TV-Tipp: "Der Polizist und das Mädchen"

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19. April, 3sat, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Der Polizist und das Mädchen"
Es ist eine kleine Geschichte, von der dieser Film mit dem nüchternen Titel "Der Polizist und das Mädchen" handelt; und genau genommen erzählt er sie zunächst auch überhaupt nicht, weil Buch und Regie den Prolog einfach weggelassen haben.

Dorfpolizist Martin Manz (Albrecht Schuch) führt ein rundherum vorbildliches Leben als liebevoller Ehemann, der sich rührend um seinen alten Vater (Friedrich von Thun) kümmert und sich ehrenamtlich im Vorstand des Handballvereins engagiert. Aber Martin hat offenkundig eine große Schuld auf sich geladen, die ihm mehr und mehr zu schaffen macht. Einer Lüge folgt die nächste, doch es bleibt nicht bei Lügen; schließlich wird der brave Polizist sogar zum Mörder.

Während die meisten Filme dieser Art über kurz oder lang in Form einer Rückblende nachreichen würden, was passiert ist, lassen Frédéric Hambalek (sein erstes verfilmtes Drehbuch) und Rainer Kaufmann sie einfach weg und beschränken sich darauf, Martin schuldbewusst bei regelmäßigen Besuchen am Krankenhausbett eines Mädchens zeigen. Weil Kaufmann den Film als Drama inszeniert, wirkt es fast schon plakativ, als Miriam (Lilli Biedermann) anscheinend aus dem Koma erwacht und Martin im Geiste die typischen Geräusche eines Verkehrsunfalls hört: Nach einer feuchtfröhlichen Feier im Vereinsheim hat der Polizist, nicht mehr ganz nüchtern, einen Schleichweg durch den Wald genommen; und dann stand auf einmal dieses Mädchen im Weg. Als Chef des örtlichen Reviers ist er automatisch Leiter der Ermittlungen und kann etwaige Spuren verwischen; auch wenn das unter anderem zur Folge hat, dass ein junger Kollege am eigenen Verstand zweifelt, weil ein wichtiges Beweisstück wie durch Zauberhand verschwunden ist. Als Martin tatsächlich davonzukommen scheint, wenden sich die Dinge unversehens zum Schlechten: Nachbar Nachtheim (Günther Maria Halmer), ein trinkfreudiger pensioniert Arzt, der Manz Senior behandelt, hat die Wahrheit entdeckt und will den Polizisten zwingen, sich zu stellen, gibt ihm aber Zeit, bis Martins hochschwangere Frau (Aylin Tezel) das Baby zur Welt gebracht hat. Martin entschließt sich zu einer Verzweiflungstat; es wird nicht die letzte bleiben. 

Kaufmann hat seinen fürs ZDF entstandenen Film (TV-Premiere war 2018) nicht nur zurückhaltend und fast wie eine Fallstudie inszeniert, sondern auch statt der üblichen blauschwarzen Krimitönung des ZDF warme, erdige Farben gewählt (Kamera: Armin Golisano). Deshalb sorgt anfangs allein die vorzügliche Musik von Richard Ruzicka dafür, dass die vermeintliche Idylle von vornherein trügerisch wirkt. Später, als Martin immer tiefer in seinem Sumpf aus Lügen versinkt und endgültig zum Verbrecher wird, erinnert die Musik vage an die Psycho-Thriller von Alfred Hitchcock. Dass "Der Polizist und das Mädchen" trotzdem vom ersten bis zum letzten Moment ein geradezu verblüffend fesselnder Film ist, der zum dramatischen Ende sogar ausgesprochen spannend wird, liegt nicht zuletzt am Hauptdarsteller: Albrecht Schuch hat sich längst in die Riege der wichtigsten deutschen Schauspieler. Nach diesem Krimi hat er unter anderem in den Kinofilmen "Atlas" und "Systemsprenger" mitgewirkt; seine besten Leistungen hatte er bis dahin in Zusammenarbeit mit Christian Schwochow gezeigt, erst als Uwe Mundlos im Auftakt zur "NSU"-Trilogie "Mitten in Deutschland" ("Die Täter – Heute ist nicht alle Tage", 2016), dann in der Serie "Bad Banks" (2018) als Mitglied eines ehrgeizigen Trios, das die Welt an den Rand einer neuen Finanzkrise führt. Das Spektrum zeigt, zu welch’ enormer Bandbreite der Schauspieler fähig ist. 

In Kaufmanns Film imponiert Schuch vor allem durch seine Fähigkeit, die enorme Intensität der widersprüchlichen Emotionen, die in Martin brodeln, subtil zu vermitteln, denn der Polizist muss natürlich die Fassung bewahren; erst recht gegenüber Frank (Johannes Allmayer), dem Vater des Mädchens, der zu allem Überfluss auch noch ein guter Freund ist und den Täter auf eigene Faust suchen will. Immer wieder erweist sich Martin als der gute Mensch, der er sein möchte, damit der von Zorn und Trauer übermannte Frank seinen Job nicht verliert. Kaufmann, vielfach und vor allem für "Marias letzte Reise", "In aller Stille" und "Operation Zucker" unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, gelingt es scheinbar mühelos, Empathie und Sympathie für diesen Mann zu wecken, der doch bloß einmal vom rechten Weg abgekommen ist. Um sein Glück aufrecht zu erhalten, plant Martin sogar den perfekten Mord; aber kein Plan der Welt ist raffiniert genug, um den Zufall nicht doch ein Schlupfloch finden zu lassen. Die Schlusseinstellung, als sich zeigt, dass noch nicht alle Mitwisser beseitigt sind, hat echtes Gänsehautpotenzial.