Mittwochnachmittag auf dem Sindelfinger Burghaldenfriedhof: "Café Herzenszeit" prangt in großen grünen Lettern auf einem überdimensionalen Aufsteller am Eingang. Ein paar Meter daneben ist das Kuchenbuffet aufgebaut: Erdbeerkuchen, Hefezopf und Schneckennudeln stehen zur Auswahl. Alles selbstgebacken wohlgemerkt.
Kalt ist es heute. Deshalb haben die Verantwortlichen das Café ausnahmsweise ins Innere verlegt: in einen kleinen Raum am Eingang des Friedhofs. "Normalerweise sitzen wir dort drüben unter den Bäumen", sagt Helga Jakubowski und zeigt auf eine frisch gemähte Wiese.
Erst seit ein paar Wochen gibt es das Café auf dem Friedhof. Immer mittwochnachmittags. Und erweist sich von Anfang an als ein Selbstläufer. "Wir hatten die letzten Male bei schönem Wetter zwischen 35 und 50 Gäste", berichtet Jakubowski. Sie ist die Ehrenamtskoordinatorin der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Sindelfingen und hatte die Idee für das Friedhofscafé.
Sie stieß damit auf offene Ohren in der Gemeinde. Und als sie sich wegen der Finanzierung an die Sindelfinger Bürgerstiftung wandte, rannte sie dort offen Türen ein. "Wir hatten bereits dieselbe Idee", berichtet Heike Stahl vom Vorstand der Stiftung. Und so schlossen sich Kirche und Bürgerstiftung zusammen, um das Projekt zu starten. Außerdem mischen Ehrenamtliche des ambulanten Ökumenischen Hospizdienstes mit.
"Darum geht es doch: andere Leute zu treffen"
Wegen der kühlen Temperaturen sind an diesem Nachmittag weniger Besucher gekommen als in den Wochen zuvor. Vier ältere Frauen sitzen in der hinteren Ecke gemeinsam an einem Tisch. Jeweils zu zweit sind sie gekommen, kannten sich zuvor nicht. Nun sind sie in ein angeregtes Gespräch vertieft. "Darum geht es doch: andere Leute zu treffen", sagt die eine. "Das ist ein tolles Angebot. Wir haben nun einen weiteren Anlaufpunkt unter der Woche", sagt eine andere.
Ein Mann betritt den Friedhof. Sofort wird er freundlich von Heike Stahl angesprochen: "Wollen Sie eine Tasse Kaffee trinken?" "Gerne", sagt der Besucher und nimmt sich auch ein Stück Kuchen. "Ich habe Verwandtschaft auf dem Friedhof liegen. Außerdem gehe ich hier gerne spazieren", sagt der Mann, der sich als Mohamed Esmat vorstellt und ganz begeistert vom neuen Angebot ist. "Das erinnert mich an meine Heimat Ägypten. Da nehmen wir an Feiertagen auch Essen mit zum Friedhof, um mit unseren Toten gemeinsam Zeit zu verbringen."
Friedhofscafés boomen
Bereits seit einigen Jahren existieren solche Angebote auf dem Stuttgarter Pragfriedhof sowie dem Hauptfriedhof. Auch in Hechingen servieren Freiwillige bereits seit sechs Jahren in den Sommermonaten Kaffee und Kuchen bei den Grabfeldern.
Neue Initiativen sind jüngst neben Sindelfingen auch in Tübingen und Böblingen an den Start gegangen. "20 Gäste hatten wir gleich beim ersten Mal", berichtet Petra Geldner vom Organisationsteam in Tübingen. Gerade einmal sechs Monate dauerte es von der ersten Idee bis zum ersten Kaffeetreff am 20. Mai auf dem Bergfriedhof. Das dreiköpfige Leitungsteam hat in dieser Zeit zwei Treffen für Ehrenamtliche organisiert, mit der Stadt- und Friedhofsverwaltung gesprochen, Tische, Stühle und Geschirr gekauft. Die Resonanz bei der Suche nach freiwilligen Helfern war erfreulich. Etwa 20 Interessenten haben sich in die Mitarbeiterliste eingetragen. In Sindelfingen sind es mehr als 25 Helfer.
Träger der Friedhofcafés, die Namen wie Herzenszeit, Café Kränzchen oder Vergissmeinnicht tragen, sind Kirchengemeinden, Diakonievereine, Bürgerstiftungen und Hospizdienste. Die Ehrenamtlichen kommen aus allen Bereichen. Für die Besucher ist das Angebot kostenlos, Spenden sind aber gerne willkommen. "Wir wollen das Angebot bewusst niedrigschwellig halten, damit sich jeder hier reintraut", sagt Heike Stahl aus Sindelfingen.
Nicht nur für Trauernde
Ausgeschenkt wird fairer Kaffee, die Kuchen sind Spenden von ehrenamtlichen Bäckerinnen. Gute Erfahrungen machen die meisten Organisationsteams mit den Stadt- und Friedhofsverwaltungen. "Unsere Idee wurde sehr positiv aufgenommen und die Friedhofsverwaltung unterstützt uns mit Wasser und Strom", berichtet Petra Geldner. Positiv sei, dass man in Tübingen die Tische unter dem offenen Dach der Aussegnungshalle aufbauen könne. Ein Schutz vor Regen und sengender Sonne.
Ganz ausdrücklich sollen die Cafés keine Trauercafés sein. "Wir wollen alle ansprechen: Trauende, aber auch Spaziergänger." Die meisten Gäste sind positiv überrascht von diesem Angebot. "Ich komme ab jetzt jeden Mittwoch", verkündet Rollstuhlfahrer Telly, der mehrmals wöchentlich das Grab seiner Frau auf dem Tübinger Bergfriedhof besucht. Und er verspricht: "Nächstes Mal bringe ich ein paar Leute mit."



