Der Traum von Freiheit für den Iran

Lukaskirche in Leipzig
epd/Linn Manegold
In der Leipziger Lukaskirche findet regelmässig ein iranischer Gesprächskreis statt, sonntags auch ein Gottesdienst auf Persisch.
Christinnen im Exil in Leipzig
Der Traum von Freiheit für den Iran
Zwei Exil-Iranerinnen erzählen, wie es ist, für die eigenen Gefühle keine Worte zu haben und was sie am Leben hält. Zwischen der Hoffnung auf Frieden schwebt auch die Angst vor Rache.

Das Regime sei wie Krebs, sagt Fateme. Wenn Krebs behandelt werde, sterbe ein Teil des Körpers. Die Stimme der Iranerin überschlägt sich. Sie räuspert sich. Beim Versuch, das Regime zu zerstören, würden die jungen Menschen sterben, erklärt sie. Sie seien das Opfer für den Frieden. Tränen rollen über ihr Gesicht. Fateme atmet ein und aus. Ihr Wunsch ist ein zerstörtes Regime.

Noushafarin Moradi nickt heftig, während sie nach einem Taschentuch sucht.
Die beiden Frauen nehmen regelmäßig an einem iranischen Gesprächskreis der St. Lukaskirche in Leipzig teil. Geleitet wird er von Hugo Gevers, dem Missionar der evangelischen Kirche, die zur Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehört. Seit 2017 hält er jeden Sonntag einen Gottesdienst auf Persisch für die durchschnittlich 16 teilnehmenden Iranerinnen und Iraner. Er spricht, genau wie Fateme und Moradi, die Sprache fließend. Gevers arbeitet viel mit Migrantinnen und Migranten und begleitet zu Behördenterminen. Während des Treffens organisiert er eine Wohnungsbesichtigung.

Warten auf eine sichere Zukunft

Fateme ist 64 Jahre alt. So stehe das zumindest in ihrem Pass, fügt sie hinzu und lächelt. Sie habe als junge Frau die iranische Revolution miterlebt. Damals, 1979, wurde die Monarchie unter Schah Mohammad Reza Pahlavi (1919-1980) mit Streiks und Demonstrationen gestürzt. Wenige Monate später wurde dann die Islamische Republik ausgerufen. Fateme erinnert sich: Sie habe davor in Frieden gelebt und ein gutes Leben geführt. Danach sei alles anders geworden.

Seit 2019 lebt Fateme in Deutschland. Im Iran hätten ihr Schwierigkeiten gedroht, nachdem sie an Demonstrationen teilgenommen hatte. Vor mehr als fünf Jahren ließ sie sich in Leipzig taufen. Noushafarin Moradi verließ ihre Heimat erst vor zwei Monaten, erzählt sie. Wie Fateme habe sie protestiert und als Lehrerin kein Kopftuch getragen. Moradi wollte auf einen sichereren Zeitpunkt warten, um zurückzureisen. Jetzt aber warnten Freunde und Familie sie davor. Die 41-Jährige engagiert sich aus der Ferne gegen das Regime. Auf Instagram setzt sie sich offen, unter ihrem vollen Namen, für festgenommene, angeklagte oder verletzte Menschen im Iran ein.

Frauen in Gefangenschaft

Sicherheit, Frieden und Freiheit - um diese Worte kreist vieles, was die beiden erzählen. Im Iran sei eine Frau nie alleine, sie stehe immer unter einem Mann. Moradi spricht von einer "Gefangenschaft". Freiheit sei das, woran sie sich festhalte, sagt sie. Ihre Schüler hätten davon geträumt, sie selbst träume weiter: ein Traum, den sie in ihrem Herzen bewahre, der sie am Leben halte. Ein neuer Iran in Freiheit.

Moradis größte Angst sei jedoch, dass der Krebs nicht vollständig besiegt werde. Ein geschwächtes Regime, sagt sie, sei vielleicht noch schlimmer für die Bevölkerung. "Wie eine Eidechse", fügt Fateme hinzu. Wenn man den Schwanz abschlage, wüchsen mehrere nach. Mordai erzählt mit schwacher Stimme weiter. Wenn die Welt nur ein schwaches Regime und kein zerstörtes wolle, meint sie, würde es Rache üben. Und diese, da ist Moradi sich sicher, würde in einem Genozid an der eigenen Bevölkerung enden.

Das Gewicht der Welt auf dem Herzen

Manchmal gelingt es Fateme und Moradi, Kontakt zu ihren Familien zu haben. Wenn Bomben fallen, erzählt Fateme, zerbreche ihr Herz. Für das, was Moradi berichtet, für Festnahmen, Misshandlungen, Hinrichtungen, habe sie keine Worte. Sie stockt und hält sich die Hände vor das Gesicht. Worte könnten nicht erklären, wie sie sich fühlt.

Auch Missionar Gevers ist in dieser Situation überfragt. Es sei schwierig, oft wisse er selbst nicht, auf was er hoffen solle, außer auf Freiheit und Frieden. Fateme und Moradi sind sich einig: Wenn der Krieg endet, wenn das Regime fällt, wenn es Sicherheit, Freiheit und völligen Frieden gibt, dann gehen sie zurück in den Iran. "Natürlich", fügt Fateme auf Deutsch hinzu. Das Wort steht kurz im Raum, bevor es verhallt.