TV-Tipp: "Sechs auf einen Streich: Der Geist im Glas"

Alter Röhrenfernseher steht vor einer farbigen Wand

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

25. Dezember, ARD, 14.20 Uhr
TV-Tipp: "Sechs auf einen Streich: Der Geist im Glas"
Weil die Pandemie die Produktionspläne durcheinandergebracht hat, zeigt die ARD im Rahmen ihrer Feiertagsmärchen in diesem Jahr nur eine TV-Premiere.

"Die ist dafür aber auch besonders spektakulär", würde dieser Satz im besten Fall weitergehen, aber dem ist leider nicht so: Gemessen an den besten Beiträgen zu "Sechs auf einen Streich" ist der "Der Geist im Glas" allenfalls guter Durchschnitt. Dass der Film zudem eher sparsam wirkt, könnte mit dem Auftraggeber zusammenhängen: Minisender Radio Bremen ist alles andere als auf Rosen gebettet. Der RB musste die Produktion zwar nicht allein stemmen, aber die Spezialeffekte beschränken sich größtenteils auf Rauchwolken. Das muss kein Nachteil sein und kann auf sympathische Weise altmodisch wirken, aber auch die Inszenierung (Markus Dietrich) kommt insgesamt recht betulich daher. 

Die sehr frei nach einer Vorlage der Brüder Grimm erzählte Geschichte (Buch: Anette Schönberger) bettet die Heldenreise, die das dramaturgische Gerüst vieler Märchenfilme bildet, in die Auseinandersetzung eines Dorfes mit einem Gutsbesitzer und dessen willigem Diener: Vor zwanzig Jahren haben der Arzt Malick (Ercan Durmaz) und seine Schwester, die Kräuterfrau Eda (Neshe Demir), den Geist Mercurius (Holger Daemgen) in eine Glasflasche gesperrt. Dessen schurkischer Chef Veith (Matthias Redlhammer) ist seither hinter zwei magischen Toren gefangen, die ihn eigentlich schützen sollten. Durch ein Missgeschick von Malicks Famula Sophie (Sofie Eifertinger)  zerbricht das Glas, Mercurius kann entkommen und Veiths Tyrannei knüpft dort an, wo sie damals aufgehört hat. Es gibt nur einen Weg, dem Unwesen, das der Geist im Auftrag seines Herrn treibt, ein Ende zu bereiten: Er muss in eine neue Flasche. Sophie, die dem Dorf den Schlamassel eingebrockt hat, nimmt die gefährliche Aufgabe auf sich, Mercurius zu Veiths Versteck zu verfolgen. Begleitet wird sie vom angehenden Kräutermeister Jakob (Pablo Grant), der schon lange beide Augen auf sie geworfen hat. 

Gerade die jungen Mitwirkenden machen ihre Sache gut. Beide haben schon anderswo gezeigt, dass mit ihnen zu rechnen ist: Sofie Eifertinger, bekannt vor allem als Polizistinnentochter in der ARD-Vorabendserie "WaPo Bodensee", hat ihr Talent vor allem in dem ZDF-Liebesdrama "Zweimal zweites Leben", in einem RBB-"Polizeiruf" ("Demokratie stirbt in Finsternis") sowie im Abschluss der ZDF-Reihe "Kommissarin Heller" ("Panik") bewiesen. Pablo Grant gehört zum Ermittlerteam des "Polizeiruf" aus Magdeburg und war Teil des überwiegend dunkelhäutigen Ensembles in "Herren".

Ausgerechnet bei den Bösewichten ist jedoch gespart worden. Diese Rollen sind meist reizvoll und werden gern prominent besetzt, doch davon kann in diesem Fall keine Rede sein. Holger Daemgen ist als Flaschengeist zwar interessant zurechtgemacht, verkörpert den Diener jedoch insgesamt recht hotzenplotzig; sein irres Gekicher aus dem Off klingt wie ein defekter Anlasser. Wirklich bedrohlich wird der Kleingeist erst am Schluss, als Jakob ihn provoziert. Matthias Redlhammer wiederum müht sich rechtschaffen, dem bösen Veith eine diabolische Attitüde zu geben, aber Furcht und Schrecken verbreitet auch er nicht. Sehenswert sind dagegen Neshe Demir als Kräuterhexe, die über allerlei Zauberkünste verfügt, und Ercan Durmaz als Doktorvater. Regelrecht peinlich sind allerdings die Auftritte von Bürger Lars Dietrich und Oliver Petszokat als Pausenclowns.

Abgesehen von der einen oder anderen rasanten Kamerafahrt ist auch die Umsetzung eher brav. Das Licht entspricht dem sonnendurchfluteten ARD-Märchenstandard, der Drehort sieht aus wie ein Freiluftmuseum (tatsächlich ist in einem Museumsdorf gedreht worden), und wenn's qualmt und pufft, werden allenfalls kleine Kinder beeindruckt sein. Zwischendurch wirkt der Film auch wie auf Zuruf inszeniert: Als sich Sophia und Jakob wieder mal streiten, wird sich zumindest der elterliche Teil des Publikums denken: "Jetzt küsst euch endlich!"; und das tun sie dann auch. Weil die junge Frau das letzte Wort haben muss und nicht an Magie glaubt, ist sie jedoch überzeugt, der Kuss sei "noch so ein fauler Zauber" des jungen Mannes. Immerhin kann man die Geschichte als Versöhnung von Schulmedizin und Naturheilkunde betrachten, und dass Sophie als Tochter eines armen Holzfällers Ärztin wird, ist ebenso bemerkenswert wie die Tatsache, dass ihr Verehrer eine dunkle Hautfarbe hat.