TV-Tipp: "Tatort: HAL"

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11. Januar, WDR, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: HAL"
Voller versteckter Anspielungen, von Kafka bis 2001, steckt dieser Stuttgarter Tatort. Bei dem Fall geht es um neue Dimensionen der virtuellen Überwachung, er beginnt vergleichsweise "normal", mit einer toten Prostituierten.

Neben der Verlässlichkeit macht nicht zuletzt der Mut zu Überraschungen das Erfolgsgeheimnis des "Tatort" aus. Es gab auch früher schon Beiträge mit Science-Fiction-Elementen ("Tod im All" von Thomas Bohn, 1997), und wie man einen fesselnden Film als anspielungsreichen Zitatenschatz inszeniert, hat Florian Schwarz 2013 mit seinem Shakespeare-Western "Im Schmerz geboren" gezeigt.

Niki Stein geht mit seinem schlicht "HAL" genannten "Tatort" aus Stuttgart (TV-Premiere war 2016) aber noch einen Schritt weiter. Im Grunde müsste man den Krimi nach dem Ende gleich noch mal von vorn anschauen, weil sich die ganze Komplexität dieser geschickt verschachtelten Geschichte erst erschließt, wenn man weite Teile der Ereignisse erneut und nun mit anderen Augen sieht.
Stein gelingt das Kunststück, seine vielen Verweise so zu verpacken, dass sie einerseits zwar einen gewissen Mehrwert darstellen, andererseits den Ablauf der Handlung aber auch nicht beeinträchtigen, wenn man sie nur am Rande wahrnimmt.

Das gilt beispielsweise für Kapitelüberschriften wie "Die Verschollene", "Der Prozess" oder "Die Verwandlung": Für das Filmverständnis ist es nicht wichtig zu wissen, dass Stein damit auf Werke von Franz Kafka anspielt, aber natürlich verstärkt dieses Wissen die kafkaeske Attitüde dieses Films, dessen Protagonist ein Opfer der Geister wird, die er gerufen hat.

Auch der Titel "HAL" ist so eine Anspielung. HAL 9000 heißt der Supercomputer in "2001: Odyssee im Weltraum" (1968), einem Meilenstein des Science-Fiction-Kinos von Stanley Kubrick, der das Drehbuch gemeinsam mit Arthur C. Clarke geschrieben hat: Der Computer entwickelt im Verlauf einer Raumfahrtmission zum Jupiter ein eigenes Bewusstsein und wird zu einer Bedrohung, bis es dem letzten überlebenden Astronauten schließlich gelingt, ihn abzuschalten.

Die Geschichte ist dagegen durch und durch irdischer Natur und greift die Angst der Menschen vor allumfassender Überwachung auf. Der Software-Entwickler David Bogmann (Ken Duken) hat ein Programm entworfen, das die Kriminalitätsbekämpfung auf eine neue Stufe heben soll: Blue Sky ist in der Lage, nicht nur die Mimik und die Körpersprache der Menschen zu analysieren, sondern auch Verhaltensmuster zu analysieren. Auf diese Weise sollen vor allem potenzielle Terroristen an ihren Verbrechen gehindert werden. Science-Fiction-Autor Philip K. Dick hat die Idee schon vor sechzig Jahren in seiner 2002 von Steven Spielberg verfilmten Kurzgeschichte "Minority Report" skizziert.

Stein bettet diese futuristischen Elemente in eine Handlung, die zunächst den Anschein eines ganz normalen Krimis erweckt: Ein Mädchen entdeckt im Neckar die Leiche einer ermordeten Prostituierten, kurz drauf nimmt die Polizei den Programmierer fest; offenbar hat er die Tat aufgezeichnet und den Film ins Netz gestellt. Bogmann beteuert jedoch seine Unschuld und tischt den Kommissaren Lannert und Bootz (Richy Müller, Felix Klare) eine abenteuerliche Geschichte auf: Er hatte zwar Verkehr mit der Frau und sogar eine Beziehung zu ihr, aber nichts mit dem Mord zu tun; offenbar wolle Blue Sky ihn als Täter abstempeln, um ihn aus dem Weg zu räumen.

Zusätzlichen Reiz erhält der Film durch die Erzählweise; die diversen Zeitsprünge erfordern eine hohe Konzentration. Neben der Montage, die für einige schöne Übergänge à la "2001" sorgt, ist vor allem die Bildgestaltung (Stefan Sommer) bemerkenswert, zumal viele Szenen ohne Schnitt gedreht worden sind; gleich die erste Vernehmung von Bogmann ist eine lange Sequenz, bei der die Kamera die Beteiligten umkreist und schließlich gemeinsam mit ihnen den Raum verlässt. Zum Finale im Rechenzentrum, wo der mit einer Schrotflinte bewaffnete Programmierer dem Blue-Sky-Spuk ein gewaltsames Ende setzen will, ist Duken aus Sicht des Gewehrlaufs zu sehen. Als die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos den Raum stürmen, zeigen Sommer und Stein dies im Stil eines "Egoshooter"-Computerspiels.

Es gibt eine Vielzahl weiterer Elemente dieser Art. Wenn das kleine Mädchen zu Beginn einen Ast in Richtung der Leiche wirft, erinnert dessen wirbelnder Zeitlupenflug an die berühmte Einstellung aus "2001", als Kubrick mit einem kühnen Zeitsprung von der Frühgeschichte der Menschheit ins Weltraumzeitalter wechselte; Stein schneidet vom Knüppel auf ein Tontaubenschießen. Am Ende schließt sich der Kreis, wenn die Identität des Mörders feststeht und das Bild von einem in die Luft geschleuderten Mobiltelefon zum Ast zurückkehrt.

Andere Details fallen eher in die Rubrik "Augenzwinkern": Blue Sky pfeift gern "Hänschen klein"; das Lied singt HAL, als ihm der Astronaut schließlich den Saft abdreht. Auch der Name der tragischen Krimifigur, David Bogmann, erinnert an Kubricks Helden David Bowman. Augenfälliger als diese kleinen Gags für Eingeweihte sind Ausstattung (Joachim Schäfer), Kostüm (Susanne Fiedler) und Bildgestaltung: Die Weißwandreifen an Bogmanns Fahrrad leuchten fast überirdisch hell, und in den ansonsten asketisch anmutenden Büros der IT-Firma sorgen die Einrichtung sowie die praktische, aber dennoch prägnante Kleidung von Bogmanns Chefin (Karoline Eichhorn) für markante Farbtupfer.

Ansonsten gibt es, dem Sujet entsprechend, viele Bilder aus Überwachungskamera-Perspektive, zumal das misstrauische Programm erkennt, dass Bogmann etwas ausheckt, und seinen Schöpfer nun mit Argusaugen auf Schritt und Tritt verfolgt. Ungleich interessanter ist jedoch die grafische Umsetzung etwa des Vorgangs der Gesichtserkennung (visuelle Effekte: Martin Winkler). Geschickt hat Stein auch die Herausforderung gelöst, diverse Fachbegriffe (Darknet, Snuff Videos, Big Data), die nicht jedem Zuschauer geläufig sein werden, zu erläutern.

Anderswo stören solche Momente oft den Erzählfluss, weil eine der Figuren ein Kurzreferat halten muss, um die Kollegen und somit das Publikum einzuweihen. Bei Stein passiert das ganz beiläufig, wobei ihm natürlich zugute kommt, dass die beiden Kommissare unterschiedlichen Generationen angehören. Lannert ist als konsequenter Gegenentwurf zu jenen Menschen, die ihr Dasein gedankenlos von Algorithmen bestimmen lassen, ohnehin sympathisch "old school"; er hat nicht mal ein Navigationssystem in seinem alten Porsche.