TV-Tipp: "Honecker und der Pastor"

Fernseher vor gelbem Hintergrund.

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19. November, 3sat, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Honecker und der Pastor"
Größer könnte der Kontrast kaum sein: Der gestürzte Staatsratsvorsitzende nistet sich samt Ehefrau gut zwei Monate lang ausgerechnet bei einem Kirchenmann ein. Die Geschichte hätte sich Autor Fred Breinersdorfer kaum besser und bizarrer ausdenken können, doch sie hat sich genauso zugetragen, damals im Januar 1990: Das Regime war entmachtet, der 77jährige Erich Honecker schwerkrank. Das ist Thema dieses Films.

Nach einer Krebsoperation wurde er noch im Krankenzimmer verhaftet, wegen seiner angegriffenen Gesundheit jedoch gleich wieder entlassen. Aber wohin mit dem mutmaßlich meistgehassten Ehepaar der DDR? Weil die Honeckers faktisch obdachlos waren, erbarmte sich der protestantische Pastor Uwe Holmer, Leiter der Hoffnungstaler Anstalten für Behinderte in Lobetal bei Bernau; der evangelische Theologe Friedrich von Bodelschwingh hatte die Einrichtung 1905 ursprünglich für die Obdachlosen der Hauptstadt gegründet.

Holmer begründete seine Entscheidung mit dem Gebot der Barmherzigkeit, das man nicht nur predigen, sondern auch leben müsse. Die Menschen in Lobetal sahen das allerdings ganz anders. 

Angesichts der außerordentlichen Qualität dieses Dramas mit dem schlichten Titel "Honecker und der Pastor" ist es sehr bedauerlich, dass Jan Josef Liefers nicht viel öfter hinter die Kamera wechselt; seine ersten Inszenierungen, die Komödien "Jacks Baby" (1999) und "Die Frauenversteher" (2002), liegen bereits zwanzig Jahre zurück. Schon allein die Bildgestaltung (Ralf Noack) des Films ist preiswürdig. Für Drehbuch und Ensemble gilt das ohnehin, auch wenn es ziemlich mutig von Liefers war, die Rolle Honeckers Edgar Selge anzuvertrauen. Nicht in darstellerischer Hinsicht, schließlich gehört der Westfale auf der Bühne wie auch im Film hierzulande zu den besten seines Fachs; aber er sieht dem Politiker nicht mal besonders ähnlich. Anders als etwa Martin Brambach bei seiner eindrucksvollen Anverwandlung in der gleichfalls auf Tatsachen beruhenden Tragikomödie "Willkommen bei den Honeckers" oder Jörg Schüttauf bei seiner Parodie in "Vorwärts immer!" (beide 2017) versucht Selge klugerweise gar nicht erst, den unverwechselbaren Sprachduktus Honeckers zu kopieren. 

Natürlich vergisst der Film nicht, wer dieser Mensch mal war, und ebenso selbstredend geht es auch um die Rollen der Titelfiguren als Politiker und Priester, aber das Drehbuch konzentriert sich vor allem auf die Gegensätze zwischen diesen Menschen, die nicht zuletzt angesichts der Anfeindungen von außen zu einer Art Schicksalsgemeinschaft werden; Holmer erhält sogar Morddrohungen. Gespielt ist das alles formidabel, nicht nur von Selge, sondern auch von Hans-Uwe Bauer; Barbara Schnitzler und Steffi Kühnert sind den beiden Hauptdarstellern kongeniale Partnerinnen.

Obwohl "Honecker und der Pastor" ein Dialogwerk ist, das sich zudem größtenteils im Haus der Holmers zuträgt, haben es Liefers und Noack geschickt vermieden, die Umsetzung des Drehbuchs wie ein Kammerspieldrama aussehen zu lassen. Dank Noacks Kameraarbeit wirken die Innenaufnahmen nie beengt; dass sie im Studio entstanden sind, ist ihnen ohnehin nicht anzusehen. Die gedeckten, erdigen Farben wiederum erinnern an Filme über die Vierzigerjahre, ein Eindruck, der durch die scheinbar staubgeschwängerte Luft verstärkt wird. 

Die Spaziergänge, bei denen Holmer seinen Gästen darzulegen versucht, warum er es als seine Christenpflicht betrachtet, sie aufzunehmen, sind das moralische Herzstück des Films und philosophisch fesselnd. Liefers hat aber auch klassische Spannungselemente eingebaut und sich dafür beim Genrekino bedient: Als sich eines Nachts ein wütender Mob vor dem Haus zusammenrottet, liegt Lynchjustiz in der Luft. Später hat Margot Honecker eine Vision, die direkt aus einem Zombie-Film stammen könnte. Nach einer Bombenwarnung wandelt sich das Drama gar vorübergehend zum Thriller.

Für Entspannung sorgen dank prominenter Mitwirkender wie Anna Loos, Kurt Krömer oder Axel Prahl kleine Heiterkeiten sowie Seitenhiebe gegen die Medien; ein Boulevardreporter (Oscar Ortega Sánchez) wühlt gar im Müll. 

Originell sind auch die kurzen Ausflüge auf die Meta-Ebene, wenn sich Honecker im Fernsehen Berichte über sich selbst anschaut oder wenn der ältere Holmer-Sohn lautstark Udo Lindenbergs DDR-Song "Sonderzug nach Pankow" spielt. Diese Momente währen jedoch nur kurz, der Grundton des Films ist zutiefst ernsthaft. Liefers und Breinersdorfer gestehen den Honeckers zwar menschliche Schwächen zu, wenn Margot den Konsum-Honig umfüllt, damit Erich nicht auf sein geliebtes Langnese-Produkt verzichten muss, oder wenn sie vom Tod ihrer Enkeltochter erzählt ("Erichs Sonnenschein").

Die meisten Gespräche lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass sich das Ehepaar keiner Schuld bewusst ist. Im Grunde hätte es des Auftritts einer jungen Frau (Luzia Oppermann), die in einer Talkshow von ihren furchtbaren Erlebnissen im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau berichtet, gar nicht bedurft, um die als Ministerin für Volksbildung für diese Besserungsanstalten zuständige Margot Honecker zusätzlich zu dämonisieren; das hat sie bis dahin schon gründlich selbst besorgt. 

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