Gemeinschaft als ständiges Experiment

Foto: epd-bild/Gustavo Alàbiso

Gelbe Sterne auf blauem Grund: Seit 1955 ist die Flagge das Symbol für Einheit und Identität Europas.

Gemeinschaft als ständiges Experiment
27 Länder, 23 Sprachen und immer mehr Schuldenstaaten: Während ihrer schwersten Zerreißprobe erhält die Europäische Union überraschend den Friedensnobelpreis. Eine Ermutigung für alle überzeugten Europäer.

Am 9. Mai 1950 wird in Paris die internationale Presse für Punkt 18 Uhr ins Außenministerium bestellt. Es werde eine "Erklärung von höchster Bedeutung" geben, heißt es. Im Ministerium am Quai d'Orsay tritt der Außenminister Robert Schuman vor die Journalisten. Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Jean Monnet stellt er ein revolutionäres Konzept für die Zukunft Europas vor: Eine Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die damals Schlüsselbranchen der Wirtschaft waren.

Nach zwei verheerenden Weltkriegen plädieren die beiden Strategen für ein grenzüberschreitendes Projekt. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) ist nicht anwesend - aber er ist eingeweiht. Er sei sofort begeistert vom Schuman-Plan gewesen, berichten Zeitzeugen. Das Ziel haben die Politiker klar gefasst: "Dem Frieden zu dienen."

Diese Vision und ihre Verwirklichung würdigt nun das Nobelpreiskomitee in Oslo. Nach mehreren Nominierungen erhält die EU den Friedensnobelpreis 2012. Sechs Jahrzehnte lang hätten die EU und ihre Vorgänger "den Frieden, die Versöhnung, die Demokratie und die Menschenrechte in Europa vorangebracht", erklärte der Komiteechef Thorbjörn Jagland am Freitag. "Das ist ihre wichtigste Errungenschaft."

Auftritt auf der Weltbühne ohne Generalprobe

Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, im Frühjahr 1957 gegründet, bestand zunächst einmal aus sechs Staaten. Heute umfasst die Europäische Union 27 Mitglieder, die sich in 23 amtlichen Sprachen austauschen. Die Zusammenarbeit funktioniert längst nicht immer reibungslos. Die EU ist ein ständiges Experiment, ein Auftritt auf der Weltbühne ohne Generalprobe.

Dass sie gerade 2012 ausgezeichnet wird, kommt nicht von ungefähr. Die Schuldenkrise stellt das fragile Konstrukt vor eine seiner schwersten Zerreißproben. "Die hässlichen Dämonen der Vergangenheit - Nationalismus, Rassismus und Vorurteile - kommen wieder zum Vorschein", sagte der Europaabgeordnete Jo Leinen (SPD) am Freitag. "Der Friedensnobelpreis ist eine schallende Ohrfeige für all die Europagegner und Euro-Skeptiker."

"Wir sind Nobelpreis!"

Vielen europäischen Politikern war die Freude über die Abwechslung vom trüben Alltag anzumerken. "Als ich heute morgen aufgewacht bin, habe ich nicht erwartet, dass es ein so guter Tag wird", sagte der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso strahlend. Von einer "wunderbaren Entscheidung" sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Und der Europaparlamentarier Alexander Graf Lambsdorff (FDP) jubelte: "Wir sind Nobelpreis!"

Das Preiskomitee hat auch die nahe Zukunft der EU im Blick. Kroatien wird 2013 Mitglied, während unter anderem mit Montenegro Beitrittsgespräche laufen und Serbien einen Kandidatenstatus hat. "Alle diese Schritte haben den Versöhnungsprozess auf dem Balkan gestärkt", unterstrich Jagland. Er erwähnte auch den Anwärter Türkei, wo die Aussicht auf die EU-Mitgliedschaft die Demokratie und die Menschenrechte vorangebracht habe.

In den Jubel mischten sich auch mahnende Stimmen, etwa von EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Der Preis verpflichte Europa, sich für Frieden und Sicherheit in anderen Regionen einzusetzen, etwa in Nordafrika und im Nahen Osten, unterstrich er. Die Zusammenarbeit mit anderen Kontinenten hatten seinerzeit auch schon die Franzosen Schuman und Monnet im Blick. Sie wollten Welthandel - und eine umfangreiche Entwicklungshilfe, da diese im gemeinsamen Interesse aller Länder liege, wie es in ihrer berühmten Erklärung hieß.