Rund 16 Prozent der Menschen in Deutschland hatten zuletzt ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Damit gelten sie als armutsgefährdet, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilt. Das entsprach 16,1 Prozent der Bevölkerung. Ein Jahr zuvor hatte die Armutsgefährdungsquote bei 15,5 Prozent gelegen.
30,9 Prozent der Alleinlebenden und 28,7 Prozent der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten hatten zuletzt ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Beim Vergleich nach dem überwiegenden Erwerbsstatus haben Arbeitslose mit 64,9 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote. Aber auch Personen im Ruhestand (19,1 Prozent) sind überdurchschnittlich stark durch Armut gefährdet.
Das Deutsche Kinderhilfswerk verweist auf die teuren Langzeitfolgen von Kinderarmut und dringt auf mehr Investitionen in Kinder. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung fordert eine andere Sozialstaatsdebatte.
"Versagen sozialstaatlicher Institutionen"
Der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, Holger Hofmann, sieht in den Zahlen den Beweis dafür, dass bisherige sozialpolitische Ansätze zur Reduktion von Kinderarmut nicht wirkten. "Je länger Kinder in Armut aufwachsen und unter Teilhabe- und Bildungsbenachteiligungen leiden, desto weitreichender sind die Langzeitfolgen für ihre Entwicklung und beruflichen Perspektiven", erklärt Hofmann am Dienstag. Investitionen in Kinder und deren Familien zahlten sich langfristig aus, denn sie führten zu mehr Wachstum und mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Böckler-Stiftung, Bettina Kohlrausch, äußert sich verwundert darüber, dass das Problem steigender Armut in der aktuellen Sozialstaatsdebatte keine Rolle spiele. "Dabei ist es ein offenkundiges Versagen sozialstaatlicher Institutionen, wenn die Armut in einem eigentlich reichen Land steigt", sagt Kohlrausch. Die Geschäftsführerin beim Paritätischen Gesamtverband, Katja Kipping, fordert, dass jede sozialpolitische Reform daraufhin überprüft werden solle, ob sie Armut noch mehr erhöhe. "Jede geplante Maßnahme, die droht, Armut zu verschärfen, ist zu unterlassen", sagte Kipping.
Latzel fordert gerechtere Verteilung von Reichtum
Erschwerend zur Zunahme von Armut kommt auch hinzu, dass immer mehr bei Sozialleistungen eingespart wird. Dieses Thema betrifft nicht nur den Staat sondern auch auch Unternehmen und Kirchen: Sie müssen grundlegende Umbrüche gestalten. Bei einer Veranstaltung von Unternehmensverbänden in Düsseldorf gaben nun Spitzenvertreter beider Bereiche unterschiedliche Antworten auf die Frage, was der Sozialstaat bräuchte, gaben Spitzenvertreter beider Bereiche unterschiedliche Antworten.
Vermögen sei europaweit nirgends so ungleich verteilt wie in Deutschland, sagte der rheinische Präses Thorsten Latzel. Die Gesellschaft drifte auseinander, Arme würden immer ärmer und Reiche immer reicher. Menschen und Unternehmen mit hohen Vermögen müssten daher einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Sicherung leisten, betonte Latzel. Er verwies auf den im Grundgesetz verankerten Grundsatz "Eigentum verpflichtet". Der nordrhein-westfälische Arbeitgeberpräsident Arndt Kirchhoff verlangte dagegen einen "grundlegenden Mentalitätswandel" zu mehr Eigenverantwortung.
Sozialleistungen nur für Menschen in Not
"Wandel ist nur mit Leistung zu stemmen", sagte der 71-jährige Chef der NRW-Landesvereinigung der Unternehmensverbände. Staatliche Sozialleistungen dürften nur Menschen erhalten, "die in Not sind". Sonst würden Anreize gesetzt, nicht zu arbeiten und stattdessen solche Leistungen zu kassieren: Menschen wollten "aus dem System etwas herausholen". In Deutschland müsse eine Leistungs- statt einer Neiddebatte geführt werden. Von Kirchen und Staat erwarte er, dass sie dies den Menschen erklären.
Latzel betonte indes, es gehe nicht um Neid, sondern um soziale Teilhabe. Er habe Hochachtung vor Unternehmen, die soziale Verantwortung übernehmen und Arbeitsplätze sichern. Es gebe aber auch eine Haltung von Unternehmertum ohne die Übernahme sozialer Verantwortung, bei der ausschließlich Gewinnstreben eine Rolle spiele. Als Beispiel nannte der 55-jährige Theologe Modelle wie Cum-Ex-Aktiengeschäfte auf Kosten der Steuerzahler.
Soziale Verantwortung stärken
Soziale Verantwortung sei besonders wichtig in einer Phase, in der "ein nationalistisch-faschistoides Denken neu erwacht" sei und "wir die demokratischen, gemeinwesenorientierten Kräfte stärken müssen". Lernen kann Kirche nach Latzels Worten von unternehmerischem Geist in den Betrieben. Umgekehrt könne die Bibel ein "ethisches Leitbuch" auch für Führungsverantwortung in Unternehmen sein. Wer andere führen wolle, müsse klären, was ihn selbst leitet und auf welche Stimmen er hört.
Nach Definition der Europäischen Union gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2025 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland nach Steuern und Sozialabgaben bei 1.446 Euro im Monat. Für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren war er bei 3.036 Euro im Monat.
Um das Einkommen vollständig zu erfassen, wird das Jahreseinkommen erfragt. Dadurch beziehen sich die Fragen zum Einkommen auf das Vorjahr der Erhebung, 2025 also auf das Jahr 2024. Betrachtet man die Armutsgefährdungsquote nach verschiedenen Haushaltstypen, weisen zwei Gruppen eine überdurchschnittlich hohe Quote auf.


