Ob Adolf Grimme das wirklich so gesagt hat, sei dahingestellt, aber seiner Haltung hätte das Zitat durchaus entsprochen: "Wir senden, was die Leute sehen wollen sollen." Grimme, Namenspatron des renommiertesten deutschen Fernsehpreises, war nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Gründung des deutschen Rundfunks beteiligt und wurde 1948 erster Generaldirektor des damaligen NWDR. Knapp achtzig Jahre später können sich ARD und ZDF eine derart pädagogische Ausrichtung längst nicht mehr leisten, was wiederum zur Folge hat, dass sehenswerte Reihen regelmäßig eingestellt werden, wenn das Publikumsinteresse nachlässt; zum Beispiel die "Urbino-Krimis" (2016).
Hauptfigur der beiden Filme ist Verkehrspolizist Roberto Rossi (Leonardo Nigro), der mit dem zugereisten deutschen Ex-Kommissar Gruber (Hannes Jaenicke) um die Gunst der attraktiven Baronesse Malpomena del Vecchio (Katharina Wackernagel) wetteifert. Die Dame wittert allerdings hinter jeder maskulinen Höflichkeit gleich eine Paarungsabsicht. Außerdem wird der "Poliziotto", wie die als Vorlage dienende Romanreihe von Uli T. Swidler heißt, bei seinen Ermittlungen regelmäßig von seinem Chef (Tonio Arango) behindert. Die angehende Medizinerin Malpomena lässt sich zwar gern von Roberto chauffieren, weist ihn jedoch regelmäßig darauf hin, dass sein Roller kein angemessenes Gefährt für sie sei; und manchmal fährt die Vespa nicht mal.
"Mord im Olivenhain" war der zweite und letzte Film. Er beginnt wie ein Thriller: In den weitverzweigten Gängen unter der mittelitalienischen Stadt Urbino geschieht ein Mord. Es handelt sich allerdings um eine Tat mit Verzögerung: Das Opfer ist durch einen Kopfschuss tödlich verletzt, schafft es aber irgendwie bis in die Olivenplantagen der beiden Nachbarn Rossi und Gruber. Der Tote ist Malpomenas Mentor, sie betrachtet es daher als eine Frage der Ehre, dass sie die rechtsmedizinische Untersuchung übernimmt; und Gruber liefert die erstaunliche Erklärung dafür, warum sich der Professor als "Dead Man Walking" noch so weit schleppen konnte. Ein weiterer Mord bringt Rossi auf eine Spur, die in die Katakomben führt. Dort hat unterdessen der sinistre Olivenölhändler Asso (Patrick von Blume), der ein düsteres unterirdisches Geheimnis hütet, den Bruder des Polizisten lebendig eingemauert.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Natürlich treffen sich die wichtigsten Beteiligten zum Finale in den finsteren Gängen, und weil die ARD-Donnerstagskrimis mehr oder minder familientauglich sein sollen, hält sich die Spannung in Grenzen. Dafür darf erneut Axel Neumann als Streuner Luigi sein Unwesen treiben: Nach einer unsanften Begegnung mit einem alptraumhaft maskierten Mann geht er Polizeichef Cotelli mit seinem Gefasel vom Golem auf die Nerven. Tonio Arango verkörpert den Commissario, dem seine hübsche Assistentin Maria (Patrizia Carlucci) auf der Nase rumtanzt, fast wie eine Comedy-Figur. Schließlich drauf wird er von Luigi niedergeschlagen, weil der ihn wegen der Kapuze seines Sportpullis für den Golem hält.
Etwas überflüssig ist ein Nebenstrang, in dem Malpomena mehr oder minder unverblümt von ihrer Großmutter zur Fortpflanzung aufgefordert wird, damit das Geschlecht der del Vecchios nicht ausstirbt. Das Geplänkel sollte vermutlich die Vorlage für eine mögliche Fortsetzung liefern: Die bislang platonische Freundschaft zwischen der Baronesse und dem Polizisten könnte aufgrund der drohenden Enterbung das nächste Level erreichen, was natürlich Zündstoff für die fragile Dreierbeziehung gewesen wäre.
Sehenswert ist "Mord im Olivenhain" auch wegen der Bildgestaltung (Regie: Uwe Janson, Kamera: Marcus Stotz): Die Aufnahmen sind immer wieder leicht verfremdet, die Dialoge gern durch kurze Rückblenden illustriert. Die unvermeidlichen Schmuckbilder mit Panorama-Aufnahmen des Städtchens sind gut in den Filmfluss integriert, zumal sie die Atmosphäre unterstreichen. Reizvoll ist auch die teilweise rätselhafte Ausstattung; beim Olivenhändler beispielsweise hängt ein Tischfußballspiel an der Decke. Leonardo Nigro verkörpert seinen Roberto mit einer geschmeidigen Souveränität, die ihn wie eine späte eidgenössische Antwort auf Russel Crowe wirken lässt. Sein Understatement ist ungleich gehaltvoller als der handfeste Humor, mit dem Arango den Polizeichef ausstatten muss. Sehr originell sind dagegen Augenblicke wie jener, als der Tote an einem Olivenbaum lehnt und erst umkippt, als ihm eine Olive auf den Kopf fällt. In diesem Film liefert Gruber auch eine schlüssige Erklärung für seinen Umzug nach Italien: Selbst sein zwanzig Jahre währender Kampf gegen die Mafia hat ihm die Liebe zu diesem Land nicht nehmen können.




