Anne Will: Der geordnete Rückzug als goldene Mitte

Bundeswehr in Afghanistan

Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Ein Anblick, den es 2014 nicht mehr geben soll.

Anne Will: Der geordnete Rückzug als goldene Mitte
Der Abzug aus Afghanistan ist beschlossene Sache. Bis 2015 soll sich die Bundeswehr zurückziehen, übrig bleiben dann nur noch Militärberater und ihre Schutztruppe. Wie viele das sein werden, weiß jetzt noch keiner. Aber es ist jedenfalls klar, dass sich der Krieg am Hindukusch in seiner jetzigen Form aus deutscher Sicht dem Ende nähert, auch wenn es noch zwei Jahre sind. Aber was dann? Und wie soll der Abzug aussehen? Das war Thema beim Talk von Anne Will in der ARD.

Seit 11 Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz, der Beginn des Abzugs ist in Sicht. In Deutschland ist nun endlich die Debatte angekommen: Was machen wir eigentlich danach? Wie gehen wir mit den Soldaten um, die nun zurückkommen, und was für eine Verpflichtung haben wir gegenüber den Afghanen, denen wir Hilfe versprochen haben? Bei Anne Will in der ARD war das Talk-Thema diesmal: "Auslandseinsatz Afghanistan – war es die Opfer wert?"

Die Belastung der Soldaten bleibt auch nach dem Einsatz

Es ist ein Thema, bei dem die Emotionen schnell hochkochen können, bei dem die Fronten sich schnell verhärten. Anne Will dagegen gelingt in ihrer Gesprächsrunde mit klugen Menschen eine ruhige, ausgewogene Diskussion. Der Publizist Jürgen Todenhöfer, der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour und Verteidigungsminister Thomas de Maiziere haben den Hauptanteil der Gespräche, und alle drei haben Erfahrungen mit und in Afghanistan.

Zu Beginn der Sendung geht es allerdings erstmal um PTBS, postraumatische Belastungsstörungen. Marita Scholz, selbst ehemalige Bundeswehrsoldatin und verheiratet mit einem Zeitsoldaten, berichtet aus ihrem Familienleben, das von der PTBS-Erkrankung ihres Mannes bestimmt wird. Eindringlich beschreibt sie, wie ihr Mann bestimmte Dinge nicht mehr kann: Er kann seine kleine Tochter nicht aus den Augen lassen, ihr vor Stottern manchmal nicht mehr vorlesen – und nicht mehr über Rasen gehen, weil er gelernt hat, dass dort Sprengfallen drohen. "Ich wünsche mir mehr Unterstützung", sagt sie, "eine ganzheitliche Betreuung der Familie."

Thomas de Maiziere hört zu. Er macht eine gute Figur als Minister, er kennt das Problem und gibt zu, dass die Bundeswehr damals noch nicht so viel Erfahrung mit PTBS hatte wie heute. Etwa zwei Prozent der Rückkehrer seien betroffen, die meisten davon seien heilbar. Inzwischen habe die Bundeswehr erkannt, dass schon in der Vorbereitung von Einsätzen die Familien mit eingebunden werden müssen. Aber der Bundeswehr fehle es noch immer an Personal und Kompetenz, um jedem PTBS-Betroffenen ausreichend zu helfen – da zeigt sich der Minister problembewusst.

Nach einem überstürzten Abzug wäre der Einsatz umsonst

Und auch der Rest der Diskussion macht deutlich: Es ist alles nicht so einfach mit dem Afghanistan-Einsatz. Die Probleme werden nicht einfach weggehen, wenn man aus dem Land verschwindet. Die Probleme der Soldaten werden bleiben. Die Probleme der Afghanen auch.

Wenn Deutschland und alle anderen Länder, die Soldaten in Afghanistan stationiert haben, einfach schnell das Land verlassen, werden sie nur Chaos und Unsicherheit zurücklassen. Und dann, da sind sich die Soldaten in den Einspielfilmen bei Anne Will ebenso einig wie die Gäste im Studio, dann wäre der Einsatz dort tatsächlich umsonst gewesen.

Und die Verantwortung dafür trägt die Politik. Es ist dieser mentale Spagat, der in Deutschland noch immer schwer fällt: Den Einsatz von Soldaten respektieren, aber mit dem Krieg nicht einverstanden sein. Dieser scheinbare Widerspruch ist nur aufzulösen, wenn man sich klar macht: Die Soldaten gehen dahin, weil der Bundestag sie schickt.

Die Verantwortung liegt bei der Politik, nicht den Soldaten

Warum sind sie nun in Afghanistan? "Wir sind nach Afghanistan gegangen, zusammen mit vielen anderen Staaten, um zu verhindern, dass von Afghanistan der Terror in die Welt exportiert wird und auch um ein mörderisches System zu beseitigen", sagt der Verteidigungsminister und schränkt im gleichen Atemzug ein, dass die anfänglichen Ziele "zu optimistisch" waren. Jetzt gehe es nur noch um ein Mindestmaß an Sicherheit.

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Todenhöfer argumentiert dagegen: Der wahre Grund für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan sei nur die Bündnisverpflichtung in der Nato gewesen.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, einfach ist sie jedenfalls nicht. Anne Will kann sich zugute halten, dass sie und ihre Redaktion gut vorbereitet waren – drei Einspielfilme zeigen drei unterschiedliche Ausschnitte des Lebens in Afghanistan, die klarmachen: Eine Patentlösung gibt es nicht, kann es nicht geben. Alle Erfolge in Richtung Menschenrechte, Verbesserung der Lebensqualität und friedliches Zusammenleben sind nur in kleinen Schritten zu haben.

Afghanistan bleibt noch jahrelang ein Thema

Auch die Polemik von Eugen Drewermann, der Soldaten als "bezahlte Auftragsmörder" bezeichnete, sei zu einfach, sagt der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck. Manchmal sei es nötig, zum Beispiel zum Schutz der Helfer Gewalt einzusetzen, aber: "Es darf das Töten als gewolltes Töten nicht geben." Ansonsten blieb der Kirchenvertreter in der Diskussion unbeteiligt.

Von der guten Stunde Diskussion bei Anne Will bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: Afghanistan schlagartig sich selbst zu überlassen, wäre unverantwortlich. Bundeswehrsoldaten weiter anzuweisen, ihr Leben zu riskieren, obwohl zu Hause keiner versteht, was das bringen soll, auch. Der geordnete Rückzug ist der Mittelweg dazwischen. Eine Antwort auf die kommende Frage nach der Sicherheit für deutsche und andere Entwicklungshelfer ist er nicht. Afganistan wird uns auch über 2015 hinaus noch beschäftigen.