Die Aktualität des "Darmstädter Worts"

Der evangelische Theologe Karl Barth

© © epd-bild / Hans Lachmann

Der streitbare Schweizer Karl Barth (Foto) und der evangelische Theologe Hans-Joachim Iwand waren die wichtigsten Autoren der NS-oppositionellen Erklärung "Darmstädter Wort".

Theologische Erklärung
Die Aktualität des "Darmstädter Worts"
Mit dem "Darmstädter Wort" benannten Theologen vor 75 Jahren konkrete Irrwege der evangelischen Kirche in den Nationalsozialismus. Vieles davon ist auch heute angesichts des neuen Konflikts mit Russland wieder aktuell. Zum Mord an den Juden findet sich aber kein Wort in der Erklärung.

Es würde auch heute als Provokation gelten, ist sich der Osnabrücker Theologieprofessor Andreas Pangritz sicher: Am 8. August 1947 veröffentlichte ein Teil des "Bruderrats" der evangelischen Kirche das "Darmstädter Wort".

Anders als das allgemein gehaltene Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 benannte das noch existierende Leitungsorgan der NS-oppositionellen Bekennenden Kirche konkrete "Irrwege" der evangelischen Kirche. Die schonungslose Selbstkritik erntete Entrüstung des Rates der neu gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland und von nicht anwesenden Mitgliedern des Bruderrats.

"Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine 'christliche Front' aufzurichten gegenüber notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der Menschen", geißelt das "Darmstädter Wort" den Konservatismus der evangelischen Kirche, ihre Obrigkeitshörigkeit und ihre Ablehnung des Sozialismus. "Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen."

Die Erklärung attackiert die Duldung und Förderung des Nationalismus und des Militarismus sowie die Feindschaft gegenüber dem Marxismus. Die wichtigsten Autoren waren die evangelischen Theologen Hans-Joachim Iwand (1899-1960) und Karl Barth (1886-1968).

"Gefahr aus dem Osten" wird wieder beschworen

Die Aussagen sind nach Pangritz keineswegs Geschichte. "Die größte Brisanz und Aktualität" komme vor dem Hintergrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine der grundsätzlichen These vier zu: "Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichts gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten im politischen Leben ... bilden zu müssen." Zu schnell werde das Gut-und-Böse-Schema des Kalten Krieges, das Schlagwort von der "Gefahr aus dem Osten" der Nachkriegszeit, wieder aktiviert, kritisiert der Theologe.

Die Vizepräsidentin des Hessischen Landtags, Heike Hofmann (SPD), findet die Erklärung auch für Politikerinnen und Politiker fruchtbar. "Die Politik sollte selbstkritischer werden mit eigenen Irrwegen und diese mutiger eingestehen", sagt Hofmann, die berufenes Synodenmitglied der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ist. Die Abgeordnete sieht auch Impulse hinsichtlich des Kriegs in der Ukraine: Deutschland müsse dem angegriffenen Land Waffen zur Selbstverteidigung liefern, aber dennoch mit Russland im Dialog bleiben.

Holocaust bleibt unerwähnt

Ein krasses Versäumnis der Erklärung benennt die Generalsekretärin des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Ilona Klemens: Die Verfasser seien "durch ihr Verschweigen des längsten und verhängnisvollsten Irrwegs selbst in die Irre gegangen". Die Theologin meint den christlichen Antisemitismus. Es wäre an der Zeit, "eine Art 'Darmstädter Wort 2.0' zu verfassen", fordert Klemens. Der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus werde wichtiger.

Die unbequeme Erklärung von 1947 geriet in der evangelischen Kirche in Westdeutschland bald in Vergessenheit. "Das Darmstädter Wort war tabu", erklärt der Theologe Pangritz. Erst ein linksprotestantischer Basiskongress habe die Erklärung 30 Jahre später wiederentdeckt. An der "Versammlung europäischer Christen" 1977 in Darmstadt habe auch der Mitautor und ehemalige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Martin Niemöller (1892-1984), teilgenommen.

Absage an Nationalismus, Ruf zur Veränderung

"In den Kirchengremien hatte dies wenig Nachwirkung", findet Pangritz. Im Kirchenbund in Ostdeutschland habe die Erklärung mit ihrem Anknüpfungspunkt am Marxismus hingegen eine gewisse Resonanz gehabt.

Zum 75-Jahr-Jubiläum würdigt der amtierende Kirchenpräsident der EKHN, Volker Jung, das "Darmstädter Wort". Er kritisiert ebenfalls, dass die Erklärung "keine Silbe für das Menschheitsverbrechen der Shoah übrig hatte". Aber das "Darmstädter Wort" habe eine große Bedeutung in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der "politischen Zeitansage".

"Das Darmstädter Wort ist eine klare Absage gegen Militarismus und Nationalismus", betont der Kirchenpräsident. Auch die Aufforderung, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben Wandlungen erfordere, sei für die Debatte um die Gleichstellung gleichgeschlechtlich liebender Menschen richtungsweisend. Bleibendes Verdienst der Erklärung sei, die "gesamte Schuld" persönlich und generationenübergreifend zu bekennen und auf die Freisprechung durch Jesus Christus zu hoffen, resümiert Jung.

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Am 8. August 1947 veröffentlichte der Bruderrat, das nach Kriegsende fortbestehende Leitungsorgan der Bekennenden Kirche, in Darmstadt ein "Wort zum politischen Weg unseres Volkes". Es sollte einen Neuanfang markieren, indem es die Verfehlungen der Vergangenheit klar benennt und bekennt. Ein vierfaches "Wir sind in die Irre gegangen..." sollte die Mitschuld der Kirche hervorheben. Verfasser waren die Theologieprofessoren Hans-Joachim Iwand (1899-1960) und Karl Barth (1886-1968), überarbeitet wurde es unter anderem vom späteren hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller (1892-1984).

Die Thesen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Verhängnisvoll waren und sind der deutsche Nationalismus und Konservatismus, an denen die evangelische Kirche nicht nur Anteil hatte, sondern die sie aus tiefster Überzeugung mitgetragen und verteidigt hat. Schlimm wirkten sich für die Kirche und das deutsche Volk die damit Hand in Hand gehenden Abgrenzungen und Verdammungen anderer weltanschaulicher Überzeugungen aus. Als besonders problematisch wird die Verwerfung des Marxismus bezeichnet, der die Kirche an den Auftrag für das Leben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen.

Gerahmt werden die Thesen von dem Bekenntnis, dass die Christen ihre "gesamte Schuld" bekennen müssten und so auf die Freisprechung durch Jesus Christus hoffen dürften. Die Gemeinden werden zum Umdenken, zum Aufbau eines besseren Staatswesens und zur Versöhnung mit den Völkern aufgerufen. Wie die "Stuttgarter Schulderklärung" von 1945 schweigt das "Darmstädter Wort" jedoch zur Verfolgung und Vernichtung der Juden. Erst im April 1948 verabschiedete der Bruderrat ein "Wort zur Judenfrage" als seine letzte öffentliche Äußerung.