Pilgern erfordert Mut zum Risiko

Pilgerzeichen auf dem Jakobsweg

© Bepsimage/iStockphoto/Getty Images

Einen Pilgerweg zu gehen ist eine Herausforderung, die auch Kraft und Mut erfordert.

Auf der Suche nach sich selbst
Pilgern erfordert Mut zum Risiko
Übernachten im Freien, nachts durch den Wald, Beten bei Sonnenaufgang - Pilgern kann spannend sein und viele Sehnsüchte bedienen. Entscheidend ist, was der einzelne daraus macht, sagt Detlef Lienau von der badischen Landeskirche.

Laut großen Umfragen auf dem Jakobsweg geht es Pilgern nach Aussage des kirchlichen Experten Detlef Lienau in erster Linie um sich selbst. Sie kapselten sich dabei aber nicht ab, sondern gingen aus ihrem Alltag heraus, erläuterte der Pilgerbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Baden bei seinem Vortrag auf der Touristikmesse CMT in Stuttgart zum Thema: "Die Sehnsucht ist größer - warum Menschen pilgern". Pilger seien deutlich spiritueller, religiöser und kirchlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Am häufigsten werde das Motiv "zu sich selbst finden" genannt. Als "Buße vor Gott" sahen nur knapp 17 Prozent der befragten Pilger ihren Weg. "Pilger wissen gar nicht, was sie wollen - sie ahnen etwas," erläuterte Lienau.

So sei es auch bei Hape Kerkeling gewesen, Autor des Bestsellers "Ich bin dann mal weg". Am Ende hätten sich Gott und er dann doch gefunden. Der "Kerkeling-Effekt" habe die Pilgerzahlen jedoch nur kurzfristig gesteigert, um etwa 30.000 Pilger auf dem Jakobsweg. Diese Delle nach oben gehe im langfristigen Wachstum unter: "Der Jakobsweg scheint an seinem eigenen Erfolg zu ersticken."

Die Sehnsucht nach dem etwas weniger verbreiteten Pilgern in der Nähe entstehe nicht aus dem Bundesland heraus: "Sehnsucht reimt sich auf Südsee besser als auf Sindelfingen," erklärte der Pilgerbeauftragte. Entscheidend sei, was der Pilger daraus mache. Die Sehnsucht zu wecken, erfordere Mut zum Risiko.

Nicht nur in Lebenskrisen

Dazu gehörten Übernachtungen im Freien, Nachtwanderungen und das Beten in die aufgehende Sonne hinein, das "Wecken des Morgenrots". Wer vor dem Kirchenkonzert zwei Stunden lang im Wald der Stille lausche, höre beim Konzert anders zu.

Wichtig sind laut Lienau auch Pilgerangebote für spezielle Zielgruppen, etwa nur für Männer oder für Trauernde. Der Eindruck, dass vor allem Menschen in Lebenskrisen, etwa nach dem Tod des Partners, pilgerten, täusche aber: "Das ist nicht repräsentativ."

Der gebürtige Niedersachse Lienau pilgert am liebsten rund um seinen neuen Heimatort St. Peter im Schwarzwald oder aber im Süden. Wenn er Pilgertouren leitet, fordert er seine Teilnehmer: "Ich erwarte von meinen Leuten mehrere Monate Vorbereitung, es gibt auch mal ein Frühstück um sechs Uhr." Das Fordern rät er auch den Kirchen, um sich von anderen Anbietern abzuheben. Ein Teilnehmer habe ihn deshalb gelobt: "Du pamperst uns nicht, du mutest uns etwas zu."

In einem Gottesdienst auf der CMT wurde Tobias Kenntner in sein neues Amt als "Fachbereichsleiter Kirche in Freizeit und Tourismus" eingeführt. Es gehe ihm "um hoffnungsvolle Begegnungen mit Menschen, auch solche außerhalb der kirchlichen Bubble," sagte Kenntner.

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