Bremen (epd). Zwei Jahre nach Veröffentlichung der ForuM-Studie zum Missbrauch in den evangelischen Kirchen in Deutschland sieht die Betroffenensprecherin Nancy Janz zwar Fortschritte der Kirchen im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Wichtige grundlegende Veränderungen jedoch dauerten zu lange. „Empfehlungen müssen einen ganzen Apparat von Gremien passieren, bevor sie umgesetzt werden“, sagte die Sprecherin der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das gelte für jede einzelne der 20 Landeskirchen sowie die diakonischen Verbände und diese handelten noch immer nicht einheitlich.
Als ein Beispiel nannte Janz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) die Anerkennungsleistungen für Betroffene. Diese sollten laut einer Richtlinie der EKD seit Januar eigentlich EKD-weit gleichermaßen gelten. Doch nicht überall sind sie schon umgesetzt.
Keine einheitlichen Wege
Janz kritisierte in diesem Zusammenhang auch den Verbund aus Kirchen und diakonischen Verbänden in Niedersachsen und Bremen. Dieser hat zu der Richtlinie für seinen Bereich eine Ergänzung beschlossen. Sie sieht vor, dass Missbrauchs-Betroffene in zumutbaren Fällen zunächst vor ein staatliches Gericht treten sollen, bevor die kirchliche Kommission über mögliche Zahlungen entscheidet. „Es bleibt unklar, wann etwas zumutbar ist“, kritisierte Janz. Das Ziel, einheitliche Wege für Betroffene zu finden und ihnen Orientierung zu bieten, rücke so in die Ferne. „Im Grundsatz finde ich es mehr als wichtig, Strafverfahren anzustreben, um möglichst weitere Taten zu verhindern“, erläuterte Janz. Doch halte sie es für fraglich, wenn die Anerkennungsleistungen daran gebunden sein sollten.
Janz nannte es einen Fortschritt, dass innerhalb der EKD die Diskussion über Machtstrukturen in der Kirche begonnen habe. Doch auch hier sei noch viel zu tun, sagte sie. So falle leitenden Kirchenvertretern der Umgang mit Kritik nach wie vor schwer. „Ich glaube, dass das irgendwann schwierig ist, wenn man in höheren Positionen ist.“ Gefährlich werde es, wenn berechtigte Kritik zuweilen als unangemessener Ausdruck nicht erfüllter Erwartungen Betroffener abgetan werde. Der Umgang mit Macht müsse bereits in der Ausbildung von Theologinnen und Theologen noch mehr Gewicht bekommen. Wenn Macht genutzt werde, um Verantwortung zu verschieben, komme die Kirche nicht voran.
Expertise der Betroffenen
Wichtige nächste Schritte seien die Einrichtung einer Ombudsstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt und weitere Beteiligungsangebote für Betroffene, sagte Janz. „Ob bei Tagungen, Workshops, bei Schulungen oder in Gremien: Es ist wichtig, dass Betroffene ihre Expertise einbringen.“ Das gelte für Menschen, die sich wie sie selbst innerhalb der Kirche für Veränderungen einsetzten, wie auch für solche, aus deren Sicht die Kirche abgeschafft gehöre. „Es braucht den Druck von innen und außen.“
Angesichts der Verletzungen, die Betroffene erlebt hätten, sei eine Zusammenarbeit auch unter ihnen nicht immer einfach, räumte Janz ein. „Da gibt es Unstimmigkeiten, da gibt es Ängste, da gibt es Sorgen. Das ist auch sehr kräftezehrend.“ Zugleich könnten die Betroffenen einander stärken und ermutigen, ihre Stimmen zu erheben. „Sexualisierte Gewalt versucht, Menschen kleinzumachen“, erläuterte sie. „Selbstermächtigung kann deshalb auch heilsam sein.“


