Muezzin-Ruf von DITIB-Moschee nicht erwünscht

DieZentralmoschee der DITIB in Köln

© epd-bild/Guido Schiefer

Die türkische DITIB-Moschee in Köln-Ehrenfeld hat den öffentlichen Gebetsruf am Freitagmittag per Lautsprecher-Übertragung beantragt. Kritiker bemängeln, dass der Modell-Versuch mit dem Muezzin-Ruf nicht die Solidarität mit dem Islam befördere.

Kritik an Kölner Symbolpolitik
Muezzin-Ruf von DITIB-Moschee nicht erwünscht
In Köln soll ab Freitag der Muezzin-Ruf der DITIB-Moschee erklingen. Ein Modell-Versuch der Stadt. Doch nicht nur Musliminnen wie die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün äußerten massive Kritik. Auch der Theologe und Islam-Beauftragte der württembergischen Landeskirche Friedmann Eißler hegt Zweifel an der integrativen Funktion des Projekts. Für evangelisch.de analysiert der Islamwissenschaftler, was es mit dem Gebetsruf auf sich hat.

In Köln soll ab Freitag der Muezzin-Ruf der DITIB-Moschee per Lautsprecher erschallen. Die Idee für den zweijährigen Modell-Versuch war von der Kölner Bürgermeisterin Reker auf den Weg gebracht worden. Musliminnen wie die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün äußerten massive Kritik darüber. Für evangelisch.de ordnet der Theologe und Islam-Beauftragte der württembergischen Landeskirche, Friedmann Eißler das Geschehen ein. Der islamische Gebetsruf lasse sich nicht mit Kirchengeläut inhaltlich vergleichen. Viele Muslime nutzten Apps oder Kalender für die Gebetszeiten. Wenn jetzt Moscheen, die dem türkischen Staat angegliedert sind, öffentlich zum Gebet aufrufen, könnte das der türkische Präsident Erdoğan ausnutzen. Es scheint, als schaffe Köln damit ohne Not neuen politischen Ballast, sagte Eißler. Ein Gebetsruf trage eher nicht zur Solidarität mit Muslimen bei. 

Ein Gastbeitrag von Friedmann Eißler: Der islamische Gebetsruf (Adhan, türk. Ezan) wird an der großen Ditib-Moschee in Köln, wenn er denn kommt, nur freitags zu ganz bestimmter Zeit und nur in Gesprächslautstärke zu hören sein. Die Freiheit der Religionsausübung erstreckt sich auch auf den Gebetsruf, und manchmal ist Symbolpolitik auch wichtig. Also alles in Ordnung? 

Über mindestens 4 Punkte sollte man sich im Klaren sein, wenn man jetzt kontrovers diskutiert:

1. Der Adhan ist islamrechtlich als "sehr wünschenswert" empfohlen (sunna mu'akkada), aber für keine Rechtsschule unabdingbare individuelle Verpflichtung. Er muss für die Gültigkeit des Gebets auch nicht (etwa mit Lautsprechern) verstärkt werden. Viele muslimische Autoritäten vertreten die Ansicht, dass der Gebetsruf in der Öffentlichkeit nur für Länder mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung gilt. Einige halten die Möglichkeiten, die für jeden Ort genau festgelegten Gebetszeiten dem Internet oder entsprechenden Kalendern bzw. Tabellen zu entnehmen, oder sich den Gebetsruf per SMS schicken zu lassen, für völlig ausreichend. In den allermeisten Moscheen hierzulande erklingt der Gebetsruf in den Innenräumen, worüber es in den letzten Jahren auch keinerlei Aufhebens gab. (Die Lautsprecherverstärkung kann überdies nur sinnvoll sein, wenn sie vom Großteil der Gläubigen zu hören ist, was an den meisten Moscheestandorten nicht der Fall wäre.)

2. Der Muezzinruf ist nur sehr oberflächlich mit dem kirchlichen Glockengeläut vergleichbar. Er formuliert explizit den Kern und den Anspruch des islamischen Glaubens in Gestalt des Glaubensbekenntnisses auf Arabisch und ruft zum islamischen Pflichtgebet auf. Der Adhan hat keine "neutrale" Form (wie selbstverständlich alle Gebete nicht "neutral" sind), sondern eine klare Botschaft, die auch als Aufforderung verstanden werden kann. Das Glockengeläut christlicher Kirchen unterscheidet sich vor allem dadurch, dass es nicht als Teil des Gebets aufgefasst werden kann und keine inhaltliche Botschaft proklamiert. Kirchenglocken laden – wenn es sich nicht ohnehin um Profangeläut handelt – für alle offen zu einem Gottesdienst oder zum Gebet bzw. Innehalten ein. Der Muezzin ruft zu einem Gebet nur für Muslime.

3. Mit dem inhaltlichen Profil des Gebetsrufs ist nicht zuletzt ein religiöser Deutungsanspruch verbunden, jedenfalls kann er so gehört werden. Es gab bei Gebetsrufaktionen in der Vergangenheit begeisterte Reaktionen, "Allahu akbar"-Rufe und Gebete von Muslimen, auf den Straßen und im Netz wurde Gott gepriesen, dass jetzt vielleicht doch ganz Deutschland vom Islam erreicht werde. Die Initiatoren mögen solche Deutungen und die Verantwortung dafür von sich weisen, die gesellschaftliche Realität darf jedoch nicht ausgeblendet werden. Der lautsprecherverstärkte Gebetsruf ist kein geeignetes Instrument, um z. B. zusammen mit dem Glockengeläut gesellschaftliche Solidarität oder die Verbundenheit der Religionen zum Ausdruck zu bringen – wie man es etwa in der Coronapandemie versucht hat. 

4. DITIB ist strukturell und personell direkt mit der Religionsbehörde in Ankara verbunden, eine Unabhängigkeit ist nicht gegeben. Es ist zu erwarten, dass der türkische Präsident Erdoğan, der die Eröffnung der Moschee 2018 mit einem Affront gegen Stadtgesellschaft und Politik persönlich inszenierte, das Ereignis politisch nutzt. 

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