Oster-Langohr chancenlos gegen Christkind

Österliche Miniaturfiguren stammen aus dem Erzgebirge.
epd-bild/Meike Böschemeyer
Verkaufsschlager werden diese Osterhasen auf der Holzpyramide aus dem Erzgebirge wohl niemals werden. Süß sind sie trotzdem.
Ostern vs. Weihnachten
Oster-Langohr chancenlos gegen Christkind
Obwohl Ostern das wichtigste christliche Fest ist, ist Weihnachten bei den Menschen deutlich beliebter. Warum das so ist und warum der Osterhase im Gegensatz zu Christkind und Weihnachtsmann "ziemlich eindimensional" ist, erzählt der Autor Gregor von Kursell aus Landsberg am Lech im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er forscht seit Jahren hobbymäßig zu Bräuchen rund um christliche Feste und ist überzeugt: Jedes Fest braucht eine gute Erzählung und Botschaft, um populär zu werden. Und hier hakt es offenbar beim Osterfest.

epd: Stimmt der Eindruck, dass Ostern gegenüber Weihnachten auf der Beliebtheitsskala deutlich abfällt?

Gregor von Kursell: Ja, und dafür gibt es eine Menge Gründe. Einer davon ist, dass in einer immer weniger gläubigen Gesellschaft die biblische Erzählung von Kreuzestod und Auferstehung Jesu schwer zu vermitteln ist. Das heißt nicht, dass die Menschen sich ein Weiterleben nach dem Tod nicht mehr vorstellen können, aber nicht unbedingt im christlichen Sinne.

An Weihnachten erinnern Christen an die Geburt Jesu. Die Menschwerdung Gottes in einem Neugeborenen ist auch nicht unbedingt leicht nachzuvollziehen.

Kursell: Das stimmt. Aber Weihnachten hat schon im 19. Jahrhundert eine Botschaft entwickelt, die über diese biblische Erzählung hinausgeht, ihr aber auch nicht widerspricht. Da geht es um Liebe, Familie und Großzügigkeit. Wir denken an die, die es nicht so gut haben wie wir. Ostern kann neben seiner christlichen keine solche allgemeine Botschaft vorweisen.

"Der Osterhase wirkt keine Wunder"

Dafür sind doch der Osterhase und Ostereier ganz nett, oder?

Kursell: Der Osterhase ist putzig und kindgerecht, aber auch ein ziemlich eindimensionaler Geselle. Er versteckt Eier, aber er hat keine Botschaft, steht nicht für zentrale Werte. Er ruft weder dazu auf, brav zu sein, noch dazu, denen zu helfen, denen es schlechter geht. Und er wirkt keine Wunder. Christkind und Weihnachtsmann sind da ganz anders aufgestellt. Sie stehen mit dem "Himmel" im Bunde, also mit der Macht des Guten.

Das kann, muss aber nicht biblisch fundiert sein. Beide belohnen die Tugend und stehen den Schwachen zur Seite. Immerhin ist der Weihnachtsmann vermutlich ein säkularisierter Heiliger, nämlich der Nikolaus, und das Christkind ist eine volkstümliche Version des Christuskinds. Der Osterhase hingegen ist einfach ein Hase.

Rund um Christkind und Weihnachtsmann ist eine ganze Popkultur entstanden. Lieder wie "Last Easter" oder "All I want for Easter" sucht man jedoch vergebens.

"Kommerzialisierung des Osterfestes halten sich in Grenzen"

Kursell: Es gibt Weihnachtslieder und Weihnachtsfilme, Weihnachtsmärkte und Weihnachtsliteratur. Es gibt kontroverse Debatten rund um Weihnachten, bis hin zu der Frage, ob "Stirb langsam" ein Weihnachtsfilm ist oder nicht. Man kennt Weihnachtshasser-Figuren wie den Grinch oder Ebenezer Scrooge. Sogar Deko für Weihnachtsmuffel kann man kaufen. All das haben wir rund um Ostern nicht. Ich habe noch nie etwas von Oster-Hassern gehört. Auch die Klagen über die Kommerzialisierung des Osterfestes halten sich in Grenzen.

Oder liegt es an der Jahreszeit? An Ostern wollen die Menschen wieder raus. An Weihnachten will man es sich eher mit Kerzen drinnen gemütlich machen.

Kursell: Die Lichtsymbolik in der dunkelsten Zeit des Jahres ist sehr einprägsam und kommt natürlich dem Weihnachtsfest zugute. Als weltliche Osterbotschaft würde sich das Erwachen der Natur anbieten. Das ist auch für moderne Menschen noch sichtbar, aber es scheint nicht mehr so viel Anziehungskraft zu haben. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Rückkehr des Lebens schon Freude genug ist, da muss man nicht noch einen draufsetzen.

"Ostern hat klare Vorteile gegenüber Weihnachten"

Jedes Kind weiß: Am 24. Dezember ist Heiliger Abend. Um herauszufinden, wann in diesem Jahr Ostern ist, müssen die meisten erst mal in den Kalender schauen. Ist das nicht ein Riesennachteil für Ostern?

Kursell: Ich meine, dass hier Ostern einen klaren Vorteil hat. Der Weihnachtstermin lässt sich nicht aus der Bibel ableiten. Daher wird bis heute über die Herkunft und die Bedeutung des Datums spekuliert. Das biblische Ostergeschehen hingegen ist zeitlich gut einzuordnen, es spielt sich um das jüdische Pessachfest ab. Wie für Weihnachten gibt es auch für Ostern eine Vorbereitungszeit.

Während der Advent von einer stillen zu einer hektischen Zeit geworden ist, wird das Fasten vor Ostern auch von Menschen gepflegt, die nicht gläubig sind. Die Dramaturgie der Osterzeit ist durchaus beeindruckend, von Palmsonntag bis hin zum Ostersonntag entwickeln sich dramatische Ereignisse. Aber das spielt wiederum nur für gläubige Menschen eine Rolle.

"Ein Fest braucht eine Erzählung, eine Botschaft, um populär zu sein"

Wie wichtig ist denn eigentlich eine christliche Botschaft für ein Fest?

Kursell: Ein Fest braucht eine Erzählung, eine Botschaft, um populär zu sein. Diese kann, muss aber nicht religiös sein. Der Valentinstag beispielsweise leitet sich von einem christlichen Heiligenfest ab. Aber seine moderne Botschaft ist die der romantischen Liebe. Hier haben der Handel und die Medien nachgeholfen. Ähnlich ist es mit Halloween.

Gregor von Kursell interessiert sich schon seit langem für Weihnachtsbräuche. Er ist der Meinung, dass der Osterhase im Gegensatz zum Christkind "ziemlich eindimensional" ist.

An das christliche Allerheiligenfest hat sich ein weltliches Brauchtum rund um das Thema Tod und Gespenster angedockt, das vielen Spaß macht und das sich ebenfalls kommerziell ausbeuten lässt. Aufgepeppt wird das dann noch mit Geschichten über die angeblich heidnischen Wurzeln des Festes, die alles noch geheimnisvoller und bedeutsamer machen.

Wie ist es um die heidnischen Wurzeln von Ostern bestellt? Ein eierbringender Hase wirkt jedenfalls nicht sehr christlich fundiert.

Kursell: Bei Ostern wird oft die Göttin Ostara bemüht, der die Germanen angeblich im Frühling gehuldigt hätten. Allerdings gibt es keine Belege für ihre Existenz, nur eine einzige vorsichtige Vermutung eines englischen Gelehrten des frühen Mittelalters. Das hat aber ausgereicht, um eine ganze heidnische Mythologie rund um Ostara zu erfinden. So soll der Hase ihr Begleiter sein.

"An eierlegende Hasen glaubt keiner"

Ursprünglich sei er ein Vogel gewesen, der dann von ihr verwandelt wurde. Dabei blieb ihm aber die Fähigkeit erhalten, Eier zu legen. Es gibt auch ein altes christliches Hasensymbol für die Dreieinigkeit, aber ob das mit dem Osterhasen zu tun hat, ist fraglich. Das Osterlamm ist hingegen ein eindeutig christliches Symbol.

Und das Osterei?

Kursell: Das Ei ist ein sehr altes Symbol des Neuanfangs. Es könnte sein, dass die Ostereier während der Fastenzeit zurückgelegt und dann zu Ostern verschenkt wurden. Und wo Eier sind, da müssen auch Hennen sein. Denn dass der Hase die Eier legt, wird nicht überall geglaubt.

Obwohl an Ostern die Auferstehung Jesu gefeiert wird, kann man das Fest auch ohne Bibelkenntnis wunderbar feiern. An Weihnachten muss man ja wenigstens erklären, warum da ein Kind in der Krippe liegt.

Kursell: Stimmt, Ostern lässt sich auch ganz ohne christliche Bezüge feiern. Viele feiern auch Weihnachten auf diese Weise, aber christliche Symbole sind trotzdem noch im Brauchtum gegenwärtig. Die Krippe, Engel, der Stern - das alles kennt und versteht jeder.

"In die Christmette gehen auch viele, die sonst nicht in die Kirche kommen"

In die Christmette gehen auch viele, die sonst nicht in die Kirche kommen. Vielleicht trägt das auch dazu bei, dass Ostern keine säkularisierte Botschaft entwickelt hat. Die Symbole sind entweder sehr theologisch oder sehr weltlich. Bei Weihnachten vermischt sich das viel stärker, für jeden ist etwas dabei.

Und dann gibt es noch ein drittes Hochfest: Pfingsten, an dem die Christen an die Aussendung des Heiligen Geistes erinnern. Aber damit können in einer säkularen Gesellschaft nur noch wenige etwas anfangen.

Kursell: Wenn es die Pfingstferien nicht gäbe, dann wäre der Feiertag heute vermutlich passé. Das Pfingstwunder ist in der Tat sehr abstrakt. Es eignet sich gut für geistreiche theologische Betrachtungen, aber kaum für ein populäres Fest, das auch außerhalb der Kirchen wahrgenommen wird. Das volkstümliche Pfingstbrauchtum ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Den Begriff "Pfingstochse" hat der eine oder andere noch gehört, aber es gibt nichts, was uns zu der Bemerkung verleiten könnte: "Ich muss euch sagen, es pfingstet sehr."

Irgendwie schade für das Pfingstfest.

Kursell: Vielleicht brauchen die Menschen auch gar nicht so viele Höhepunkte im Jahr, jeweils mit langer Vorbereitung, überbordender Dekoration und Unmengen von Geschenken. Vielleicht ist auch deswegen Ostern nicht zu einem so pompösen Fest geworden wie Weihnachten. Und vielleicht ist es ganz gut, dass manche Feiertage vor allem in der Kirche stattfinden.