Eine Gruppe von Wissenschaftler:innen der Universitäten in Bonn und Bern unter Leitung von Prof. Dr. Jan Rüggemeier und Prof. Dr. Benjamin Schliesser hat sich mit ihrem Forschungsprojekt "UR:BAN – Urban Religion: Bridging Ancient & New" mit den Ursprüngen des Christentums am Rand des Imperium Romanum und seiner Entwicklung bis ins römische Zentrum befasst. Ergebnisse ihrer Arbeit stellen sie in zwei Filmserien und einer Buchreihe, sowie mehreren Dissertationen und Habilitationen vor. Mats Nowak von evangelisch.de hat mit Lara Mührenberg, Mitarbeiterin des Projekts, gesprochen.
evangelisch.de: Warum war die frühe Jesusbewegung gerade für Menschen am Rand der Gesellschaft attraktiv – und welche Parallelen sehen Sie zu heutigen kirchlichen Gemeinschaften?
Lara Mührenberg: Allgemein lässt sich das schwierig beantworten. Die frühen Gemeinden waren in den Städten, in denen sie entstanden sind, genauso unterschiedlich, wie die Städte selbst, in denen sie gegründet wurden. Natürlich war der Gedanke der Egalität ansprechend, aber zum Beispiel auch die Möglichkeit eines Begräbnisses für alle, weil man es nicht mehr selbst leisten können muss.
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Die Städte, in denen das Christentum anfangs florierte, waren sehr unterschiedlich. Wie spiegelt sich das heute in unserer Gesellschaft wider?
Mührenberg: Nicht nur die Städte waren unterschiedlich. Wir tendieren heute dazu, die Jesusbewegung eigentlich nur in zwei Strömungen, Petrus und Paulus, einzuteilen. Dabei war sie schon damals vielschichtiger. Alleine in Rom muss es schon vor Paulus christliche Gemeinden gegeben haben.
An sie hat Paulus seinen Römerbrief geschrieben. In den ersten Jahrhunderten waren die Gemeinden auch theologisch sehr unterschiedlich. Über die Zeit, mit der Kanonbildung, sind einige dieser Ideen dann stückweise häretisiert worden. Zum Beispiel durch die New Prophecy-Bewegung wurden in der Jesusbewegung auch Denkanstöße zum Beispiel zu Ämtern, Prophetie und der Autorität des Kanons gegeben.
Auch heute ist Kirche nicht einheitlich. Gemeinde sieht zum Beispiel in Thüringen anders aus als im Rheinland. Darauf können und sollten wir uns auch wieder besinnen. Die christliche Religion war schon immer vielfältig, weshalb Einheit nicht das Ziel sein muss. Das heißt aber nicht, dass wir nicht kritisch sein oder nicht kontrovers miteinander diskutieren sollen.
Was lernen wir aus Ihrem Projekt über die Rolle von Frauen, Sklav:innen oder gebildeten Eliten in den ersten Gemeinden?
Mührenberg: Bei dieser Frage kommen wir natürlich nicht an Gal 3,28 vorbei ("Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht männlich noch weiblich; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." Nach Luther 2017). Frauen hatten, in Teilen, eine deutlich wichtigere Rolle, die weit über Kuchen backen hinausging. Teilweise ging sie bis zum Apostelamt. Heute ist an dieser Stelle natürlich noch einiges zu tun. Das betrifft unsere landeskirchlichen Strukturen, aber auch evangelische Gemeinden außerhalb dieser Strukturen und natürlich auch unsere katholischen Geschwister.
Insbesondere wenn wir außerhalb des Kanons schauen, können wir sehen, wie wichtig Frauen in der frühen Kirche waren. Auch die Eliten der Gesellschaft und der frühen Kirche waren aber wichtig. Ohne Häuser, in denen sich die frühen Gemeinden versammeln konnten oder eine Infrastruktur, in der man Briefe verschicken konnte, wäre eine Verbreitung des Christentums wohl auch möglich gewesen. Es wurde dadurch aber eindeutig erleichtert.
Weil wir uns heute, zum Glück, nur schwer eine Sklavenhaltergesellschaft vorstellen können, ist der Unterschied für Sklaven zwischen der römischen und der christlichen Gesellschaft noch deutlich größer, als es erstmal vorstellbar ist. Wir können und die Radikalität von Gal 3,28 kaum vorstellen, weil wir – nach der Aufklärung und mit der Verankerung der Menschenwürde im Grundgesetz – uns eine Gesellschaft wie die römische gar nicht mehr vorstellen können!
Und wie kann dieses Wissen unsere aktuellen Debatten in Kirche und Gesellschaft bereichern?
Mührenberg: Heute ist es immer noch relevant, wie wir Menschen in unseren Gemeinden empfangen oder sie einladen. Mit der Pelzträgerin sollten wir nicht anders umgehen als mit dem Wohnungslosen. Wir können heute auch sehen, dass wir in den Gemeinden teilweise Leitungsstrukturen finden, die für sich eine zu wichtige Position innerhalb der Gemeinde beanspruchen.
Natürlich brauchen wir in den Gemeinden Menschen, die Verantwortung übernehmen und die Gemeinden leiten. Diese Leitungsstrukturen sind aber natürlich nicht heilsrelevant. Es würde also nicht schaden, sich dabei wieder stärker auf die Strukturen in den alten Gemeinden besinnen, wobei diese so ausgestaltet sein müssen, dass die egalitären Ideen der frühen Jesusbewegung nicht vergessen werden.
Wie können die Filmserien dazu beitragen, dass Christ:innen heute ihren eigenen Glauben historisch bewusster und zugleich offener im Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen verstehen?
Mührenberg: Es ist natürlich immer gut und wichtig, wenn man sich mit der Geschichte seines Glaubens auseinandersetzt. So kann man Dinge besser ins Verhältnis setzen. So versteht man auch, dass das Christentum gewachsen ist. Es hat sich nicht einfach der Himmel geöffnet und es fiel ein Buch herunter. Wenn man begreift, dass sich auch das Christentum, wie alles mit 2.000-jähriger Geschichte, über diese lange Zeit stark verändert hat, kann man natürlich ganz anders auf Menschen mit anderem Glauben zugehen.
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Zum Beispiel in San Clemente in Rom finden wir in Ausgrabungsstätte Ursprünge christlicher Hausgemeinden. Wie würden Sie sie historisch einordnen?
Mührenberg: Solche Strukturen lassen sich sehr schwer einordnen. Kultkontinuität, wie wir sie gerne sehen würden, lässt sich nicht unbedingt finden. Wir wissen aus den neutestamentlichen Texten, dass sich die Menschen in privaten Räumen getroffen haben. Das müssen aber nicht unbedingt Wohnhäuser gewesen sein. Vielleicht haben sich die Menschen auch in Geschäften versammelt.
Aus archäologischen Befunden lassen sich diese Kontinuitäten auch nicht unbedingt belegen. Hauskirchen mit architektonischen Einbauten für Gottesdiensten lassen sich, wie das prominente Beispiel der Hauskirche von Dura Europos zeigt, zwar im Einzelfall finden, aber dass die Gemeinde quasi ununterbrochen bis zur heutigen Kirche erhalten hat, ist eher unwahrscheinlich.


