Wie blicken Orthodoxe auf Kolonialismus?

Hände des Priesters auf der Bibel

© YorVen/iStockphoto/Getty Images

Cristian Sonea, Professor für orthodoxe Theologie, beantwortet Fragen über das Thema Kolonialismus in Rumänien.

Interview mit Cristian Sonea
Wie blicken Orthodoxe auf Kolonialismus?
Wie wird die Debatte um koloniale Vergangenheit und Dekolonisierung in einem Land wie Rumänien geführt, das weder eine Kolonialmacht noch kolonisiert war? Dieser Frage geht Cristian Sonea, Professor für orthodoxe Theologie an der Universität Cluj-Napoca, im Interview nach.

Christiane Ehrengruber hat den rumänischen Theologen für die Evangelische Mission Weltweit (EMW) interviewt. evangelisch.de dankt der EMW für die Kooperation.

Welche Rolle spielt Kolonialismus in Ihrer Kirche oder Ihrem kulturellen Kontext?

Cristian Sonea: In der Geschichte von Rumänien und der rumänisch-orthodoxen Kirche spielt Kolonialismus keine Rolle. Rumänien war weder eine Kolonialmacht noch kolonisiert im Sinne des von den westlichen Imperien geförderten Kolonialismus. Der historische Kontext, in dem sich die rumänischen Gebiete im Laufe der Zeit befanden, prägte jedoch das missionarische Bewusstsein und die orthodoxe Missionspraxis. Um die gegenwärtige Dynamik der orthodoxen Mission besser zu verstehen, muss ich einige entscheidende historische Ereignisse erwähnen, die das Leben der orthodoxen Kirche geprägt haben.

Die orthodoxe Kirche betrachtet sich als Nachfolgerin der apostolischen Tradition in byzantinischer Form. Nach Ansicht des rumänischen Theologen Ioan Ică jr. wurde in Konstantinopel (Neu-Rom) eine Synthese von Jerusalem, Athen und Rom erreicht, die eine Grundlage der europäischen Kultur und Zivilisation darstellt. Während sich die byzantinische theologische Synthese als beständig erwies, war die politisch-theologische Synthese weniger erfolgreich.

"Der historische Kontext prägte jedoch das missionarische Bewusstsein und die orthodoxe Missionspraxis."

Zahlreiche Krisen – das Schisma der Ostkirchen, die Teilung Europas in zwei verfeindete Blöcke (das rivalisierende deutsch-französische Reich, das mit dem von Konstantinopel aus regiertem Reich verfeindet war), die fortschreitende Entfremdung der Orthodoxie vom christlichen Abendland, die Ausbreitung des Islams in Kleinasien – führten zum Rückzug des Byzantinischen Reiches, aber zu einer Zunahme seines Einflusses auf die slawischen Völker des Balkans und das mittelalterliche Kiewer Reich. Zu dem Schisma des 11. Jahrhunderts, das die Kirche in Ost und West spaltete, kam 1204 noch das Trauma der aus politischen Gründen und zum Schutz vor der islamischen Bedrohung erzwungenen "Vereinheitlichung" im Vierten Kreuzzug, in dem die westlichen Kirchen Konstantinopel verwüsteten und besiedelten.

All diese Ereignisse führten zu einer zunehmenden Trennung zwischen den beiden Kirchen. In diesem gespaltenen Kontext verlor das missionarische Ethos allmählich seinen Sinn für Universalität, und der Fall Konstantinopels verschlimmerte diese Lage noch. Die griechische und balkanische Orthodoxie kämpfte unter der osmanischen Herrschaft ums Überleben, da sie sowohl vom lateinischen Westen als auch von der russischen Orthodoxie getrennt war. Politisch standen die Balkanländer (einschließlich der rumänischen Länder Moldau und Walachei) unter türkischer Besatzung, so dass sich die orthodoxe Kirche dem Ökumenischen Patriarchen nicht nur kirchlich, sondern auch kulturell und wirtschaftlich unterordnen musste. Der Ökumenische Patriarch wurde zum Oberhaupt (Ethnarch) der christlichen Gemeinschaft im Osmanischen Reich. So prägte der historische Kontext das missionarische Verständnis der Kirche als Widerstandsmission, und diese kontextuellen Gegebenheiten haben das missionarische Bewusstsein bis heute beeinflusst.

Cristian Sonea ist orthodoxer Priester und außerordentlicher Professor in Rumänien.

Im 19. Jahrhundert befreiten sich die Balkanländer mit Hilfe des Zarenreichs von der osmanischen Herrschaft, konnten aber keine stabile Unabhängigkeit und nationale Einheit erreichen, bevor sie schließlich deutsche römisch-katholische Könige oder Herrscher akzeptierten (1830 Otto von Bayern, König von Griechenland; 1866 Karl von Hohenzollern, Prinz und späterer König des vereinigten Rumäniens; 1879 Alexander Battenberg, Prinz von Bulgarien). Die neu entstandenen Nationalstaaten kämpften um die Anerkennung auf ministerieller Ebene, indem sie die Autokephalie (also die kirchliche Unabhängigkeit) der lokalen orthodoxen Kirchen ausriefen. In diesem angespannten Umfeld kämpften die orthodoxen Kirchen des Balkans darum, sich in der panorthodoxen Welt zu definieren und von den anderen orthodoxen Kirchen und den neu entstandenen politischen Regimen anerkannt zu werden. Wir können dies als eine Mission der Anerkennung bezeichnen, die wiederum das missionarische Bewusstsein prägte.

Nach einer kurzen Zeit der Freiheit, in der die Kirche begann, eine moderne Missionstheologie zu entwickeln, wurde Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg Teil des kommunistischen Blocks. Die kirchliche Missionsarbeit wurde aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und nur im kirchlichen Umfeld geduldet, während das offizielle staatliche Programm besagte, dass die sozialistische Gesellschaft innerhalb von fünf Jahrzehnten atheistisch werden würde. Unter diesen Bedingungen war die Mission der Kirche fast unmöglich zu verwirklichen. Wir nennen diese Art von Mission eine Überlebensmission.

Auch wenn Rumänien und die rumänisch-orthodoxe Kirche keinen Kolonialismus im eigentlichen Sinne erlebt haben, so haben sie doch Zeiten der Besatzung und Herrschaft durchlebt, die zur Entstehung einer Missionstypologie geführt haben, die durch Widerstand, den Kampf um Anerkennung und Überleben gekennzeichnet ist.

Wie hat diese Vergangenheit die Entwicklung Ihrer Kirche geprägt?

Cristian Sonea: Mit Blick auf den Bruch Rumäniens und der rumänisch-orthodoxen Kirche mit der kommunistischen Vergangenheit ist es wichtig zu wissen, dass das kommunistische Regime die lebenswichtige Verbindung zwischen dem Volk und der Kirche nutzte, um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Da es den Kommunist:innen um die Bewahrung und Stärkung der rumänischen Identität ging, tolerierten sie den orthodoxen Glauben, der regelmäßig mit der ethnischen und nationalen Identität in Verbindung gebracht wurde. Die Verbindung des orthodoxen Bewusstseins mit der ethnischen Identität bedeutete einen Verzicht auf die universelle Dimension der Kirche. Das universelle christliche Bewusstsein hat, wenn auch unvollkommen, im nationalen orthodoxen Bewusstsein überlebt.

Das Jahr 1989 brachte den Fall der Berliner Mauer, den Untergang des Sowjetimperiums und das Ende einer Ära. Für die osteuropäischen Länder war es nicht nur das Ende des kommunistischen Regimes oder die Rückkehr zu den Jahren 1917 oder 1948, sondern der Beginn einer neuen Welt, die von Werten und Paradigmen beherrscht wird, die sich von den traditionellen oder modernen Paradigmen, die sie bis dahin kannten, unterscheiden. Kurz nach seiner Befreiung vom Kommunismus wurde Osteuropa in eine postmoderne Zivilisation gedrängt. Die globale Wirtschaft und die wissenschaftliche und technologische Entwicklung haben tiefgreifende Veränderungen in Gesellschaft, Kultur und damit auch in der Religion bewirkt. In Osteuropa wird der Postkommunismus zunehmend mit dem Postchristentum und dem Posthumanismus gleichgesetzt.

"Für die osteuropäischen Länder war es nicht nur das Ende des kommunistischen Regimes oder die Rückkehr zu den Jahren 1917 oder 1948, sondern der Beginn einer neuen Welt"

In diesem Kontext musste sich die orthodoxe Kirche anpassen und schnell eine neue Aufgabe finden. Einerseits musste sie zurückgewinnen, was während des kommunistischen Regimes verloren gegangen war, andererseits musste sie Antworten auf alle neuen zeitgenössischen Herausforderungen geben. Das missionarische Bewusstsein, das sich in den letzten 30 Jahren herausgebildet hat, wurde durch das Verständnis der Kirche von christlicher Mission in den letzten Jahrzehnten geprägt.

So bestand die erste missionarische Aufgabe der Kirche nach dem Fall des Kommunismus darin, ihren Platz in der rumänischen Gesellschaft, von dem sie durch das kommunistische Regime ausgeschlossen worden war, wieder vollständig einzunehmen. Heute ist die Kirche in Krankenhäusern präsent, und soziale Einrichtungen haben ein Netz von philanthropischen Institutionen aufgebaut, in der Armee, in Schulen (in Rumänien wird in allen öffentlichen Schulen Religionsunterricht erteilt), in den Medien und im Internet. Wenn wir die Kirche als eine Erweiterung der Inkarnation Christi sehen, ist die Präsenz der Kirche in allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens eine Form der Annahme der Welt in der gleichen Weise, wie Christus in seiner Inkarnation die gesamte menschliche Natur angenommen hat.

Wie bewegt sich Ihre Kirche auf die Zukunft zu? Spielt Mission dabei eine Rolle?

Cristian Sonea: Die pastoralen Aufgaben der kirchlichen Hierarchie und der kirchlichen Missionare sollten dazu beitragen, ein echtes missionarisches Bewusstsein zu entwickeln. Ein solches authentisches Missionsbewusstsein setzt den Respekt vor dem von Christus gegebenen Missionsmodell voraus. Er hat die menschliche Natur angenommen und damit die Mittel für die Verklärung und Vergöttlichung des Menschen bereitgestellt. Eine christliche Mission, die die gesamte menschliche Existenz umfasst, sollte auf diesem Modell aufgebaut sein. Ich verstehe Gott als denjenigen, der in der Geschichte wirkt, und uns Menschen als Zeug:innen und Teilnehmer:innen an seinem Werk. Das Leben der Kirche unter dem kommunistischen Regime ist ein hervorragendes Beispiel. Obwohl die missionarische und pastorale Tätigkeit damals drastisch eingeschränkt war, wirkte Gott durch Geistliche und Lai*innen, auch wenn sie kein ausgeprägtes Missionsbewusstsein hatten.

Eine weitere Aufgabe besteht darin, das dogmatische Bewusstsein der orthodoxen Christ:innen zu kultivieren, und dies kann auf zweierlei Weise geschehen: erstens durch das Erleben der Geheimnisse des Glaubens und zweitens durch die wörtliche Lehre des Glaubens oder das theoretische Wissen. Abstrakte Darstellungen können zwar der Wirklichkeit entsprechen oder auf sie hinweisen, aber sie stellen keine wirkliche Gotteserkenntnis dar. Sie sind jedoch wertvoll und können in vielen Bereichen des christlichen Lebens, einschließlich des geistlichen Lebens, hilfreich sein. Dogmatisches Bewusstsein bildet sich dann durch echten Kontakt mit den Realitäten, die in den dogmatischen Lehren der Kirche beschrieben werden. Somit ist die Erfahrung eine Quelle authentischer Erkenntnis und Theologie. Jede Veränderung des dogmatischen Bewusstseins (auf welcher Ebene auch immer) führt zu einer entsprechenden Veränderung des geistlichen Lebens. Ebenso bewirkt jede Abweichung von der Wahrheit im geistlichen Leben eine Veränderung des dogmatischen Bewusstseins.

Eine weitere Aufgabe der Kirche heute besteht darin, das Bewusstsein für die orthodoxe Universalität und die christliche Einheit zu fördern. In Rumänien und in der Diaspora liegt der Schwerpunkt eher auf der Stärkung der nationalen und ethnischen Identität. Die Universalität wird zweifellos nicht geleugnet, aber sie wird als zweitrangig betrachtet. Gleichzeitig entsteht in der Begegnung mit orthodoxen Christ:innen, die anderen nationalen Kirchen angehören, ein lokales, nationales Bewusstsein, das jedoch in einem universellen Sinn verstanden wird. Intuitiv verstehen die Gläubigen, dass sie durch ihre Zugehörigkeit zur rumänischen Orthodoxie auch zur universellen Orthodoxie gehören. Dieses universelle Bewusstsein ist notwendig, weil die Kirchen in der Diaspora auf dieser Grundlage über diesen provisorischen Zustand hinausgehen können, während eine geeignete Lösung für ihre kanonische Organisation gesucht wird.

Schließlich ist auch die Entwicklung eines prophetischen Bewusstseins eine entscheidende pastorale Priorität. In den traditionellen orthodoxen Gemeinschaften besteht ein Interesse daran, einen prophetischen Missionsgeist zu entwickeln, um die Irrtümer der heutigen Gesellschaft zu sanktionieren, aber ein dogmatisches und universales Bewusstsein muss einen solchen prophetischen Geist begleiten.

Mehr zu Kolonialismus
Die Queen sitzt in einer Kutsche begleitet von Prinz Philipp anlässlich einer Militärparade
Elisabeth II. hat sich nie für das Unrecht der Kolonialzeit entschuldigt, das auch unter ihrer Regentschaft verübt wurde. Auf dem afrikanischen Kontinent nehmen ihr das viele übel - auch nach ihrem Tod.
Bibel vor römischen Säulen
Fast alle Bücher der Bibel sind in Situationen von politischer Abhängigkeit entstanden. Der Theologe Bezold schreibt im Gastbeitrag, dass postkoloniale Theorieansätze dazu beitragen können, einseitige Interpretationsmuster zu überwinden.