"Man kann sagen, dass die Stadt überlebt, solange dort Menschen sind", sagt Viktoriia. Als der Krieg begann, war sie gerade 19 Jahre alt. "Jedes geöffnete Geschäft, jede Poststelle, jeder Elektriker, einfach alle, die in Cherson leben und arbeiten, geben der Stadt Kraft zum Weitermachen."
Cherson liegt direkt an der Front, die russischen Angreifer stehen nur wenige Kilometer entfernt, am anderen Ufer des Flusses Dnipro. Fast 300.000 Menschen lebten hier einmal, jetzt sind es noch rund 60.000.
"Die Russen haben ihre Angriffe in letzter Zeit intensiviert. Denn sie wissen, dass sie verlieren. Und jetzt versuchen sie nur noch, die Stadt niederzubrennen." Während sie erzählt, geht Viktoriia am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals entlang, durch hüfthohes Gras. In Cherson könnte sie das nicht machen, sagt sie, denn dort wäre die Gefahr zu groß, auf einen Sprengsatz zu treten.
Wo Krieg zum Alltag wird
Trotz Raketen, Scharfschützen und Drohnen - Probleme, nachts zu schlafen, hat die junge Ukrainerin nicht. "Wenn sich Menschen aus anderen Städten bei mir melden und sagen, dass es nachts schlimme Angriffe auf Cherson gab, und fragen, wie es mir geht, sage ich oft: Oh, ich habe nichts gehört. Ich habe einfach geschlafen." Nicht nur sie habe dieses "Problem", meint Viktoriia und lächelt. Der Krieg in Cherson ist Alltag geworden.
Viktoriia Maryshchuk hat Englisch studiert, als Lehrerin gearbeitet und ist jetzt bei der Regionalbehörde von Cherson angestellt. Eine Karriere unter Kanonenfeuer. In Schleswig-Holstein sucht sie Partner für den Wiederaufbau ihrer Stadt.
Dass der gelingt, daran zweifelt sie keine Sekunde. "Zusammen mit unseren internationalen Partnern und allen Unterstützern werden wir unsere Stadt und die ganze Region wieder aufbauen. Und Cherson wird schöner und wohlhabender sein als vor dem Krieg."
Auf ihrem Handy hat sie eine Chat-Gruppe, in der Menschen ganz aktuell Angriffe und Sichtungen von Drohnen posten. So warnen sich die Bewohner gegenseitig. Im Jahr 2022 war die Stadt mehrere Monate von russischen Truppen besetzt, bevor die Befreiung gelang. Die Versorgung war damals schlecht, die Menschen bauten Gemüse im eigenen Garten an, erinnert sich Viktoriia.
"Eine Zeit lang konnten wir in einem Kindergarten wohnen, weil meine Mutter Kindergärtnerin ist", sagt sie. Ihr altes Haus hätten die Russen zerstört. Fünfmal seien sie und ihre Eltern schon innerhalb Chersons umgezogen. Doch der Wille zum Wiederaufbau der Stadt ist groß.
"Im Oktober war ich schon zu Besuch in Deutschland mit einigen Landwirten aus der Ukraine", sagt Viktoriia. Ziel war ein Erfahrungsaustausch mit deutschen Landwirten. "Wir wollen wissen, wie in Deutschland gearbeitet wird. Wie die Bauern in Schleswig-Holstein produzieren. Es ist unser Ziel, dass wir uns weiterentwickeln, trotz des Krieges."
Neue Städtepartnerschaften
Seit 2024 gibt es eine Städtepartnerschaft zwischen Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel und Cherson. Jetzt könnte eine Partnerschaft zwischen Wysokopilla, einer Kleinstadt in der Region Cherson, und dem norddeutschen Ratzeburg folgen. Ein Kontakt, den der evangelische Pastor Kai Feller aus Ratzeburg ermöglicht hat. Auch deshalb ist Viktoriia Maryshchuk diesen Sommer wieder nach Deutschland gekommen.
Die Menschen hätten bereits angefangen, nach Cherson zurückzukommen, sagt Viktoriia. Noch nicht viele, aber die ersten wagen es. Nach ihren Gesprächen in Norddeutschland wird die junge Frau in die Ukraine zurückfahren. In eine Region, die vom Krieg gezeichnet ist und in der die Menschen trotzdem an die Zukunft glauben.



