27-Jährige fertigt Orgel in Schlosskirche

Gesine Große an der Orgel
epd-bild/Matthias Pankau
Orgelbauerin Gesine Grosse fertigt die neue Königin-Katharina-Orgel der Stuttgarter Schlosskirche. Die 27 Register tragen klangvolle Namen wie "Silberglanz" oder "Sternenklang".
Kulturerbe Orgelbau
27-Jährige fertigt Orgel in Schlosskirche
1.386 Pfeifen, 27 Register und ein Tablet: In der Stuttgarter Schlosskirche entsteht derzeit eine neue Orgel nach historischem Vorbild. Am Aufbau beteiligt: Gesine Große, eine Nachwuchs-Handwerkerin, die einem fast vergessenen Kulturerbe Zukunft gibt.

Gesine Große beugt sich über die Tastatur, setzt ein Messgerät an und drückt eine Taste. Ein leises Klicken. Dann die nächste Taste. Und die nächste. Hoch über ihr spannt sich das Sternengewölbe der Stuttgarter Schlosskirche, um sie herum ragen Holzgerüste und silbern schimmernde Pfeifen in die Höhe. Die 27-jährige Orgelbauerin prüft den Anschlag jeder einzelnen Taste der neuen Königin-Katharina-Orgel. "Jede muss sich gleich anfühlen", sagt sie.

Es sind solche unsichtbaren Details, die darüber entscheiden, ob aus einem Bauwerk ein Instrument wird. Und die zeigen, warum derzeit in der Schlosskirche etwas Außergewöhnliches geschieht. Während vielerorts Gemeinden sparen und Kirchen um ihre Zukunft ringen, wird mitten im Herzen Stuttgarts eine neue Orgel gebaut.

Dabei gilt die evangelische Schlosskirche selbst als Besonderheit. Der zwischen 1558 und 1562 errichtete Bau war einer der ersten eigens als protestantische Kirche errichteten Sakralräume Württembergs.

Erster protestantischer Kirchenbau Württembergs

Rund 200 bis 300 Menschen finden hier Platz. Die Akustik ist hervorragend, doch die bisherige Orgel aus dem Jahr 1980 war technisch verschlissen und klanglich an ihre Grenzen gekommen.

Nun erhält die Kirche ein Instrument, das Geschichte und Gegenwart verbindet. Die neue Königin-Katharina-Orgel orientiert sich an einer historischen Walcker-Orgel von 1865, die einst perfekt mit dem Raum harmonierte. Zugleich steckt in dem Neubau erstaunlich viel moderne Technik.

Tablet speichert persönliche Einstellungen

Wer bei Orgeln nur an jahrhundertealte Mechanik denkt, erlebt am Spieltisch eine Überraschung. Rechts neben den Manualen ist unauffällig ein Tablet in das Holz eingelassen. Hier können Organisten persönliche Einstellungen speichern. Und theoretisch könnte sogar ein Laie die Orgel spielen lassen und für einen Moment wie ein Virtuose wirken.

Das Herz des Instruments bleibt dennoch traditionelles Handwerk. 1.386 Pfeifen werden eingebaut, gestimmt und auf den Raum abgestimmt. Die 27 Register tragen klangvolle Namen wie "Silberglanz" oder "Sternenklang". Jede Pfeife muss ihren Platz finden, jede Nuance des Klangs erarbeitet werden.
Für Gesine Große ist das Alltag. Die gebürtige Jenaerin begann 2018 ihre Ausbildung und arbeitet heute bei Rieger Orgelbau, einem der größten Orgelbauunternehmen der Welt. Rund 60 Spezialisten aus 14 Nationen fertigen dort Instrumente für Kirchen, Hochschulen und Konzertsäle.

Größter Markt ist China

"Nur mit Kirchen könnten wir nicht überleben", sagt Große. Zwar entstehen oder werden in ihrem Betrieb jedes Jahr mehrere Kirchenorgeln gebaut oder restauriert. Die umfangreichsten Projekte werden inzwischen jedoch anderswo umgesetzt. "Die größten und kostenintensivsten Instrumente bauen wir heute in China, meist in Konzertsälen."

Der Orgelbau ist zur Nische geworden. In Deutschland gibt es noch rund 400 Orgelbauer, darunter nur etwa 20 größere Betriebe. Dabei besitzt kaum ein Land eine vergleichbare Tradition. Rund 50.000 Pfeifenorgeln stehen hierzulande, 2017 erklärte die UNESCO Orgelbau und Orgelmusik zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Bis eine neue Orgel erklingt, vergehen oft Jahre. Planung, Finanzierung, Bau und klangliche Feinabstimmung gleichen einem Hausbau. Tausende Arbeitsstunden stecken in einem Instrument wie jenem in der Schlosskirche.

Einweihungskonzert Ende August

Noch herrscht dort Baustellenatmosphäre. Doch Ende August wird aus Holz, Metall, Luft und unzähligen Handgriffen Musik. Dann erklingt die Königin-Katharina-Orgel erstmals öffentlich beim Abschlusskonzert des Internationalen Orgelsommers. Stiftskantor Kay Johannsen wird das Einweihungskonzert wegen der begrenzten Plätze gleich zweimal spielen.

Für die Besucher dürfte das ein außergewöhnliches Konzerterlebnis werden. Für Gesine Große ist es vor allem der Abschluss monatelanger Arbeit. Wenn die ersten Töne unter dem Sternengewölbe aufsteigen, wird niemand mehr sehen, wie viele Stunden sie zuvor jede einzelne Taste geprüft hat. Hören aber werden es alle.