"Distanz zum Geschehen ist wichtig"

Pfarrer Dirk Wollenweber im Feuerwehr-Auto
© epd-bild/ELKB
Pfarrer Dirk Wollenweber ist neuer Beauftragter der bayerischen evangelischen Landeskirche für Notfallseelsorge und Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst.
Notfallseelsorger Wollenweber
"Distanz zum Geschehen ist wichtig"
Pfarrer Dirk Wollenweber aus Peiting (Landkreis Weilheim-Schongau) ist neuer Beauftragter der bayerischen evangelischen Landeskirche für Notfallseelsorge und Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst. In sein neues Amt eingeführt wird er wegen der Corona-Pandemie aber erst am 18. September. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt der 52-Jährige, warum er aktiv bei der Feuerwehr mitwirkt, zu welchen Einsätzen er am häufigsten gerufen wird und ob er schon mal selbst einen Seelsorger nach belastenden Einsätzen gebraucht hat.

epd: Sie sind seit 2013 evangelischer Beauftragter für Notfallseelsorge in Südbayern, jetzt kommt ganz Bayern dazu. Außerdem sind Sie nicht nur als Feuerwehrseelsorger in ihrem Landkreis tätig, sondern auch selber aktiver Feuerwehrmann. Sie sind also bei Einsätzen für Leib und Seele dabei...

Dirk Wollenweber: Wenn ich schon Feuerwehrleute seelsorglich begleite, dann muss ich auch wissen, wie sie arbeiten. Es ist erfüllende Arbeit. Denn bei den meisten Einsätzen können wir Menschen helfen und manchmal bekommen wir sogar ein "Dankeschön". Da gehen die Feuerwehrleute mit einem guten Gefühl wieder nach Hause.
Manchmal kann es aber passieren, dass es für Feuerwehrleute belastende Einsätze gibt. Zum Beispiel, wenn Menschen im Auto verbrennen oder bei getöteten Kindern. Solche Situationen kommen aber zum Glück nur sehr selten vor. Aber wenn, dann sind wir von der Feuerwehrseelsorge gefragt und begleiten unsere Kameraden.

Wenn Sie als Notfallseelsorger unterwegs sind und Menschen begleiten, um was geht es bei den meisten Ihrer Einsätze?

Wollenweber: Die allermeisten Einsätze, zu denen ich als Notfallseelsorger gerufen werde, finden im häuslichen Bereich statt. Meistens geht es darum, Menschen zu betreuen, deren Partner gestorben sind. Nicht selten wachen Menschen neben ihren toten Partnern auf. Wenn dann der alarmierte Rettungsdienst merkt, dass die Angehörigen nicht allein klarkommen, wird die Notfallseelsorge gerufen. Wir sind dann da, haben Zeit, hören zu oder schweigen. Jeder Mensch ist da anders. Ebenso helfen wir den Menschen, nach Perspektiven für die nächsten Stunden und Tage zu suchen. Es geht letztendlich darum, dass wir diesen Menschen dabei begleiten, die ersten Schritte in einem sich plötzlich völlig veränderten Leben zu gehen.

"Wir sind da, haben Zeit, hören zu oder schweigen."

Haben Sie auch schon mal einen Seelsorger nach einem Einsatz gebraucht?

Wollenweber: Für mich ist es ganz wichtig, professionelle Distanz zum Geschehen zu halten - bei meinen Einsätzen als Feuerwehrmann und bei meinen Einsätzen als Notfallseelsorger. Manchmal tut es mir gut nach schweren Einsätzen, das Ganze an Gott abzugeben: Gott, ich habe meinen Teil getan, jetzt bist du an der Reihe. Einmal habe ich nach einem langen Nachteinsatz die Distanz nicht geschafft. Da habe ich am nächsten Morgen mit einem Seelsorger gesprochen. Das war für mich total entlastend. 

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<div class="field-zusatzinfo field-info-zusatzinfo-verwendung-1"><p>Ende der 1990er-Jahre begann in Deutschland die Arbeit der so genannten Notfallseelsorgeteams – Initialzündung war das Zugunglück von Eschede 1998.</p>

<p>Dahinter steht die wissenschaftliche Erkenntnis aus den USA, dass Menschen bei Unglücksfällen nicht nur körperlich von den Rettungskräften versorgt werden müssen, sondern auch seelisch. Das gilt auch für die Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. Für sie hat sich die so genannte Krisenintervention etabliert. Die Landeskirchen stellen die meisten Teilnehmer in der Psychosozialen Notfallversorgung. Im Landkreis Nienburg beteiligt sich überdies das Rote Kreuz.</p>

<p>Im Kirchenkreis Syke-Hoya erfolgt die Alarmierung der Teams sozusagen auf zwei Wegen, weil sich dieser über die beiden Landkreise und damit zwei zuständige Leitstellen erstreckt. Für den Landkreis Diepholz gibt es eine Handynummer, über die die Diensthabenden per Rufumleitung erreichbar sind.</p>

<p>Im LK Nienburg funktioniert die Alarmierung völlig anders:</p>

<p>Aller ehren- und hauptamtlichen Teile der PSNV-Teams werden über eine APP alarmiert und können zurückmelden, ob sie momentan in der Lage sind diesen Einsatz zu übernehmen. Die diensthabende zuständige Stelle koordiniert dann den Einsatz und wählt je nach Entfernung und Einsatzbedarf aus, wer zum Einsatzort aufbricht.</p>

<p>Wer sich für eine ehrenamtliche Mitarbeit in der Notfallseelsorge interessiert, kann sich an das Zentrum für Seelsorge und Beratung (ZfSB) wenden. Die Internet-Adresse lautet www.zentrum-seelsorge.de.</p>

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