Kantor verkauft Takte der Widor-Toccata

Kantor mit Notenbuch vor Otgel
epd/Schroeder
Kantor Christoph Demmler freut sich auf das Finale seiner Verkaufsaktion am 19. Juli 2026 - zeitgleich mit dem Finalspiel der Fußball-WM.
Fundraising für Orgelsanierung
Kantor verkauft Takte der Widor-Toccata
Bei allgemein knappen Kassen sind originelle Ideen gefragt: Damit die Orgel der Münchner Christuskirche einer umfangreichen Revision unterzogen werden kann, soll das nötige Geld über den Verkauf von Kirchenmusik organisiert werden.

Die Rieger-Orgel der Christuskirche München-Neuhausen muss nach 25 Jahren generalüberholt werden. Um die Kosten von 160.000 Euro zu finanzieren, lässt sich das Team um Kirchenmusikdirektor Christoph Demmler einiges einfallen.

Derzeit verkauft der Kantor die Toccata aus der Symphonie Nr. 5 des französischen Komponisten Charles-Marie Widor - ein Takt für 100 Euro, drei Takte zum Sonderpreis von 250 Euro. Jeden dritten Sonntag im Monat erklingt das Stück am Ende des Gottesdiensts - genau so lange, wie Takte verkauft wurden.

epd: Herr Demmler, wer kauft denn bitte einen Takt Orgel-Musik?

Demmler: Die Idee war in der Gemeinde schon bekannt, mein Vor-Vorgänger hat das vor Jahren mal mit der Bach-Toccata gemacht, und viele hatten darauf wieder Lust. Die Vorlieben der Käufer sind ganz unterschiedlich: Der letzte Takt zum Beispiel ist schon weg, den wollte eine Chorsängerin gerne haben. Manche picken sich die Takte passend zu ihrem Geburtsjahr raus. Ehepaare schenken sich gegenseitig drei Takte Musik. Und ein Käufer wollte unbedingt einen Takt mit einer Note "fis". Jeder Spender bekommt anschließend eine Urkunde, auf der "sein" Takt abgedruckt ist.

epd: Wie viel Musik bekommt man denn für die 100 Euro?

Demmler: Die Widor-Toccata hat 78 Takte mit dem eher seltenen Taktmaß "Vier Halbe". Da das Stück sehr schnell ist, bekommt man also für 100 Euro 32 Sechzehntel-Noten - das sind schon ganz schön lange Takte. Bislang sind schon etwa 75 Prozent vergeben. Jeden dritten Sonntag im Monat spiele ich die Toccata am Ende des Gottesdiensts so weit, wie Takte am Stück verkauft sind. Unten im Kirchenschiff sind dann immer alle gespannt, wie weit es reicht - das ist schon ein ungewöhnliches Hörerlebnis, weil die Musik an einer Stelle abbricht, wo es nicht passt. Ich bin zuversichtlich, dass wir am letzten Aktionssonntag am 19. Juli das ganze Stück spielen können. Das wäre dann noch ein Finale am Final-Sonntag der Fußball-Weltmeisterschaft.

epd: Mit der Takt-Aktion erzielen sie maximal 7.800 Euro, aber die Überholung der Orgel kostet 160.000. Warum ist das so teuer und woher kommt das restliche Geld?

Demmler: Aktuell haben wir ungefähr 60.000 Euro an Spenden eingesammelt, fehlen also noch 100.000. Bei einer Orgelrevision muss jede Pfeife einzeln herausgenommen und von Staub und Schmutz gereinigt werden - in unserem Fall sind das 3.000 Pfeifen! Außerdem müssen auch die drei Manuale mit je 50 Tasten sowie die Fußpedale überprüft werden, ob die Federn und die Ventilverbindungen gut funktionieren, ebenso der Motor und die Windkanäle. Das ist alles Handarbeit und dauert entsprechend lang: von Januar bis April 2027. Hinterher ist dafür der Klang wieder klarer und die Tasten klappern nicht mehr so. Die Widor-Toccata ist nur ein Baustein zur Finanzierung. Aber mit einer guten Idee lassen sich die Leute auch zum Spenden anregen.