Ein Engel auf seinem Nachttisch machte Johann Fischer Mut, als er 1985 schwer verletzt im Krankenhaus lag. Seine Tochter hatte ihm die Figur nach einem Autounfall mitgebracht. Der Mann aus Kürten-Engeldorf wurde wieder gesund und sammelte fortan Engel. Seine rund 12.000 Objekte umfassende Sammlung kam ins Guinness-Buch der Rekorde. Heute ist sie im bundesweit ersten und einzigen Engel-Museum in Engelskirchen zu sehen, das am Sonntag seinen zehnten Geburtstag feiert.
Von einem blauen Himmel mit Schäfchenwolken schweben Putten herab. Und an einer meterhohen beleuchteten Spirale, einer sogenannten Himmelsleiter, baumeln mehr als 800 Engelsfiguren. Die geflügelten Wesen erfüllen jeden Winkel des 340 Quadratmeter großen Engel-Museums. Seit November 2015 ist Fischers Sammlung am Engels-Platz 7 in Engelskirchen zu sehen. Und zwar in der Alten Schlosserei auf dem Gelände der früheren Baumwollspinnerei von Friedrich Engels, dem Vater des gleichnamigen kommunistischen Revolutionärs.
Ursprünglich sollte die Sammlung, die mittlerweile auf rund 20.000 Exemplare anwuchs, gar nicht nach Engelskirchen gelangen. Fischer wollte sie eigentlich an ein Versicherungsunternehmen verkaufen, das mit Engelsflügeln in seinem Logo wirbt. "Doch dann kam die Finanzkrise und der Verkauf platzte", sagt Lukas Schlichtebrede, Mitglied im Vorstand des Engelvereins. Offenbar eine himmlische Fügung: Fischer vermachte die Sammlung stattdessen 2009 der Gemeinde Engelskirchen - mit der Auflage, sie öffentlich zugänglich zu machen. Ein Jahr später gründete sich der Engelverein mit dem Ziel, ein Museum für die geflügelten Wesen zu schaffen.
"Am Anfang waren das schwierige Zeiten", erinnert sich Schlichtebrede. "Wir hatten keine finanziellen Mittel, aber große Träume." Doch das Vorhaben hatte gute Schutzengel. Im Rahmen eines Engel-Projekts im Nachbarort Ründeroth entwickelten Hauptschüler einen stilisierten Leuchtengel. Der Verein durfte das Design übernehmen und finanziert sich bis heute zu einem Teil über den Verkauf der Leuchtengel und anderer Figuren und Gegenstände mit dem Engel.
Himmlische Ehrenamtler:innen
Vor zehn Jahren konnte dann das Engel-Museum in der gemeindeeigenen Alten Schlosserei eröffnet werden, nachdem der Vormieter, ein Restaurant, ausgezogen war. Die Aufgaben einer Museumsleitung, wie etwa die Inventarisierung der Sammlung, seien eine Herausforderung für die Ehrenamtler gewesen, sagt Schlichtebrede. "Keiner von uns hatte beruflich auch nur annähernd Erfahrung mit diesem Thema." Die rund 60 Aktiven der insgesamt rund 130 Vereinsmitglieder holten sich ehrenamtliche Expertise, etwa von einem Unternehmensberater oder Kunstwissenschaftlern.
Um die 25.000 Menschen haben die Sammlung himmlischer Wesen mittlerweile besucht. Etwa 3.000 Exemplare aus der Sammlung sind im Museum ausgestellt. Zu sehen sind zum Beispiel geschnitzte Engel aus dem Erzgebirge wie die Crottendorfer Lichterpuppen mit weißen Kaninchenfellkleidern. Die Abteilung mit Engeln aus aller Welt zeigt ganz besondere Exemplare: aus dunklem Holz geschnitzte afrikanische Engel oder peruanische Keramik-Engel in der Tradition der Inka.
Schutzengel sind besonders beliebt
Besonders beliebt bei Besuchern sind die Schutzengel, deren Bilder früher oft über den Schlaf wachten. Da balancieren sorglose Kinder über brüchige Stege oder spielen am Klippenrand. Dank ihrer Schutzengel, die die Hand über sie halten, bleiben sie unversehrt. "Die Schutzengel sind vielen Menschen immer noch wichtig", sagt Museumsmitarbeiterin Marlene Miebach. Bei den Ferienaktionen des Museums erzählten Kinder oftmals viele Geschichten zu diesem Thema. Die Heerschar himmlischer Figuren schaffe eine positive Atmosphäre, beobachtet ihre Kollegin Eva Folz. "Viele Menschen sprechen uns an und erzählen. Es ist wie seelisches Yoga." "Dass hier mal jemand schlechte Laune hat, kommt nicht vor", pflichtet Schlichtebrede bei. "Viele Besucherinnen und Besucher finden hier etwas, wonach sie sich sehnen." Auch wenn viele Menschen nicht mehr kirchlich gebunden seien, so bleibe doch oftmals die Sehnsucht nach einer unsichtbaren Welt.
Wohl auch deshalb sind die Engel mittlerweile beliebte Trauzeugen. Seit dem vergangenen Jahr ist das Museum Außenstelle des Standesamtes Engelskirchen, nachdem es durch einen Anbau erweitert worden war. Für den kleinen Verein schien das 700.000 Euro-Projekt zunächst schwer zu stemmen. Möglich wurde es dann doch durch Spenden, ehrenamtliches Engagement, Fördermittel von NRW-Stiftung und EU - sowie vielleicht auch mit ein wenig himmlischer Hilfe.
Zur Advents- und Weihnachtszeit präsentiert das Museum neben den Engeln eine internationale Krippenausstellung mit Lieblingsstücken aus der Sammlung von Udo und Sieglinde Hergesell, die am Sonntag eröffnet wird und bis zum 1. Februar zu sehen ist.
Info zum Engel-Museum
Das Museum ist bis 31. Dezember sonntags von 11 bis 17 Uhr, dienstags und mittwochs von 10 bis 13 Uhr, donnerstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, von Januar bis Oktober sonntags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr, dienstags und mittwochs von 10 bis 13 Uhr




