Religionsfreiheit gilt auch für Muslime

Niklolaus Schneider, früherer EKD-Ratsvorsitzender

© epd-bild/Fritz Stark

Der frühere EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider wirbt für Toleranz gegenüber dem islamischen Gebetsruf, der nun in Köln öffentlich per Lautsprecher erklingen darf. Aber er übt auch Kritik an der DITIB. (Archivbild)

Stimmen zum islamischen Gebetsruf
Religionsfreiheit gilt auch für Muslime
Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat in der Debatte über den Muezzin-Ruf in Köln für Toleranz geworben. Doch es gab auch kritische Stimmen, die im Gebetsruf der DITIB-Moschee eine Machtdemonstration sehen.

Die in Deutschland geltende Religionsfreiheit müsse grundsätzlich für alle Religionen gelten, sage der frühere rheinische Präses am Freitag im "Morgenecho" auf WDR5. "Zur Religionsfreiheit gehört nach meinem Verständnis, dass man seinen Glauben nicht nur im privaten Kämmerlein ausüben kann, sondern dass dies auch öffentlich geschehen kann", sagte Schneider. Dass sich andere Religionen aus ihrem Selbstverständnis heraus öffentlich äußerten, müsse ausgehalten werden, sagte Schneider.

"Als Christenmensch und als Theologe habe ich eine andere Einschätzung, als sie in dem Gebetsruf zum Ausdruck gebracht wird", sagte er. Aber es gehöre zu einem toleranten Umgang miteinander, "dass die anderen auch die Möglichkeit haben, ihre Vorstellungen zu sagen". Voraussetzungen dafür seien, dass die Äußerung des Glaubens unter den Bedingungen des Grundgesetzes geschehe, und es dürfe nicht zu Unfrieden im Land führen. "Lass es uns erstmal ausprobieren", appellierte Schneider.

Die vom umstrittenen DITIB-Verein getragene Kölner Moschee müsse ihrerseits aber auch deutlich machen, dass es darum gehe, als Teil der bundesdeutschen Gesellschaft den Glauben öffentlich zu leben. Das sei bei DITIB eine ernsthafte Frage, weil sie dem türkischen Staat nahestehe. Dieser türkische Staat schränke, etwa bei der Umwidmung der Hagia Sophia in Istanbul zu einer Moschee, Religionsfreiheit ein. Die DITIB dürfe den Vertrag nicht dazu missbrauchen, um auch hier öffentlich aggressiv aufzutreten. Die "Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion" (DITIB) ist mit der türkischen Religionsbehörde verbunden und wurde in der Vergangenheit wegen ihrer Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert, der zunehmend autoritär regiert.

Die Gesellschaft hierzulande müsse klären, wie weit sie dieses öffentliche Auftreten "ertragen" könne, "wie weit wir bereit sind, tolerant miteinander umzugehen", sagte Schneider weiter. "Da gibt es keine theoretische Antwort drauf. Das muss man klären durch Handeln."

In Köln rief an diesem Freitag der Muezzin erstmals muslimische Gläubige per Lautsprecher zum Freitagsgebet. Der erste Gebetsruf der DITIB-Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld soll den Angaben zufolge gegen 13.24 Uhr erfolgen. Die Moscheegemeinde in Ehrenfeld ist die bislang einzige, die im Zuge eines auf zwei Jahre befristeten Modellprojekts der Stadt Köln einen Antrag gestellt hatte. Rund zehn weitere Moscheegemeinden haben Interesse bekundet. Genehmigt wird der Muezzin-Ruf durch einen öffentlich-rechtlichen Vertrag mit Auflagen.

Mansour sieht eine absolute "Machtdemonstration"

Kritik äußerte dagegen der Psychologe und Autor Ahmad Mansour. Es sei eine absolute "Machtdemonstration", wenn nun ausgerechnet der erdogantreue DITIB-Verband wöchentlich lautstark zum Gebet rufe, sagte er der "Frankfurter Rundschau" (Freitag). "Ich finde, so eine Moschee zu hofieren und ihr symbolisch diese Machtdemonstration zu erlauben, das ist das falsche Signal."

Die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Susanne Schröter, kritisierte, die DITIB instrumentalisiere die Religion für ihre Zwecke. Die türkische Regierung habe immer wieder die DITIB-Moscheen für politische und auch für anti-integrative Propaganda genutzt, sagte sie am Freitag in Köln im WDR-Radio. "Von daher kann ich nicht sehen, dass auf deutscher und auf türkischer Seite das gleiche Verständnis von Toleranz da ist." Das viermalige Rufen des Glaubensbekenntnisses "Gott ist groß" sei zwar für jeden Moslem etwas völlig Normales, sagte Schröter. Zugleich sei es "nun auch nicht ein Bekenntnis der Gleichwertigkeit aller Religionen, sondern auch der Überlegenheit des Islam".

Missio: DITIB möge sich in der Türkei für Religionsfreiheit einsetzen

Das katholische Hilfswerk Missio Aachen appellierte unterdessen an die DITIB, sich für Religionsfreiheit in der Türkei einzusetzen. Er hoffe, dass der erste öffentliche Ruf eines Muezzins an der DITIB-Moschee in Köln "auch zum Weckruf für das umfassende Recht auf Religionsfreiheit von religiösen Minderheiten in der Türkei wird", sagte Missio-Präsident Dirk Bingener am Freitag in Aachen. Der öffentliche Muezzinruf sei ein "Zeichen von Normalität in einer offenen Gesellschaft, in der das Menschenrecht auf Religionsfreiheit für alle gleichermaßen gilt". Daraus erwachse für die DITIB aber gleichzeitig "die politische Verantwortung, sich als Teil der türkischen Religionsbehörde für dieses Menschenrecht und die gesellschaftliche Akzeptanz von Christinnen und Christen und anderen religiösen Minderheiten in der Türkei einzusetzen".

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