewissen geprägt haben könnten." Dabei stünden die Beraterinnen und Berater fragend zur Seite.

Viele Unklarheiten fördern Irritationen

Das Interesse an dem Thema ist definitiv gewachsen, zumal einige Punkte noch unklar seien, so Paul weiter. Für Unklarheit sorge etwa, dass es ab Mitte 2027 die Musterungspflicht gebe, eine allgemeine Wehrpflicht und die damit verpflichtende Einberufung aber vorerst weiter ausgesetzt sei, erläutert er. Auch sorge es für Irritationen, wenn die Bundeswehr bereits Werbung in die Briefkästen von Familien und jungen Menschen werfe, noch bevor der Fragebogen zur Wehrdiensterfassung dort gelandet sei.

Im Jahr 2026 hätten sich die Anfragen nach Beratung zum Thema Kriegsdienstverweigerung gegenüber dem Vorjahreszeitraum annähernd verdreifacht, berichtet auch die bayerische Landeskirche. Mehr als 40 Pfarrerinnen und Pfarrer, Religionslehrkräfte sowie Jugenddiakoninnen und Jugenddiakone der Evangelischen Jugend in Bayern bieten niedrigschwellige Kurzberatungen an. Ziel sei es nicht, "zu einer bestimmten Entscheidung zu raten, sondern junge Menschen dabei zu begleiten, eine verantwortete persönliche Entscheidung zu treffen", teilt die Landeskirche mit. 

Katholischerseits hat die Organisation pax christi Ende vergangenen Jahres bundesweit neue Beratungsstrukturen aufgebaut. Das Interesse nehme besonders dann zu, wenn das Thema Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung verstärkt in den Medien präsent sei, heißt es.

"In der Praxis wenden sich jedoch fast ausschließlich Menschen an pax christi, die sich bereits für eine Kriegsdienstverweigerung entschieden haben und Unterstützung beim Antragsverfahren suchen", sagte eine Sprecherin der ökumenischen Friedensbewegung in der katholischen Kirche.