Apostel Paulus stellt Cäsar in den Schatten

Apostel Paulus
epd-bild/Cristian Gennari
Paulus sei nicht frauenfeindlich gewesen, meint die evangelische Theologin Oda Wischmeyer.
Theologin zu Paulus
Apostel Paulus stellt Cäsar in den Schatten
Im Gespräch mit dem epd erklärt die evangelische Theologin und emeritierte Professorin für Neues Testament an der Universität Erlangen-Nürnberg, Oda Wischmeyer, warum sie Paulus nicht für frauenfeindlich hält und was sie am meisten an dieser Person mit großer Wirkungsgeschichte fasziniert.

epd: Seit wenigen Tagen ist Ihr Buch "Gott neu vermessen: Eine Paulus-Biographie" (Reclam Verlag, Ditzingen) auf dem Markt. Was hat Sie dazu gebracht, eine Biografie über Paulus zu schreiben?

Oda Wischmeyer: Ich wollte Paulus als historische Persönlichkeit sichtbar machen. Er ist die erste greifbare Person, die sagt, der auferstandene Christus sei ihm erschienen und habe ihm einen Auftrag gegeben. Mit diesem Auftrag zog er jahrzehntelang durch das Römische Reich und missionierte außerordentlich erfolgreich.

Er wurde damit zur zentralen Figur am Anfang der neuen Bewegung, die sich zu dem entwickelte, was wir als Christentum kennen. Außerdem ist klar: Wer sich mit dem Neuen Testament beschäftigt, kommt an Paulus nicht vorbei. Seine Briefe sind die ältesten christusgläubigen literarischen Zeugnisse überhaupt.

Paulus - ein Getriebener

Wie würden Sie Paulus als Person beschreiben?

Wischmeyer: Vor allem als Getriebenen. Er verstand sich ausschließlich als "Apostel Jesu Christi". Ein Privatleben hatte er praktisch nicht. Er war allein unterwegs, ohne Organisation im Hintergrund, musste als Zeltmacher seinen Lebensunterhalt verdienen und lebte ständig unter Druck. Zugleich war er ungeheuer produktiv und widerstandsfähig - wir würden heute sagen: resilient.

Er durchquerte weite Teile des Imperium Romanum ohne äußere Unterstützung. Der Römerbrief gehört zu den längsten Briefen der Antike - geschrieben ohne eigene Bibliothek, ohne festen Wohnsitz. Selbst Cicero hat keinen solchen langen Brief geschrieben. Paulus schrieb aber nicht nur als Gemeindeleiter, sondern auch als Intellektueller, als Theologe. Er wollte in seinen Briefen darstellen, was seit dem Kommen Jesu der Wille Gottes für die Menschheit - aus Juden und Nichtjuden - sei.

Gab es beim Schreiben der Biografie neue Erkenntnisse für Sie?

Wischmeyer: "Neu" ist in den Geisteswissenschaften immer relativ. Aber ich wollte über die bisherigen "Paulus-Perspektiven" hinausgehen. Lange wurde Paulus stark lutherisch gelesen, später betonte man mehr seinen jüdischen Hintergrund. Beides war und ist wichtig. Ich versuche nun, Paulus als den zentralen jüdischen Intellektuellen des ersten Jahrhunderts zu verstehen. Er dachte darüber nach, was es bedeutet, dass sich der Gott Israels in Jesus Christus endgültig offenbart hat. Paulus führte Christus als theologische Größe in das jüdische Denken ein. Historisch erstaunlich ist, wie erfolgreich er damit in der nichtjüdischen Welt war.

Paulus-Expertin Oda Wischmeyer ist sich sicher: Paulus war nicht frauenfeindlich.

Inwiefern?

Wischmeyer: Das Judentum war im Römischen Reich bekannt, aber nicht besonders beliebt. Paulus überzeugte die Nichtjuden, die sogenannten "Heiden", nicht nur von Christus, sondern auch davon, dass die jüdischen Schriften Autorität besitzen. Gleichzeitig verkündete er Jesus Christus als den Herrn ihres Lebens. Offenbar traf er damit einen Nerv.

Bemerkenswert ist auch, dass seine oft anspruchsvollen Briefe in den Gemeinden verstanden, abgeschrieben und weitergegeben wurden. Schon im ersten Jahrhundert entstand daraus eine eigene christliche Literatur - auch durch seine Mitarbeiter wie etwa Timotheus und Titus, in deren Namen ebenfalls weitere Briefe verfasst wurden.

Paulus wird oft als frauenfeindlich kritisiert. Teilen Sie diese Sicht?

Wischmeyer: Nein, das halte ich historisch für falsch. Paulus war gesellschaftspolitisch konservativ und kein Sozialrevolutionär. Er predigte weder die Befreiung der Frauen noch die der Sklaven, weil er glaubte, das Ende der Welt stehe kurz bevor. Gleichzeitig hatte er persönlich offenbar ein außergewöhnlich gutes Verhältnis zu Frauen.

In seinen Briefen nennt er zahlreiche Frauen als Mitarbeiterinnen, Unterstützerinnen und Missionarinnen, das kennen wir so aus keinem weiteren Brief der Antike. Die Unternehmerin Phoebe etwa brachte wahrscheinlich im Auftrag von Paulus den Römerbrief nach Rom. Paulus vertraute ihr sein Vermächtnis an. Er war also keineswegs frauenfeindlich, sondern bewegte sich innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung seiner Zeit.

Wie sah Paulus sich selbst? Sah er sich nach seinem Damaskuserlebnis noch als Jude?

Wischmeyer: Paulus war und blieb ethnisch Jude. Aber er ging einen entscheidenden Schritt über das Judentum hinaus. Für ihn wurde nicht mehr die Zugehörigkeit zum Judentum zum Zentrum, sondern die Zugehörigkeit zu Christus. Das brachte ihn in einen tiefen Konflikt mit dem Judentum seiner Zeit. Besonders in den Kapiteln 9 bis 11 des Römerbriefes ringt er damit, warum Israel Christus nicht anerkennt. Er findet letztlich keine Lösung und sagt: Gott selbst müsse dieses Problem lösen. Das macht die Tragik seiner Position aus.

Jesus hat er nie kennengelernt

Wie würden Sie das historische Verhältnis von Paulus zu Jesus beschreiben?

Wischmeyer: Paulus hat Jesus persönlich nie kennengelernt. Seine Christus-Erkenntnis entstand erst nach der Kreuzigung. Er stützte sich zunächst auf die Überlieferung der ersten Gemeinde. Interessanterweise zitiert er aber nur selten konkrete Worte Jesu. Paulus dachte vielmehr eigenständig darüber nach, was die Christus-Offenbarung für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch bedeutet. Erst mit dem Markusevangelium entstand später ein zweiter Pfeiler des Christentums: die schriftliche Jesustradition. Das Christentum lebte dann von beiden Strängen - den Evangelien und den Paulusbriefen.

Welche Gedanken von Paulus sind auch heute noch besonders aktuell?

Wischmeyer: Zentral ist für mich Römer 12: das Denken zu erneuern und immer neu nach dem Guten zu suchen. Paulus fordert dazu auf, sich weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben. Ebenso wichtig ist seine Vorstellung von Liebe, der Agape. Liebe bedeutet bei Paulus nicht nur Nähe zur Familie oder Freundlichkeit, sondern eine radikale Hinwendung zum anderen Menschen - praktisch, emotional und existenziell. Gerade in einer Gesellschaft, die oft stark um das eigene Ich kreist, halte ich das für hochaktuell.

Insgesamt gesehen kann man sagen: Keine andere Figur der Antike - weder Cicero noch Caesar noch Augustus - hat eine vergleichbar dauerhafte Wirkung entfaltet. Seine Briefe werden bis heute weltweit gelesen. Paulus war der erste große Organisator und Denker des entstehenden Christentums. Mich fasziniert bis heute, dass ein pharisäischer Jude auf die Idee kam, Nichtjuden den Glauben an einen himmlischen Christus zu verkünden - und dass Menschen ihm tatsächlich folgten. Historisch ist das alles andere als selbstverständlich.