Vier Frauen und ein Todesfall: Das war, auf wenige Worte reduziert, der Handlungskern der vor drei Jahren ausgestrahlten ARD/ORF-Serie "Tage, die es nicht gab". Im Mittelpunkt standen vier Frauen um die vierzig, die seit ihrer gemeinsamen Zeit in einem kleinstädtischen österreichischen Elitegymnasium eine verschworene Gemeinschaft bilden. Auslöser der Ereignisse waren zwar der Tod des Schuldirektors sowie die entsprechenden Ermittlungen, aber in den Episoden ging es vor allem um die Bürde, die jede einzelne der Freundinnen zu tragen hat.
Das ist in der Fortsetzung nicht anders, daher gilt auch die gleiche Einschränkung wie damals: Mit acht Folgen und einer Gesamtlänge von sechs Stunden ist die Serie deutlich zu lang. Die erste Staffel hatte in der zweiten Hälfte deutlich an Intensität und Dichte verloren. Diesmal ist es umgekehrt: Einige Nebenebenen werden in den ersten sechs Episoden viel zu ausführlich erzählt.
Umso fesselnder sind die Folgen sieben und acht, wenn die beiden wichtigsten durchgehenden Erzählungen aufgelöst werden. Die eigentliche Handlung beginnt mit einem Mord: Als Doris (Diana Amft) mit ihrer Tochter nach Hause kommt, entdeckt die schockierte Sarah (Niobe Eckert) in ihrem Zimmer die Leiche ihrer besten Freundin. Es ist zunächst allerdings völlig rätselhaft, wie Mitschülerin Emily ins Haus gekommen ist; und erst recht, wer sie erstochen hat. Weil sich Inspektor Leodolter der Aufgabe nicht gewachsen fühlt, bittet er die mittlerweile pensonierte Majorin Grünberger um Hilfe.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das Duo hat sich schon damals in jeder Hinsicht ausgezeichnet ergänzt. Sissy Höfferer ist mit ihrem trocken vorgetragenem Humor gemeinsam mit Jutta Speidel (als Doris’ Übermutter) ohnehin erneut der heimliche Star der Serie: Sie verkörpert die ehemalige Polizistin, deren einzige Schwäche Kuchen aller Art ist, wie eine allerdings unbewaffnete Revolverheldin. Gerade der Kontrast zum jungen Kollegen, den Tobias Resch mit einer sympathischen Clark-Kent-Attitüde versieht, sorgt für viele heitere Momente.
Höfferers lakonische Darbietung ist auch deshalb so wohltuend, weil die vier anderen Hauptdarstellerinnen umso mehr Dialog haben; ihre ausführlichen Gespräche bringen die Geschichte jedoch kaum weiter. Selbst wenn "Tage, die es nicht gab" vor allem Drama und nicht in erster Linie Krimi sein soll: Gerade das berufliche Schicksal von Inès (Jasmin Gerat), die ihren Job in einem Buchverlag verliert und sich selbstständig machen will, nimmt viel zu viel Raum ein und ist längst nicht so interessant wie die Auseinandersetzungen zwischen Staatsanwältin Miriam (Franziska Weisz) und dem Ex-Gatten (Andreas Lust).
Der dritte Strang mit den Eheproblemen von Christiane (Franziska Hackl) und ihrem Mann Filip (Stefan Pohl) ist dagegen darstellerisch deutlich reizloser, hat aber immerhin einen konkreten Bezug zum Kriminalfall: Emily war die Babysitterin des Paars und hat sich recht unverblümt an Filip rangemacht. Damit ist die Geschichte bei jener Figur, die für die Verknüpfung der verschiedenen Stränge sorgt: Nach und nach stellt sich raus, dass die zum Zeitpunkt ihres Todes schwangere Emily, eine engagierte Aktivistin, im Leben der vier Frauen jeweils eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Unter anderem war sie die Freundin von Olivier (Etienne Halsdorf), dem wegen seiner Drogensucht mittlerweile verstoßenen Sohn von Inés und ihrem Mann (Wanja Mues). War in der ersten Staffel noch Niobe Eckert die Entdeckung der Serie, so gilt dies nun für Paulina Hobratschk. Sie taucht zwar nur in den Rückblenden auf, entwickelt dort jedoch eine Präsenz, die weitaus eindrucksvoller ist als die ihrer ungleich erfahreneren Kolleginnen.
Die Szenen mit den jungen Ensemble-Mitgliedern wirken ohnehin deutlich energiegeladener als die Plauderrunden der Freundinnen. Die spannendste Frage jenseits des Kriminalfalls dreht sich jedoch um Doris’ Mann Sebastian (Rick Kavanian). Emily war neben der Schule Journalistin und hat einen Artikel geschrieben, in dem sie den prominenten TV-Koch bezichtigt, ihre Freundin Nina (Maya Unger), eine Praktikantin, zu einer sexuellen Handlung genötigt zu haben.
Sebastian, der die Vorwürfe vehement bestreitet, hätte also ebenso ein Mordmotiv wie die eifersüchtige Christiane. Wie Drehbuchautor Mischa Zickler das Handlungsknäuel schließlich entwirrt, ist faszinierend und entschädigt für den Leerlauf zuvor. Regie führten wie in Staffel eins Anna-Katharina Maier und Mirjam Unger, deren dramaturgisch beste Leistung darin bestand, die Rückblenden äußerst effektvoll und auch handwerklich mit großem Geschick in die Handlung zu integrieren.
Das "Erste" zeigt die Folgen eins und zwei um 20.15 Uhr, der Rest folgt ab 0.15 Uhr. Die Serie steht komplett in der Mediathek.


