TV-Tipp: "Gefährliche Wahrheit"

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25. April, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Gefährliche Wahrheit"
Nach einem Brand im sozialen Brennpunkt einer mittelgroßen Stadt erhebt ein Vater, dessen Sohn in den Flammen umgekommen ist, schwere Vorwürfe gegen den Besitzer der Wohnsilosiedlung.

Die Immobilienfirma habe keinen Cent in den Brandschutz investiert. Maren Gehrke (Lisa Maria Potthoff), Journalistin der lokalen Zeitung, geht der Sache nach. Tatsächlich gab es in dem Haus keine Rauchmelder, der einzige Feuerlöscher war veraltet. Bei den Missständen tragen die örtlichen Behörden jedoch mindestens eine Mitschuld, denn die Siedlung gehörte bis vor wenigen Jahren der Stadt. Bei ihren Recherchen kommt die Reporterin einer von Gier und Korruption geprägten Kungelei auf die Spur. Ein Informant zeigt ihr ein Video, das nicht nur die zuständige Stadträtin (Teresa Harder) erheblich belastet, sondern auch Hinweise auf einen von langer Hand geplanten Versicherungsbetrug enthält. Die Wurzeln des Skandals liegen jedoch viel tiefer, als Maren zunächst glaubt; und ihr mächtiger Gegenspieler hat keine Skrupel, über Leichen zu gehen, um seine Machenschaften zu vertuschen. 

"Gefährliche Wahrheit" ist ein viel zu nichtssagender Titel für diesen fesselnden Polit-Thriller, der vor allem eine Verbeugung vor dem investigativen Journalismus ist. Lisa Maria Potthoff ist eine ausgezeichnete Wahl für die Rolle der unerschrockenen Hauptfigur. Beiläufige Beobachtungen wie ein Blick in den leeren Kühlschrank genügen, um zu dokumentieren, dass Maren ausschließlich für ihre Arbeit lebt. Selbst im Bett dominiert der Beruf: Ihr Freund (Max von Pufendorf) ist Staatsanwalt und beendet die Beziehung, weil Maren ihn offenbar in erster Linie als Lieferant von Hintergrundinformationen betrachtet. 

Die Suche nach der Wahrheit steht zwar im Vordergrund der Geschichte, aber den Autorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zertz war offenkundig viel daran gelegen, sich mit dem modernen Zeitungswesen auseinanderzusetzen. Dieser Teil der Handlung ist in der Umsetzung durch Jens Wischnewski mitunter jedoch arg verkürzt ausgefallen. Für die neue Ausrichtung steht die Kollegin Sarah Karimi, die für die Präsenz des "Tageskuriers" in den digitalen Medien zuständig ist und nach dem Brand unbeschwert über einen Anschlag spekuliert, weil die entsprechende Schlagzeile mehr Aufmerksamkeit garantiert. Almila Bagriacik verkörpert die junge Frau betont mädchenhaft, weshalb ihre spätere Beförderung in die Chefredaktion eher unglaubwürdig wirkt. Der Karrieresprung soll vermutlich verdeutlichen, dass der Zeitungsjournalismus jeden Anspruch fahren lassen wird, wenn er sich im Online-Zeitalter nur auf Klickzahlen fixiert. 
Ähnlich oberflächlich fallen einige der prominent besetzten Nebenfiguren aus.

Die Chefredakteurin (Ulrike Kriener) steht als Vertreterin der alten Schule, die eine brisante Enthüllung erst veröffentlichen will, wenn die Fakten hieb- und stichfest sind, auf absehbar verlorenem Posten; der vermeintlich loyale Chef vom Dienst (Christoph Letkowski) hängt sein Fähnchen nach dem Wind; der Verleger (Hanns Zischler) hat die Zeichen der Zeit viel zu spät erkannt und will die Zeitung ausgerechnet an den Schurken (Torben Liebrecht) der Geschichte verkaufen; ein altgedienter Reporter (Uwe Preuss) schmeißt die Brocken hin, weil ihm die Entwicklung des Blattes zuwider ist. 

Bei den redaktionellen Interna bedienen sich die Autorinnen ebenfalls ungerührt diverser Klischees: "Es darf schon ein bisschen knallen", rügt der CvD eine in seinen Augen allzu brave Überschrift, und die Chefredakteurin schickt Maren zum "Witwenschütteln"; der Begriff wird vermutlich nicht mal mehr in den Redaktionen der Boulevardpresse verwendet. Etwas aufgesetzt wirkt zudem die Medienkritik, wenn beispielsweise bedauert wird, dass sich die Leute nur noch für Sensationen und nicht mehr für Hintergründe interessierten. In diesen Zusammenhang gehört auch Marens Feststellung, die Medienhäuser verkauften heutzutage alles Mögliche, um sich guten Journalismus leisten zu können; dabei sollten sie eigentlich guten Journalismus verkaufen. Davon abgesehen erfreut der Film einige Male durch Sorgfalt im Detail: Im Redaktionsflur hängen die "Tagskurier"-Titelseiten zu weltbewegenden Ereignissen wie Willy Brandts Kniefall in Warschau, der Mauerfall oder der Anschlag aufs World Trade Center. 

Ähnlich eindrucksvoll wie das Ensemble, zu dem noch Anna Thalbach als Kommissarin gehört, ist der optische Aufwand; gerade der Auftakt mit dem Brand und dem Großaufgebot an Einsatzfahrzeugen sorgt für große Bilder. Für Wischnewski ist "Gefährliche Wahrheit" ohnehin die Fortsetzung einer Regiekarriere, in deren Verlauf er sich stetig verbessert hat. Auf zwei eher unauffällige Episoden für die ARD-Reihe "Der Lissabon-Krimi" (2019) folgte ein sehenswerter "Tatort" aus Stuttgart mit Katharina Marie Schubert als vermeintlicher "Engel des Todes" (2019); der Film beeindruckte vor allem durch seine kunstvolle Montage. Seine letzte Arbeit war ein Beitrag zur ZDF-Reihe "In Wahrheit" ("In einem anderen Leben"), gleichfalls ein richtig guter Krimi.

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