Es ist 22.30 Uhr, ein kalter Montagabend Ende November. Die ersten Männer eilen die Stufen zum Eingang der Weißfrauenkirche im Frankfurter Bahnhofsviertel nach oben. Ein kurzer Gruß in Richtung Phillip Benkert, der Tee und Decken anbietet. Ein junger Mann steuert zielstrebig auf eine links vor dem Altar stehende Liege zu und breitet seinen Schlafsack aus, ein anderer sucht als erstes eine Steckdose für sein Handy. Draußen ist es regnerisch, sechs Grad: Menschen ohne Dach über dem Kopf suchen in Hauseingängen Schutz vor der Nässe. Hier drinnen, vor dem Altar und dem großen Kreuz an der Wand, bietet das Diakoniezentrum Weser5 insgesamt 47 Übernachtungsplätze an. Die meisten sind im Kopfbereich durch weiße Stellwände voneinander abgetrennt, damit in dem großen Kirchenschiff ein wenig Privatsphäre entsteht.
Um 23 Uhr sind die Liegen bis auf vier Notplätze belegt. Nur von Männern, nur ein Teil entspricht äußerlich dem Klischee eines Obdachlosen. Da ist der schlanke, mit modischer Jeans und grauer Outdoorjacke bekleidete Typ, der eine voll gepackte Reisetasche mit Rollen hinter sich herzieht und aussieht, als wäre er auf dem Weg zum Zug noch kurz beim Friseur vorbeigegangen. Und da ist Thomas, der vielleicht ganz anders heißt. Gepflegte Erscheinung, schwarze Jacke, Rucksack, kleiner Koffer, Reise- und Kunststofftasche eines Discounters. Er möchte erzählen, von der Übernachtung in der Kirche und der Gesellschaft insgesamt, aber nicht aus seinem Leben.
Sicher, trocken, nicht zu kalt und einigermaßen sauber, nennt Thomas die "entscheidenden" Anforderungen an einen Schlafplatz. Er sitzt mit einem Becher Tee auf seiner Liege. Thomas ist gebildet, das verrät seine Sprache. Mehr gibt er nicht von sich preis. Er erzählt von der Situation in anderen Unterkünften und analysiert die Zusammenhänge zwischen Obdachlosigkeit und Politik. Seinen Platz in der Weißfrauenkirche findet er "irgendwie gemütlich" und freut sich, dass er am nächsten Morgen erst um 7.30 Uhr geweckt wird.
Das Wecken in den Unterkünften gelte als schwierig, sagt Christiane Wirtz, stellvertretende Leiterin von Weser5 und Koordinatorin der Winternotübernachtung. Vor allem, wenn die Menschen sehr früh raus ins Kalte geschickt werden. "Hier geht das ohne Probleme", ergänzt Sozialhelferin Geanina Lacatus. Die Schlafgäste können direkt von der Kirche in den Tagestreff von "Weser5" gehen und dort auch frühstücken.
Die Leute wollen nur schlafen
In dieser Nacht hat Lacatus Dienst mit Phillip Benkert. Die Sozialhelfer sind immer zu zweit und haben noch einen Security-Kollegen dabei. Die Nächte sind ruhig, sagt Lacatus, nach einem kalten, anstrengenden Tag auf der Straße "wollen die Leute nur schlafen".
Nach den Worten von Wirtz haben rund 80 Prozent der Übernachtungsgäste einen Migrationshintergrund, die meisten kämen aus Mittel- und Osteuropa. Etwa zwei Drittel seien suchtkrank oder hätten eine andere psychische Erkrankung. Die Menschen hier haben zum Großteil keinen Anspruch auf Sozialleistungen, sagt Wirtz und spricht von einem "Angebot für Leute, bei denen das Hilfesystem nicht greift".
Valeri trinkt an seinem Schlafplatz Tee und hat ein trockenes Brötchen in der Hand. Der 37-Jährige kommt aus Bulgarien, dort hat er "Deutsch studiert" und auf dem Bau gearbeitet. Zuletzt hat er als Bauarbeiter zwei Jahre in Barcelona gelebt. In Frankfurt ist er seit drei Monaten und bemüht sich aktuell um neue Ausweispapiere, weil ihm seine geklaut worden seien. Dass er mal in einer Kirche übernachten würde, hätte er nie gedacht. Aber "es ist gut", sagt er. Die Kirche bedeute Sicherheit.
Die Weißfrauen Diakoniekirche wird für Kunst, Kultur, Tagungen und die diakonische Arbeit genutzt. Von Oktober bis Ende März ist sie für Menschen reserviert, die kein Dach über dem Kopf haben.
Er gehe davon aus, dass Schlafplätze in einer Kirche in Deutschland einmalig sind, sagte Markus Eisele, Diakoniepfarrer und Theologischer Geschäftsführer im Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach bei der Vorstellung des Angebots im Oktober. "Es ist unsere ureigenste Aufgabe, für Menschen ohne Obdach da zu sein", betonte er.
In Frankfurt gibt es nach Schätzung von Christiane Wirtz 400 bis 500 Obdachlose, deutschlandweit lebten nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe im vergangenen Jahr 56.000 Menschen auf der Straße, 2.000 mehr als 2023.
In der Weißfrauenkirche ist es gegen 23.15 Uhr ruhig, die Sozialhelfer machen das Licht aus. Auch hier gebe es Nächte, in denen die Betten nicht für alle reichen, bedauert Geanina Lacatus. Sie und ihre Kollegen versuchten dann, an die Bahnhofsmission oder andere Notunterkünfte zu vermitteln. "Wir schicken die Leute nicht weg, ohne eine Idee, wohin sie sich wenden können", ergänzt Wirtz.




