Es war ein völlig neuartiger und noch nie dagewesener Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg, den Hitler-Deutschland vor 85 Jahren am 22. Juni 1941 begann: Mit dem "Unternehmen Barbarossa" startete ein machtpolitisch, wirtschaftlich und rassenideologisch motivierter Vernichtungskrieg, bei dem auf sowjetischer Seite insgesamt etwa 27 Millionen Menschen ihr Leben verloren, davon knapp die Hälfte Soldaten.
Viele davon starben in Kriegsgefangenenlagern, auch im niedersächsischen Sandbostel. Um auf sie aufmerksam zu machen, besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen mit seiner Ehefrau Elke Büdenbender im Juni 2021 mit Blick auf den 80. Jahrestag des Überfalls die Gedenkstätte Lager Sandbostel.
Hier im tristen Moor waren mehr als 300.000 Kriegsgefangene aus über 55 Nationen interniert, darunter über 70.000 Soldaten der Roten Armee. Besonders ihnen versagte die Wehrmacht den Schutz durch das internationale Kriegsvölkerrecht.
Tod im Lager durch Hunger und Krankheiten
Tausende starben im Lager und seinen Arbeitskommandos an Entkräftung, Hunger und Mangelerkrankungen. Zu ihrem Gedenken legte Steinmeier einen Kranz auf dem Lagerfriedhof nieder. "Dieser Besuch gilt einer Opfergruppe, die in der deutschen Erinnerung weitgehend im Schatten geblieben ist", sagte er damals und betonte: "Das Sterben hat nicht nur in der Ferne stattgefunden, sondern auch hier bei uns."
Zuvor waren Wehrmacht und deutsche Zivilbevölkerung nach den Worten von Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann jahrelang mit rassistischer und politischer Propaganda auf den Kampf gegen die vermeintlichen "Untermenschen" und den "jüdischen Bolschewismus" vorbereitet worden. "Sie setzten in der Folge die Vorgaben gewissenhaft und erbarmungslos um", erinnert der Historiker.
Kriegsgefangenen wurden alle Rechte versagt
Von den mehr als drei Millionen 1941 in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten starben seinen Angaben zufolge bis zum Frühjahr 1942, also innerhalb von wenigen Monaten, etwa zwei Drittel. "Bis zum Kriegsende sollten es insgesamt etwa 5,7 Millionen Gefangene werden, von denen mindestens 2,6 Millionen, wahrscheinlich jedoch bis zu 3,3 Millionen Menschen ums Leben kamen." Eine kaum vorstellbare Zahl.
"Diese systematische Missachtung der auch vom Deutschen Reich ratifizierten Genfer Konvention und der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen gelten heute als eines der größten Kriegsverbrechen in der Geschichte", bekräftigt Ehresmann und zitiert in diesem Zusammenhang den für das Kriegsgefangenenwesen zuständigen NS-Generalquartiermeister Eduard Wagner: "Nicht arbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern."
Anonyme Bestattung in Massengräbern
Auch in Sandbostel waren die sowjetischen Kriegsgefangenen unter katastrophalen Bedingungen untergebracht. So bekamen die Rotarmisten ein "Russenbrot" aus Laub, Sägespänen und wenig Mehl. "Die Verstorbenen wurden anonym in Massengräbern auf dem Lagerfriedhof verscharrt", blickt Ehresmann zurück.
Bis heute sei die Zahl der in Sandbostel oder den Arbeitskommandos ermordeten oder an Krankheiten und Mangelversorgung gestorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen nicht bekannt. Die Opfer stammen aus allen sowjetischen Teilrepubliken und liegen gemeinsam in den Massengräbern. Daran will die Gedenkstätte am kommenden Montag ab 17 Uhr auf dem Lagerfriedhof und mit einem Vortrag in der Gedenkstätte erinnern.




