Pflege-Expertin: Beim Personal ist Deutschland Schlusslicht in Europa

Pflege-Expertin: Beim Personal ist Deutschland Schlusslicht in Europa

Die Pflege in Deutschland fällt nach Überzeugung der Sozialexpertin Sandra Postel hinter viele andere europäische Länder zurück. "Es fließt zu wenig Geld in die Pflege. Bei der personellen Ausstattung mit Pflegefachpersonen sind wir in Europa Schlusslicht", sagte die Leiterin der Sparte Bildung der katholischen Marienhaus Unternehmensgruppe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Personalnotstand führe "systematisch zu einer physischen und psychischen Überforderung der Pflegekräfte", kritisierte Postel, die als Vorsitzende des sogenannten Errichtungsausschusses die Pflegekammer NRW aufbaut.

Die Schweiz etwa befinde sich auf einem ganz anderen Versorgungsniveau als Deutschland. Der Alpenstaat zählt 8,7 Millionen Einwohner und beschäftige 220.000 Pflegekräfte. In Deutschland leben dagegen mit 83 Millionen fast zehn Mal so viele Menschen, aber es sind mit 1,3 Millionen nur sechs Mal mehr Pflegekräfte in Arbeit.

Die Altenpflegekräfte schafften es unter dem Zeitdruck nur noch, die absolute Grundversorgung abzusichern. "Wir haben eine Satt-und-Sauber-Pflege", beklagte Postel. "Was Pflege aber leisten müsste, ist, den Menschen bei der Lebensbewältigung zu helfen, sie und ihre Familien zum Beispiel so zu unterstützen, dass Pflegeempfänger so lange wie möglich zu Hause leben können."

In Seniorenheimen könnten Pflegekräfte zu wenig auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner eingehen. So werde ihnen kaum einmal gestattet, morgens einfach im Bett liegen zu bleiben und nicht am gemeinsamen Frühstück teilzunehmen. Die Rahmenbedingungen ließen dies nicht zu. "Der Wechsel von zu Hause ins Altenheim sollte doch aber kein Leben zweiter Klasse bedeuten", legte Postel den Finger in die Wunde.

Auch hätten Pflegekräfte nicht die Möglichkeit, ihr Handeln regelmäßig und ausreichend zu reflektieren. "Die Tatsache, dass sie Macht über Menschen haben, macht dies aber notwendig. Reflexionsräume dienen dazu, eine gute pflegerische Versorgung zu sichern", erklärte die gelernte Krankenschwester, studierte Pflege-Pädagogin und -Wissenschaftlerin.

Postel fordert für Deutschland ein Gesundheitssystem, in dem Pflegerinnen und Pfleger verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, die heute den Ärzten vorbehalten sind. So sollte etwa die Versorgung komplexer Wunden nicht länger allein in den Händen der Mediziner liegen. Auch bei der Versorgung mit Medikamenten fordert die 47-Jährige Reformen. "Eine Pflegerin, die feststellt, dass die von ihr betreute Person Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme braucht, sollte diese pflegerische Leistung verordnen, ausführen und abrechnen dürfen. Eine Schleife über den Hausarzt macht keinen Sinn", kritisierte Postel die geltenden Vorschriften.