Nairobi (epd). In einem Video sitzt ein Junge in einem Jeep, von dessen Ladefläche Raketen gefeuert werden. In einem anderen Clip verkündet ein Junge, dass die „Rapid Support Forces“ (RSF) das Flüchtlingslager Samsam eingenommen haben: In sozialen Netzwerken werden Minderjährige, die im Krieg im Sudan als Soldaten kämpfen, gefeiert. Laut einer Recherche der Investigativplattform „Bellingcat“ werden sie als „Löwenjungen“ bezeichnet.
Manche Kanäle, auf denen die Kinder an der Front als Helden dargestellt werden, sind extrem erfolgreich. Videos trenden mit Hunderttausenden Klicks auf TikTok. Auf den Telegram-Kanälen der RSF werden ebenfalls Videos geteilt.
Videos von Kindersoldaten als Siegerpose
Der Journalist Cammon Mohammed hat für die sudanesische Nachrichtenplattform „Ayin Network“ zu den Videos recherchiert. „Fotos ihrer jungen Kämpfer im Internet zu posten, ist für die RSF eine Siegerpose“, sagt er. Mohammed erinnert sich noch, wie er zu Beginn des Krieges in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, wo er damals lebte, von jugendlichen RSF-Kämpfern festgehalten wurde.
Auch nach seiner Flucht in die kenianische Hauptstadt Nairobi seien ihm Kinder in Uniform begegnet, erzählt Mohammed. Und zwar im Internet.
Krieg seit drei Jahren
Im Sudan haben beide Konfliktparteien des seit drei Jahren herrschenden Krieges, also sowohl die RSF als auch die reguläre Armee, laut einem UN-Bericht von 2024 Kinder rekrutiert. Laut den Recherchen des Investigativ-Kollektivs „Bellingcat“ teilen Accounts beider Kriegsparteien auch Videos von Kindersoldaten. Die kanadische Professorin für Politik und Kommunikation, Mia Bloom, warnte gegenüber Bellingcat, dass der Erfolg online auch zur Rekrutierung weiterer Kinder und Jugendlicher führen könnte. Der Journalist Mohammed sagt, wer, wie die RSF, technisch gut ausgestattet sei und Zugang zum Internet habe, bestimme das Narrativ.
Nach Anfragen von „Bellingcat“ hat TikTok mehrere Accounts gesperrt, die Videos mit Kindersoldaten verbreitet haben. Öffentlich hat sich die Plattform dazu nicht geäußert. Ein Teil der Videos ist weiterhin verfügbar. Eine Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) ließ TikTok unbeantwortet.
Wie „Disney-Stars“ gefeiert
Dass Kindersoldaten in den sozialen Medien zur Schau gestellt werden, ist ein verhältnismäßig neuer Trend, auch im Sudan. Die Namen der gefeierten Kindersoldaten erinnerten an „Disney-Stars“, sagte die Professorin Bloom.
Bisher rekrutieren die bewaffneten Gruppen im Sudan vor allem über Armut. Schulen sind im Sudan in vielen Gebieten seit Kriegsbeginn geschlossen. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen. „Es gibt keinerlei staatliche Unterstützungsstrukturen“, sagt Mohammed - und Kinder müssten viel früher zum Unterhalt der Familie beitragen als in Friedenszeiten.
Der Einsatz von Kindersoldaten ist weltweit geächtet. Nach internationalem Recht gilt der Einsatz von Kämpfern, die jünger als 15 Jahre sind, sogar als Kriegsverbrechen. Dennoch wurden laut dem südafrikanischen Institut für Sicherheitsstudien alleine auf dem afrikanischen Kontinent von 2020 bis 2025 rund 21.000 Jungen und Mädchen von bewaffneten Gruppen rekrutiert. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef verzeichnete von 2005 bis 2022 weltweit 105.000 verifizierte Fälle von „Kindern, die von Armeen oder bewaffneten Gruppen rekrutiert und eingesetzt werden“.
Geld für Land und Autos
Der Journalist Mohammed berichtet, dass die RSF-Miliz schon für die Kriege in Libyen und im Jemen, an denen sie sich beteiligt hat, Kinder und Jugendliche als Söldner rekrutiert habe. Er selbst habe damals in der Stadt Nyala in Süd-Darfur gelebt und beobachtet, wie die jungen Kämpfer mit genug Geld zurückkamen, um sich Land und Autos zu kaufen.
Nun werden die jungen Kämpfer zusätzlich in den sozialen Netzwerken heroisiert. Doch das bildet nur einen Bruchteil der Realität ab. Mohammed berichtet von einer Mutter, von der sich zwei ihrer minderjährigen Söhne den „Rapid Support Forces“ angeschlossen hätten, in der Hoffnung, der Familie zu helfen. Ihr 15-jähriger Sohn sei schon zu Beginn des Krieges getötet worden, von seinem Bruder habe sie lange kein Lebenszeichen mehr bekommen.




