Silent Cut: Die gebuchte Stille beim Friseur

Bildausschnitt vom Haareschneiden
epd-bild / Jürgen Blume
Eigentlich ist Kommunikation Teil der Friseur-Ausbildung - aber es geht auch ohne.
Haareschneiden ohne Small Talk
Silent Cut: Die gebuchte Stille beim Friseur
Eine Pause im Alltag: Der "Silent Cut", der stille Haarschnitt, hat als Service Einzug gehalten - ein Friseurbesuch ganz ohne den üblichen Small Talk. Der Trend hält sich und ist auch für manche Haarstylisten eine willkommene Ruhepause.

Kopf zurück, Augen zu und die Ruhe beim Haarewaschen, Schneiden und Stylen genießen: 2019 in London entstanden und etwa 2020 nach Deutschland gekommen, hat der "Silent Cut" (wörtlich: stiller Haarschnitt) seinen Platz in vielen Salons gefunden. Der Small Talk über Urlaub oder Wetter beim Haareschneiden fällt dabei aus.

"Wir haben von dem Silent Cut im Radio gehört und dachten, das ist ja spannend, das probieren wir mal", sagt Katharina Lucka, Friseurmeisterin und Inhaberin eines Salons in Lübeck. Aus dem Probieren ist "mit im Programm" geworden. "Wir besprechen am Anfang alles Frisur-Relevante und dann schweigen wir."

Kunden, die diese Stille buchen, buchen sie immer wieder, wie sie sagt: "Ich glaube, dass viele den Small Talk unangenehm finden." Friseure seien das Gespräch gewohnt, doch die Kunden nicht: "Wir dringen in die Privatsphäre ein, da wir sie ja berühren, und bei uns ist diese Barriere dann gebrochen und wir plappern munter drauflos. Das mag aber nicht jeder."

Den Silent Cut gibt es im Lübecker Friseursalon in zwei Varianten: einmal einfach ohne Plaudereien und einmal zudem noch in einem separaten Raum. Hier bedient das Team auch Kunden und Kundinnen mit einer autistischen Besonderheit oder Menschen, die mit sozialen Interaktionen überfordert sind und Hilfe beim Abbau von sensorischen Barrieren brauchen.

Aber es gebe auch Kundinnen und Kunden, die sich gerne mit der Friseurin unterhielten, sagt Lucka. Beliebt seien dabei die Themen Familie, Partnerschaft und Arbeit.

Menschen suchen bewusst einen Ort der Ruhe

Auch der Wiesbadener Star-Hairstylist Alexander von Trentini kennt den Wunsch der Kundschaft nach Stille. "Ich erlebe, dass die Menschen bewusst einen Ort der Ruhe wie zum Beispiel den Friseurbesuch dafür nutzen, um zu genießen und aufzutanken." Neben der Arbeit in seinen beiden Wiesbadener Salons ist er auch international auf Fashion Weeks tätig und beobachtet dort, dass die Models einen Moment der Stille vor dem Sturm haben wollen, einige auch die Augen schließen.

Als Einzeldienstleistung bietet er den Silent Cut bislang nicht direkt im Salon an. Dies sei jedoch in Planung. Aber Entspannung und Ruhe sind ihm schon heute wichtig: Leichte Hintergrundmusik, Aromatherapie, Empfangsmassage und die Regel, während des Föhnens nicht zu reden. "Wir möchten dem Kunden einen eigenen Raum bieten", sagt er. Unangebrachte, aufgesetzte Gespräche seien nicht kundenorientiert. Gut zwei Drittel seiner Kundschaft sei im Job sehr angespannt und habe viel Kommunikation im Alltag. Die, die gerne redeten, hätten meist eine bereits vertraute Beziehung zum Friseur.

Antonio Weinitschke ist Art Director beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks in Köln und sagt, der Silent Cut sei Ausdruck eines veränderten Kundenbedürfnisses nach Entschleunigung. "Er hält sich, weil die Nachfrage nach individuell gestaltbaren Salon-Erlebnissen kontinuierlich steigt."
Auf Kundenkommunikation werde schon in der Friseur-Ausbildung viel Wert gelegt. Angehende Friseure und Friseurinnen lernten, wie sie auf Wünsche eingingen, aktiv zuhörten und Beratungsgespräche führten. Und es werde auch vermittelt, dass Stille respektiert werden sollte, wenn Kunden dies wünschten. Weinitschke beobachtet, dass Salons das Angebot des stillen Haarschnitts bewusst kommunizieren, auch wenn es nicht flächendeckend verbreitet sei. Besonders in städtischen Regionen und im gehobenen Wellnessumfeld werde diese Option genutzt.

Und er merkt an: Stille Momente böten nicht nur einen Mehrwert für Kunden, die Entspannung suchten, sondern auch für Friseure selbst. Katharina Lucka kann das bestätigen: "Ich selbst genieße es mal, einfach in Ruhe arbeiten zu können." Und Alexander von Trentini sagt: "Es ist Entspannung, fast schon Meditation während der Arbeit."