Eine Frage von Glauben und Grenzen

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie

© epd-bild/Stephan Wallocha

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie beschäftigt die Frage, wie seine Mitarbeiter:innen in Diakonie-Einrichtungen Menschen begleiten können, die dauerhaft einen Sterbewunsch äußern.

Selbstbestimmtes Sterben
Eine Frage von Glauben und Grenzen
Vor fast zwei Jahren hat das Bundesverfassungsgericht ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben festgehalten, das auch die freiwillige Hilfe durch Dritte einschließt. Seitdem ringen Politik und gesellschaftliche Akteure um einen angemessenen Umgang mit assistiertem Suizid. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht Diakonie-Präsident Ulrich Lilie über Entwicklungen der Diskussion in der evangelischen Kirche, warum offen über Todeswünsche gesprochen werden muss und wie Menschen mit Sterbewünschen in diakonischen Einrichtungen begleitet werden können.

epd: Sie plädieren dafür, in Ausnahmefällen auch in Diakonie-Einrichtungen assistierten Suizid zuzulassen. Wann sollte das Ihrer Meinung nach der Fall sein?

Ulrich Lilie: Diakonie ist ein Beziehungsangebot. Darum treibt mich die Frage um, wie wir Menschen in unseren Einrichtungen weiterhin begleiten, die trotz guter palliativer Versorgung, größtmöglicher Zuwendung und nach eingehender Beratung dauerhaft einen Sterbewunsch äußern - mit der Haltung "Wir lassen auch Dich nicht alleine". Und das erfordert unser Nachdenken darüber, wie wir bei diesen Menschen bleiben, sie seelsorglich und pflegerisch begleiten. Selbstverständlich beteiligen wir uns als Diakonie nicht an der Handlung eines assistierten Suizids. Das wollen wir auch nicht anbieten, das wäre absurd. Eine reflektierte begleitende Haltung in Ausnahmefällen passt hingegen gut zu einer Diakonie, die ihren Ort bei den Menschen hat.

"Selbstverständlich beteiligen wir uns als Diakonie nicht an der Handlung eines assistierten Suizids."

Nach zwei Gastbeiträgen zum Thema assistierter Suizid in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im vergangenen Jahr, an denen auch Sie beteiligt waren, haben Sie von laufenden Gesprächen mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gesprochen. Was hat sich seitdem getan?

Lilie: Seitdem hat sich die Diskussion sehr versachlicht. Inzwischen haben viele verstanden, dass es sich bei den Gastbeiträgen um den ernsthaften Versuch gehandelt hat, eine sehr differenzierte Antwort auf eine komplexe Materie zu finden. Wir sind uns alle einig, dass niemand ein regelhaftes Angebot von Suizidassistenz in diakonischen Einrichtungen will. Das wäre eine Karikatur. Es geht aber um eine Haltung und vorstellbare Formen der Begleitung, wenn Menschen trotz bestmöglicher Versorgung und bei eingehender Beratung in einer diakonischen Einrichtung - die natürlich der Sorgekultur und der Prävention verpflichtet ist - einen dauerhaften Sterbewunsch haben. Derzeit erarbeitet die Diakonie nach einem breit angelegten Konsultationsprozess eine Orientierungshilfe zum assistierten Suizid. Wir sind dazu auch im engen Gespräch mit dem Rat der EKD und werden diese Orientierungshilfe dort vorstellen und darüber diskutieren.

Vor dieser Orientierungshilfe will die Diakonie aber noch einen anderen Vorschlag einbringen?

Lilie: Die Orientierungshilfe ist aktuell noch in der Endredaktion und soll bald veröffentlicht werden. Zuerst werden wir jedoch einen öffentlichen Vorschlag für eine gesetzlich und finanziell abgesicherte Suizidprävention in Deutschland machen. Das muss nach unserer Überzeugung der Rahmen sein für alle anderen Überlegungen. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kultur vorrangig eine Sorge- und eine Präventionskultur bleibt. Um dann in gesonderten, begrenzten Fällen Ausnahmen ermöglichen zu können. Das halte ich für eine gut zu verantwortende Linie mit Augenmaß.

"Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kultur vorrangig eine Sorge- und eine Präventionskultur bleibt."

Kann es aus christlicher Sicht überhaupt eine Antwort auf das Begehren von Menschen mit einem Todeswunsch geben?

Lilie: Eine tragende Antwort erfordert eine stets neu zu verantwortende Balance: Wir fühlen uns als Christen einerseits einem Verständnis des Lebens als einer von Gott anvertrauten Gabe verpflichtet, die wir vor uns selbst, vor Gott und anderen zu verantworten und zu gestalten haben. Auf der anderen Seite gibt es das Tötungsverbot. Eine sehr hohe Hürde, die die christlich-jüdische Überlieferung uns vorgibt. Aber es gibt eben auch die im reformatorischen Glauben angelegte hohe Achtung vor der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung eines jeden Christen. Diese drei Größen gilt es, immer wieder in einer der Situation und dem betroffenen Menschen gerecht werdenden Weise ins Gleichgewicht zu bringen. Wir sollten das eine nicht gegen das andere ausspielen. In einer Gesellschaft, die nicht mehr nur mehrheitlich christlich-jüdisch geprägt ist, sollten wir uns mit diesem Dreiklang in die öffentliche Debatte einmischen. Wir tun dabei gut daran, keinen bevormundenden Ton in die Debatte einzubringen.

Wie ließe sich denn Ihrer Ansicht nach verhindern, dass lebensmüde Menschen ins Ausland gehen oder schmerzhafte Methoden nutzen, um selbst bestimmt sterben zu können? Solange in Deutschland noch debattiert wird...

Lilie: Das ist ein wirklich wichtiger Teil der Debatte. Es gibt gut situierte Leute, die das einfach umsetzen können. Und es gibt Leute, die sich aus Not grauenvoll suizidieren. Das hat auch Folgen für andere, beispielsweise Lokführer. Ich hoffe, dass über Todeswünsche zukünftig offener gesprochen wird und dieses Thema kein Tabu bleibt. Auch das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer Präventionskultur. Ich habe in meiner Seelsorge-Ausbildung in der Psychiatrie gelernt, dass man Menschen, die sich wirklich umbringen möchten, nicht einfach davon abhalten kann. Aber man kann versuchen, eine Brücke zu ihnen zu bauen, indem dieser Wunsch erstmal akzeptiert wird als Ausdruck von Not, als eine letzte Option. Versucht man das, kann man in Gesprächen die Perspektiven dieser Menschen und ihren verzweifelten Tunnelblick weiten helfen. Allerdings wird es leider immer Menschen in akuten Krisen geben, die Möglichkeiten finden, ihren Todeswunsch umzusetzen. Da sollten wir keine Allmachtsfantasien haben.

"Ich hoffe, dass über Todeswünsche zukünftig offener gesprochen wird."

Sie wollen nicht nur Forderungen an die Politik stellen, sondern auch an die Kirche. Welche sind das?

Lilie: Wir dürfen nicht nur von der Politik fordern, sondern müssen uns auch selbst verpflichten, in die Personalausstattung, den Kompetenzgewinn und in die Qualifizierung von Mitarbeitenden-Teams in der Sterbebegleitung zu investieren. Denn sie sind es, die die Menschen am Ende ihres Lebens betreuen. Ich sehe es als Aufgabe, das Thema Wunsch nach dem Tod zu enttabuisieren und die Menschen, die in unseren Einrichtungen arbeiten, so zu qualifizieren, um damit angemessen umzugehen. Auch wir können noch mehr für die Suizidprävention tun, die gesetzlich geregelt und finanziell abgesichert werden muss. Dazu können Kirche und Diakonie in allen unseren Handlungsfeldern etwas beitragen, indem wir gerade in Bereichen, in denen wir zum Beispiel mit jungen Menschen zu tun haben, eine Präventionskultur und eine besondere Sensibilität für Sterbenswünsche von Jugendlichen und Kindern entwickeln. Und dann auch wissen, wie Betroffene schnell an die richtige fachliche Hilfe kommen. Hinter den allermeisten Suizidwünschen stehen psychosoziale Krisen, existenzielle Notlagen sowie psychische Erkrankungen. Wir können und müssen als Gesellschaft erheblich mehr tun, um diese Menschen auf den Weg zurück ins Leben zu holen. Die Diakonie Deutschland setzt sich deshalb für eine deutliche Stärkung der Suizidprävention und der palliativen Versorgung ein.
Gerade in einer Gesellschaft, die immer älter wird, halte ich das für das Gebot der Stunde. Da müssen wir besser werden, das beinhaltet auch eine Verpflichtung in den Einrichtungen der Diakonie und in den Handlungsfeldern der Kirche.

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