Das hat Steffi Graf nicht verdient. "German Robot" nennt der Schnösel aus Las Vegas die deutsche Tenniskönigin: weil sie keine Fehler macht, offenbar nie müde wird und garantiert auch keinen Humor hat. Kurz drauf wird Andre Agassi bei einer ungeplanten gemeinsamen Pressekonferenz eines Besseren belehrt: Der vermeintliche Roboter erweist sich als schlagfertig und witzig; der Punkt geht klar an die Brühlerin.
Das Geplänkel bildet nicht den Auftakt des Films, aber es setzt nach wenigen Minuten den Tonfall: "Perfect Match" (2024), ursprünglich für Amazon Prime Video entstanden, entpuppt sich als sehr sympathische und überraschend heitere romantische Komödie. Natürlich resultiert der Reiz der Handlung nicht zuletzt aus der Popularität der beiden Topstars, doch die schönsten Szenen sind jene, in denen Florian Gallenberger (Buch und Regie) seine Fantasie spielen ließ.
Vermutlich hat er der Romanze in diesen Momenten ein wenig auf die Sprünge geholfen, zumal die dramaturgische Konstruktion ähnlich wie Martin Suters Roman über die Liebe zwischen Bastian Schweinsteiger und Ana Ivanović ("Einer von euch", 2022) eine gewisse Vorherbestimmtheit nahelegt. Aber wenn Agassi in Rom durch den Sucher seiner Kamera schaut und dabei zufällig Steffi erblickt, die beiden spontan mit einer Vespa durch die ewige Stadt brausen und sich schließlich auf einem vergessenen Tennisplatz ein Spaßmatch liefern: Das ist großes Kino.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Davon abgesehen hat Gallenberger (zuletzt unter anderem "Es ist nur eine Phase, Hase", 2021) die fiktionalen Momente sehr geschickt mit den Fakten verknüpft. Es dauert eine Weile, bis aus der gegenseitigen Wertschätzung erst Zuneigung und irgendwann Liebe wird. Zuvor gilt es, einige Höhen und Tiefen zu durchleben, sportlich wie auch privat. Mit ein wenig künstlerischer Freiheit suggeriert Gallenberger, dass Agassi nur deshalb Wimbledon gewinnen will, um mit Steffi Graf den Siegeswalzer tanzen zu können, aber sie kommt mit ihrem Freund, dem Rennfahrer Michael Bartels (Leonard Scheicher), zum "Winners Ball"; also tröstet sich der Paradiesvogel mit der Schauspielerin Brooke Shields.
Weil ihm Tennis fortan nicht mehr so wichtig ist, setzt ihn sein Coach Nick Bollettieri vor die Tür. Steffi muss derweil hilflos miterleben, wie Vater Peter (Michael Kessler) wegen Steuerhinterziehung in vielfacher Millionenhöhe verhaftet wird; ein Fressen für die Boulevardpresse. Wie Gallenberger aus all’ diesen Zutaten einen zuweilen kühnen, aber jederzeit kurzweiligen Mix aus Sport, Gefühl und Drama bereitet hat, ist tatsächlich beeindruckend. Und doch sind es vor allem die beiden wichtigsten Mitwirkenden, die aus "Perfect Match" mehr als bloß einen Tennisfilm machen.
Lena Klenke hat ihr Talent mittlerweile oft genug bewiesen, aber "Perfect Match" stellt noch mal eine andere Ebene dar als etwa die Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" (seit 2019); immerhin ist es eine besondere Herausforderung, eine Frau zu spielen, deren Erfolge die meisten Deutschen noch lebhaft vor Augen haben.
Dass Klenke in der Lage ist, sportliche Aufgaben zu meistern, hat sie bereits mit ihrer ersten Hauptrolle in dem Pferdefilm "Rock My Heart – Mein wildes Herz" (2017) gezeigt. Für "Perfect Match" musste sie jedoch nicht nur eine Sportart lernen, die ihr bis dahin völlig fremd war: Sie ist im Gegensatz zu Steffi Graf Linkshänderin. Den glaubwürdigen Tennisszenen ist das allerdings nicht anzumerken. Ohnehin braucht die Tragikomödie den Vergleich mit Filmen wie "King Richard" (2021, über den Werdegang von Venus und Serena Williams) oder "Der Rebell – Von Leimen nach Wimbledon" (über Boris Becker, 2021, RTL) nicht zu scheuen.
Als "Perfect Match", ohnehin ein cleverer Titel, erweist sich auch die Kombination mit dem Engländer Toby Sebastian, der seine Sache als Posterboy und "Rockstar des Tennis" ebenfalls ausgezeichnet macht. Über all’ das hinaus ist auch Gallenbergers Inszenierung sehenswert, zumal sein Film mehrfach durch verblüffend plausible Parallelmontagen erfreut, zum Beispiel gleich zu Beginn, als die zehnjährige Steffi und der etwa gleichaltrige Andre beim Tennistraining von den ehrgeizigen Vätern getriezt werden. Peter Graf nimmt allerdings eine unheilvolle Entwicklung.
Michael Kessler verkörpert ihn konsequent alles andere als liebenswert. Auch die wichtigen Nebenfiguren sind mit Bianca Bardoe als Brooke Shields, Inka Friedrich als Heidi Graf und Danny Szam als Philly Agassi treffend besetzt. In einer der witzigsten Szenen proben die beiden Brüder, wie Andre seinen Schwarm ansprechen soll; und dann stottert er trotzdem rum wie ein verliebter Teenager.




