Fünf Fremde in Dusty Hill
Ein Bilderbuch über Missverständnisse und Vorurteile.
Ob Winnetou, Lucky Luke oder Cowboyclub. Der sogenannte "Wilde Westen" fasziniert. Er ist Projektionsfläche, Sehnsuchtsort und Naturschauspiel. Wer dafür affin ist, wird vielleicht sofort zum vorliegenden Buch greifen; denn die hervorragend gelungenen Illustrationen entführen unmittelbar in diese ferne Zauberkulisse hinein ins kleine Städtchen Dusty Hill.
Dort gibt es wirklich alles, was man braucht: Planwagen, Holzveranda, Kartenspiel usw. Wer bei diesem History-Kosmos etwas kritischer ist, kann etwas brauchen um in die Geschichte zu finden. Dennoch wird es sich lohnen; denn wie beim Westerngenre allgemein, verweben sich auch hier Fakten, Legenden und Mythen. Also das, was eine gute Geschichte ausmacht. Und die ist alle Gedanken wert und damit freilich auch herausfordernd: Fünf fremde Vögelchen verhalten sich anders, als die Bewohner:innen es gewohnt sind. Und damit sind alle überfordert, ganz ähnlich, wie im wahren Leben.
Die Geschichte lebt von der Widersprüchlichkeit zwischen Bild und Text. Diese lässt beim Lesen stolpern und hinterfragen und macht das Buch so besonders spannend. Ein erzählerisches Bilderbuch ohne Moralkeule zum Entdecken, Vertiefen und Besprechen, ab 5 Jahren. Oliver Georg Hartmann
Fünf Fremde in Dusty Hill. Daniel Fehr. Ill. von Barbara Scholz. Stuttgart: Thienemann 2025. O. Pag. : überw. Ill. ; 24 cm. ISBN 978-3-522-46043-9, geb.: 15,00 €
Treppe aus Papier
Vertreibung, Heimkehr, Ein- und Umzug: Ein altes Haus erzählt und spannt den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ein verlorener Ohrring, den die 15-jährige Nele im Hausflur findet, führt sie in die Wohnung von Irma, die dort vor 90 Jahren geboren wurde, als das Haus noch der jüdischen Familie Sternheim gehörte. Obwohl Irmas Eltern stramme Nazis waren, freundete sie sich als Kind mit der fünf Jahre älteren Ruth Sternheim an und fand bei ihr und ihrer Familie die Wärme und Zuneigung, die sie Daheim so sehr vermisste, wo nur Härte, Gehorsam und Disziplin zählten.
Aufgerüttelt von Irmas Erzählungen beginnt Nele nachzuforschen, wo die Täter in ihrer eigenen Familie zu finden sind. Gleichzeitig hat die Begegnung auch bei Irma etwas in Bewegung gebracht und alte Wunden aufgerissen. Zurückversetzt in ihre Kindheit erinnert sie sich an die Monate rund um die Vertreibung der Sternbergs, an Gewalt, Plünderung und persönliche Schuld. Der poetische und wortgewaltige Roman vermischt gelungen die bewegenden Echos aus Vergangenem mit den Geschichten der Gegenwart, beides nur wenige Schritte voneinander entfernt.
Sehr empfehlenswert! Erinnerungsarbeit anhand von facettenreichen, menschlichen Geschichten. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr die Vergangenheit schon wieder Gegenwart ist. Heike Nickel-Berg
Treppe aus Papier. Roman. Henrik Szántó. München: Blessing 2025. 224 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-89667-778-5, geb.: 23,00 €
Wild wuchern
Marie flieht vor häuslicher Gewalt auf eine Berghütte und stellt sich dort ihrer Vergangenheit für einen Neuanfang.
Marie flieht. Nicht nach Italien, wie gedacht, sondern zu Johanna. Über den Berg, durch den Wald, wo er sie nicht findet – das hofft sie. Marie hatte studiert, die Welt bereist: New York, Paris, London – und ist nun dort wieder angekommen, wo sie die Sommer ihrer Kindheit verbrachte: in der Hütte auf dem Berg. Äpfel voller Würmer, Mäusegetrappel auf dem Dachboden, eisiges Wasser am Brunnen, Kälte in der Hütte – alles besser als der prügelnde Ehemann daheim. Der, der so beliebt war – früher bei all ihren Freunden und auch heute noch bei ihren eigenen Eltern.
Kein Mensch glaubt ihr, wenn sie erzählen würde, dass ausgerechnet er sie schlägt. Immer und immer wieder. Es ist ihre wundersame Cousine Johanna – die, die nur wenig spricht, außer mit den Tieren –, die ihr zunächst Schutz bietet, bis auch sie Marie rauswirft.
Ein eindringlicher Text über häusliche Gewalt und weibliche Selbstermächtigung. Triggerwarnung: Dieses Roman enthält explizite Darstellungen von körperlicher und seelischer Gewalt. Jennifer-Christin Hein
Wild wuchern. Roman. Katharina Köller. München: Penguin 2025. 204 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-328-60392-4, geb.: 22,00 €
Lebensversicherung
Wie viel Versicherung braucht ein Leben?
Ein Dorf in der westdeutschen Provinz in den 1990er-Jahren: Es gibt eine Buswendeschleife, eine Gastwirtschaft, ein Neubaugebiet, einen Sportplatz – ein Dorf wie jedes andere, mag man denken. Doch die Unterscheidungen zum Nachbardorf sind klein, aber entscheidend. Wer hier auch nur die geringste Abweichung zeigt, etwa im Dialekt, gilt nicht als Einheimischer, sondern ist offensichtlich ein Zugezogener und somit ein Fremder.
Die Protagonistin wächst hier als Tochter von Eltern auf, die Versichrungen verkaufen. Und Versicherungen bedeuten Sicherheit: Wer nicht abgesichert ist, lebt gefährlich. Diese Haltung verinnerlicht sie – und entwickelt im Erwachsenenalter zunehmend eine Angststörung.
Mit feinem Humor und in ungewöhnlicher Form erzählt Kathrin Bach in ihrem Debüt von dieser Biographie. In Miniaturen, Anekdoten, Protokollen und kurzen Erzählungen sammelt sie eine Collage des Lebens auf dem Land. Eine pointierte und witzige Analyse des Mikrokosmos Dorf. Miriam Weinrich
Lebensversicherung. Roman. Kathrin Bach. Hamburg: Voland & Quist 2025. 237 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-942375-72-6, geb.: 22,00 €
Richtig anders - anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent
Anders, aber richtig! Dieses Buch macht Mut, neurodivergent zu leben, selbstbewusst, wertvoll und sichtbar.
In ihrem Buch "Richtig anders – anders richtig" beschreiben Kathrin Köller und Irmela Schautz anschaulich und empathisch den Kosmos der Neurodiversität. Sie zeigen, dass jedes Gehirn einzigartig ist und Verschiedenartigkeit normal ist.
Fundiert wird erklärt, was es heißt, neurodivergent zu sein, ob ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder Autismus Spektrum. Komplexe Themen werden leicht verständlich aufbereitet. Erfahrungsberichte, Interviews und Porträts machen Mut, offen mit der eigenen Neurodivergenz umzugehen. Das Buch baut Vorurteile ab, motiviert Betroffene, sich Hilfe zu holen, statt sich zurückzuziehen, und stärkt das Selbstbewusstsein. Mit vielen Illustrationen, klarer Struktur und inklusiver Sprache spricht es auch junge Leser*innen ab elf Jahren an. Das Buch ist auch empfehlenswert für Eltern, Lehrkräfte und alle, die Vielfalt verstehen und unterstützen wollen.
Für Betroffene, die sich mit ihren Besonderheiten oft allein fühlen. Wer mit Kindern oder Jugendlichen arbeitet, findet Anregungen für ein unterstützendes Umfeld. Diana Glaser
Richtig anders - anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent. Kathrin Köller u. Irmela Schautz. Ill. von Svenja von Döhlen. München: Hanser 2025. 233 S. : Ill. ; 24 cm. ISBN 978-3-446-27978-0, kt.: 22,00 €
Die vollständige Shortlist findet sich auf https://www.eliport.de/buchpreis/shortlist Es bleibt spannend! Das Preisbuch wird Mitte Februar gekürt.
Sie möchten noch mehr aktuelle Rezensionen und dazu spannende Artikel und News zu Bücherei-Arbeit, Buchmarkt und Kultur? Dann abonnieren Sie evangelisch.lesen, die Rezensionszeitschrift des Evangelischen Literaturportals.
evangelisch.de dankt dem Evangelischen Literaturportal für die inhaltliche Kooperation.
###mehr|terms|Buchtipps###


