Hildegard von Bingen: Prophetin und bald Kirchenlehrerin

Hildegard von Bingen

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Das Gemälde aus dem 20. Jahrhundert zeigt Hildegard von Bingen als Visionärin.

Hildegard von Bingen: Prophetin und bald Kirchenlehrerin
Sie gründete Klöster, deutete das Universum und wurde von Kaisern und Königen um Rat gefragt: Hildegard von Bingen, die am Sonntag von Papst Benedikt XVI. in Rom zur Kirchenlehrerin erhoben wird, gehört zu den großen Gestalten der Kirchengeschichte.

Hildegard von Bingen, eine der großen Mystikerinnen des Mittelalters, wirkte in einer Epoche reichen religiösen Lebens. Sie wurde 1098 als zehntes und letztes Kind von Hildebert und Mechtild von Bermersheim in eine Zeit der Umbrüche hineingeboren. Weder genaues Datum noch Ort der Geburt sind bekannt. Vielleicht erblickte Hildegard auf dem elterlichen Gut in Bermersheim bei Alzey das  Licht der Welt, vielleicht aber auch in Niederhosenbach bei Idar-Oberstein, wo die Familie damals ihren Hauptsitz hatte.

Die hochbegabte Nonne war voller Neugier auf alles, was sie umgab, wissen Zeitzeugen. Was sie lernte, sah und dachte, gab sie weiter: Sie schrieb mehr als 300 Briefe an den Papst, den Kaiser und andere Große ihrer Zeit. Sie predigte in den Kathedralen von Köln und Mainz. Sie verfasste Gedichte, rund 15 Bücher und komponierte etwa 80 Musikstücke, fertigte Bauzeichnungen für ihre Klöster und leitete ein Zentrum für Handschriftenproduktion.

"Ihr ging es um die religiöse Deutung des gesamten Universums", erklärt die Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard oberhalb von Rüdesheim am Rhein: "Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Dasein in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe, war Geschenk und Aufgabe zugleich."

"Ich sehe, höre und weiß gleichzeitig"

Berühmt wurde Hildegard - Äbtissin, Dichterin, Naturwissenschaftlerin, Historikerin, Ärztin und Komponistin - vor allem durch ihre Gabe der "inneren Schau" und ihrer Visionen. "Ich sehe, höre und weiß gleichzeitig", notierte sie in einem Brief. Ihre zentrale Offenbarung empfing sie in den mittleren Jahren: "Als ich 42 Jahre und sechs Monate alt war, da fuhr ein heftig loderndes feuriges Licht aus offenem Himmel." 

Zeit ihres Lebens litt sie unter schweren Krankheiten. Gleichwohl nahm die Benediktinerin die Strapazen langer Reisen auf sich und scheute sich nicht vor der Verantwortung als Äbtissin ihrer Ordenshäuser am Rhein. Um 1150 gründete sie das Kloster Rupertsberg bei Bingen, 1165 entand auf der anderen Rheinseite eine Filiale in Rüdesheim. Vor allem trat sie für eine umfassende Kirchenreform ein. "Hildegard hatte wegen ihres kompromisslosen Anspruches an die Menschen auch zahlreiche Feinde, vor denen sie aber durch Papst Eugen III. und Bernhard von Clairvaux immer wieder verteidigt wurde", heißt es in einem Heiligenlexikon.

Keine Scheu vor Konflikten

Als "deutsche Prophetin" geißelte die Theologin viele Kirchenobere ihrer Zeit. Öffentlich warf sie ihnen Sittenverderbnis, Amtsschleicherei, Lauheit und Trägheit vor. Dabei fürchtete die Äbtissin auch nicht den offenen Konflikt. Sie war um die 80 Jahre alt, als vom Mainzer Erzbischof über ihren gesamten Konvent ein Gottesdienstverbot verhängt wurde. Grund: Sie hatte einen jungen, aus der Kirche ausgeschlossenen Adligen auf ihrem Klosterfriedhof beerdigt. Weil sie sich weigerte, den Leichnam wieder ausgraben zu lassen, wurde das Verbot erst kurz vor ihrem Tod wieder aufgehoben.

Hildegard starb am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg. Das Kloster wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört, Hildegards Reliquien werden heute in einem goldenen Schrein in der Pfarr- und Klosterkirche Rüdesheim-Eibingen aufbewahrt und verehrt. Lebendig bleibt sie aber vor allem in ihrem immensen Lebenswerk, das heute eine Renaissance erlebt. Besonders viele Menschen, die nach Orientierung suchen, lesen wieder ihre Schriften. Allerdings beklagt die katholische Kirche immer wieder eine Vereinnahmung ihrer Lehren durch Anhänger der Esoterik, wie etwa in Spielarten der "Hildegard-Medizin".

Trotz mancher Versuche war Hildegard bis vor kurzem nie in einem förmlichen Verfahren heiliggesprochen worden, erinnert der Mainzer Kardinal Karl Lehmann: "Gleichwohl ist sie besonders in unserer Gegend, vor allem in den Diözesen Limburg, Mainz und Trier und später auch in ganz Deutschland, als Heilige verehrt worden." Am 10. Mai 2012 dehnte Papst Benedikt XVI. die liturgische Verehrung Hildegards auf die katholische Weltkirche aus, was einer offiziellen Heiligsprechung gleichkommt.

Die vierte Frau

Am Sonntag wird sie nun in Rom zudem zur Kirchenlehrerin erklärt. Hildegard ist die vierte Frau unter dann 34 Persönlichkeiten, die in diesen Rang erhoben wird - nach Teresa von Avila (1515-1582), Katharina von Siena (1347-1380) und der heiligen Theresia von Lisieux (1873-1897). Kirchenlehrer (doctor Ecclesiae) ist einer der höchsten Ehrentitel, den die römisch-katholische Kirche für herausragende Gestalten ihrer Geschichte zu vergeben hat. Für den Titel Kirchenlehrer sind nach katholischer Lehre vier Merkmale erforderlich: Rechtgläubigkeit, Heiligkeit des Lebens, herausragende Lehre im wissenschaftlichen wie im mystisch-spirituellen Bereich sowie die offizielle Heiligsprechung durch die Kirche.