Die Beatles hatten Morddrohungen erhalten, als sie im August 1966 ihre USA-Tournee starteten. "Schickt zuerst John raus, er ist derjenige, den sie wollen", soll Gitarrist George Harrison sarkastisch in Richtung seines Bandkollegen John Lennon gesagt haben, als ihr Flugzeug in Memphis/Tennessee landete. Eine Protestwelle brandete vor 60 Jahren über die "Fab Four" hinweg, die damals berühmteste Popband der Welt. Erzürnte Fans verbrannten öffentlich Beatles-Schallplatten, Radiosender boykottierten ihre Musik. Der rassistische Ku-Klux-Clan marschierte auf und drohte den Musikern mit Mord wegen Gotteslästerung.
Was war passiert? John Lennon, bekannt für seine Streitlust und spitze Zunge, hatte im März 1966 der befreundeten britischen Journalistin Maureen Cleave ein Interview gegeben. Cleave besuchte Lennon in dessen Haus in Weybridge in der Nähe von London und wunderte sich über seine zahlreichen Bücher über Religion und Spiritualität. Als sie den 25-jährigen Beatles-Sänger und Rhythmusgitarristen darauf ansprach, sagte er: "Das Christentum wird verschwinden. Es wird vergehen und schrumpfen." Und er fügte an: "Wir sind jetzt populärer als Jesus. Ich weiß nicht, was zuerst vergehen wird, Rock'n'Roll oder das Christentum. Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger waren dumm und einfältig. Sie haben es verdreht, und das ruiniert die Sache für mich."
Das flapsige Zitat führte Ende Juli 1966 zum "vielleicht ersten Shitstorm in der Geschichte der Popmusik". So sieht es der Münchner Beatles-Experte Nicola Bardola. Maureen Cleaves Artikel "How does a Beatle live. John Lennon lives like this" erschien zunächst im März 1966 im Londoner "Evening Standard", und nichts passierte. Erst als der Text am 29. Juli im liberalen US-amerikanischen Jugendmagazin "DateBook" wiederveröffentlicht wurde und überregionale US-amerikanische Medien darüber berichteten, schaukelte sich die Sache zum Skandal auf. Keine Reaktion rief indes ein ebenfalls wiederveröffentlichtes Interview von Paul McCartney hervor, der den Rassismus in den USA scharf verurteilt hatte.
Im religiös toleranten Europa habe kaum jemand von Lennons Aussage Notiz genommen, erläutert der NDR-Kulturredakteur Ocke Bandixen. Der Beatle sei vielen Menschen als Zyniker bekannt gewesen, der gerne provozierte und manchmal mit seinen Worten über das Ziel hinausschoss, sagt Bandixen, der einen Podcast über die Anfangstage der Beatles in Hamburg produziert hat.
"Beatlemania" war auf ihrem Höhepunkt
Lennon habe die Beatles nicht über Jesus und das Christentum stellen wollen, in dieser Einschätzung stimmen Bardola und Bandixen überein. Vielmehr habe er das Phänomen beschreiben wollen, dass seine Band für Jugendliche in Großbritannien Mitte der 1960er Jahre wichtiger gewesen sei als der Glaube und die anglikanische Kirche.
Lennons aus dem Zusammenhang gerissene Aussage über die popbegeisterte Jugend "war an der Grenze, aber sie trifft schon zu", sagt Autor Bardola. Die "Beatlemania" war 1966 auf ihrem Höhepunkt. Und dies flößte den Erwachsenen offenbar Angst ein. Sie fürchteten, die "Kontrolle" über ihre Kinder zu verlieren, so beschreibt es NDR-Redakteur Bandixen, der auch Weggefährten der Beatles interviewt hat.
Vatikan erbost
Die Folgen von Lennons "Jesus"-Zitat waren gravierend für die Beatles. Die Erwachsenen rechneten mit den vier "Pilzköpfen" ab, weil diese ihnen ihre Kinder genommen hätten, glaubt Bandixen. Auch katholische Länder wie Mexiko und selbst der Vatikan zeigten sich über Lennons Äußerungen erbost.
Beatles-Manager Brian Epstein wollte ursprünglich aus Furcht vor einem möglichen Attentat die USA-Tournee im Sommer 1966 abblasen. Auf einer Pressekonferenz in Chicago am 11. August 1966 entschuldigte sich Lennon, wenn auch halbherzig: Er habe keine religiösen Gefühle verletzen wollen. Aber er nahm seine Aussage nicht zurück: "Wenn ihr wollt, dass ich mich entschuldige, wenn euch das glücklich macht, also dann: Es tut mir leid."
Für die Beatles, aber auch für die Popmusik insgesamt war das Tohuwabohu um den sogenannten Jesus-Vergleich ein Wendepunkt: Die Band gab am 29. August 1966 im Candlestick Park in San Francisco ihren letzten Liveauftritt vor zahlendem Publikum und konzentrierte sich fortan auf die Studioarbeit. "Als positive Folge haben sie sich als Band musikalisch weiterentwickelt", sagt Bardola.
Die Popmusik sei danach politischer geworden, bilanziert Bandixen. Musikerinnen und Musiker hätten mutiger ihre Meinung geäußert. Dass Lennon sein Jesus-Zitat möglicherweise das Leben gekostet habe, glauben Bandixen und Bardola aber nicht. Der religiöse Eiferer Mark David Chapman erschoss Lennon am 8. Dezember 1980 in New York, er berief sich unter anderem auf das Zitat. Der psychisch kranke Attentäter habe "einfach einen Popstar töten wollen", sagt Bandixen. "Lennon starb daran, dass er ein Beatle war."



