Deutsch lernen mit Sehbehinderung

Eine Frau hält sich ein Handy nah ans Ohr.
epd-bild/Tim Wegner
Meryam besucht einen Deutschkurs bei der Frankfurter Stiftung fuer Blinde und Sehbehinderte.
Geflüchtete mit Behinderung
Deutsch lernen mit Sehbehinderung
Für Geflüchtete mit Sehbehinderung hat es große Bedeutung Deutsch zu lernen, um sich im Alltag überhaupt zurechtfinden zu können. In einer Frankfurter Stiftung lernen blinde und sehbehinderte Menschen Deutsch. Mit besonderen Hilfsmitteln.

Der CD-Player knackt kurz, dann fragt eine Frauenstimme in klarem, fast akzentfreiem Hochdeutsch: "Hallo, wie heißt du?" "Pablo", antwortet ein Mann. "Sprichst du Portugiesisch?" Pablo antwortet: "Nein, ich spreche Spanisch, ich bin Spanier", und fragt zurück: "Und wie heißt du?" "Karin."

Es knackt wieder, als Bert Bresgen die Stopptaste drückt. "Valeria, hast du gehört, wie die Frau heißt?", fragt er auffällig langsam und überdeutlich. Bresgen rollt auf seinem Drehstuhl ein Stück rückwärts, schiebt die Brille auf die Glatze, die andere Hand schon wieder auf der Playtaste.

Die kleine Frau mit den schwarzen Haaren und der Sonnenbrille zögert. Sie ist Ukrainerin und hat erst vor gut vier Monaten angefangen, Deutsch zu lernen. "Ich spiele es nochmal", sagt Bresgen zu der Frau, die ihn kaum sehen kann. Valeria nimmt wie vier andere Geflüchtete an einem Deutschkurs für blinde und sehbehinderte Menschen teil.

Blindentechnische Grundausbildung und Deutschförderung

Die fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dem schmucklosen Unterrichtsraum gehören zu den knapp 40 Geflüchteten, die an der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte derzeit darauf vorbereitet werden, ein möglichst selbstbestimmtes Leben in Deutschland zu führen. Markus Hofmann, der die Rehabilitationsmaßnahmen leitet, bemängelt, noch gebe es viel zu wenig Integrationsangebote, die speziell auf Geflüchtete mit Einschränkungen ausgerichtet seien. Momentan kommen die meisten Teilnehmenden aus der Ukraine, andere stammen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, Somalia oder Eritrea.

Seit gut 20 Jahren bietet die Stiftung Hofmann zufolge die sogenannte Blindentechnische Grundausbildung mit Schwerpunkt Deutschförderung an. Eineinhalb Jahre lang lernen sie zunächst, sich allein in Gebäuden und in der Stadt zu bewegen, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, Punktschrift zu lesen oder Computer anzuwenden. Viele der derzeit 16 Schülerinnen und Schüler in der Blindentechnischen Grundausbildung besuchten parallel einen Deutschkurs für Anfänger.

Deutschlehrer Mourad (re, in weisser Jacke) unterrichtet blinde und sehbehinderte Geflüchtete.

Integrationskurse bereiten blinde Geflüchtete auf Einbürgerungstest vor
Anschließend könnten sie Integrationskurse besuchen, mit dem Ziel, das B1-Level für den sogenannten Deutschtest für Zuwanderer zu erreichen. Auch bereiteten sie sich dort auf den Test "Leben in Deutschland" vor, der für eine Einbürgerung wichtig sei, erklärt der Chef der Rehamaßnahme. Aktuell nutzten 22 Menschen dieses Angebot, sagt Hofmann. Damit seien die Kapazitäten ausgeschöpft, der Bedarf bleibe aber groß.

Wieder sind im Deutschkurs die Stimmen aus dem CD-Player zu hören, begleitet von leisem Papierrascheln. Fast alle haben einen Bildschirm so nah vor dem Gesicht, dass sie ihn mit der Nase fast berühren. Unter den Bildschirmen schieben sie den ausgedruckten Dialog von links nach rechts, dicht vor ihren Augen leuchten Buchstaben in Neonfarben auf schwarzem Hintergrund. Die Buchstaben sind so stark vergrößert, dass nur wenige Wörter auf den Bildschirm passen. Eine Frau hat kein Bildschirmlesegerät vor sich. Sie sitzt mit geschlossenen Augen und auf dem Tisch gefalteten Händen da. Faredeh Salavati, deren Muttersprachen Kurdisch und Persisch sind, ist vollständig blind und bei der Übung ganz auf das Hören angewiesen. 

"Unterricht ist immer ein bisschen Performance"

Kursleiter Bresgen bewegt sich schnell durch die Tischreihen, er hat eine leichten Gehbehinderung. Wenn jemand etwas nicht versteht, springt er auf, geht hin, rückt das Aufgabenblatt an die richtige Stelle. Er ist präsent und hörbar, keiner soll verloren gehen.

Auch wenn ihn hier niemand wirklich sehen kann, bewegt Bresgen die Hände in der Luft, wenn er etwas erklären will. "Unterricht ist immer ein bisschen Performance", sagt der 65-Jährige, der hauptberuflich Dramaturg und Theaterautor ist. Immer wieder drückt er energisch auf dem CD-Player herum, spielt den Übungsdialog so oft ab, bis ihn wirklich alle verstanden haben. "Du wiederholst, wiederholst, wiederholst", sagt er. "Aber die Leute müssen sich ja zurechtfinden, sonst sind die einfach aufgeschmissen."