Alpenvereins-Sektion für spirituelle Bergsteiger

Daniel Jäger auf der Schaertenspitze

© epd-bild/Daniel Goell

Der Glaube prägt Daniel Jägers (r.) Alltag: Der Gründer der neuen Alpenvereinssektion "Gipfelkreuz" bietet ein Tourenprogramm von der einfachen Bergwanderung über mehrtägige Klettersteige und Mountainbike-Expeditionen bis zur Raftingtour.

Natur und Glaube
Alpenvereins-Sektion für spirituelle Bergsteiger
356 Sektionen hat der Deutsche Alpenverein - die jüngste heißt "Gipfelkreuz" und sitzt in der Ramsau bei Berchtesgaden. Sie soll eine Gemeinschaft für bergbegeisterte Sinnsucher bieten. Das Ziel: Gott auch auf Bergtouren erfahrbar machen

Der Glaube prägt Daniel Jägers Alltag: Der Gründer der neuen Alpenvereinssektion "Gipfelkreuz"war Betriebswirt beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung und arbeitet nun als Erlebnispädagoge beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). Er absolviert zudem ein Fernstudium der Theologie an der Uni Greifswald mit dem Ziel, Pfarrer zu werden. Außerdem ist er Alpinist und in seiner Freizeit am liebsten in den Bergen unterwegs.

Genau an dieser Schnittstelle spürt Jägers manchmal ein leichtes Knirschen im Getriebe seiner Lebenswirklichkeit: Ein Loblied am Gipfel, ein lautes Dankgebet nach der Tour - das wäre in den üblichen Gruppen des Deutschen Alpenvereins (DAV) eher ungewöhnlich. "In Berlin, wo ich zuvor gewohnt habe, war in der Sektion sehr viel Zurückhaltung bei spirituellen Themen zu spüren", berichtet er.

Das sei in Oberbayern zwar schon anders. Dennoch setzte sich die Idee einer christlichen DAV-Gruppe bei ihm fest. "Es gibt ja auch andere Sektionen für spezielle Zielgruppen wie den Gay Outdoor Club - warum nicht eine Sektion, die sich über den Glauben definiert?", so seine Überlegung.

Offen für alle

Dem Plan stand grundsätzlich nichts im Wege. Denn neben Sektionen, die einen Ort oder eine Fläche abbilden, existieren auch solche, die sich ein bestimmtes Gepräge geben, sagt eine Alpenvereinssprecherin auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes. So versammeln sich in der Sektion "Bayerland" leistungsorientierte Bergsteiger und Bergsteigerinnen, während der "Alpenklub Berggeist" Wert auf die geistige Auseinandersetzung legt und viele Kunstschaffende zu seinen Mitglieder zählt. "Als Sektionsgründungen jüngerer Zeit sind die Sektionen Alpen.net, Gay Outdoor Club und Gipfelkreuz zu nennen", so die Sprecherin. Entscheidend sei, dass jede Sektion "offen ist für alle, die sich mit den Werten und Zielen des DAVs identifizieren".

Daniel Jäger unterwegs im Göllmassiv am Ostrand der Berchtesgadener Alpen. (Archivbild)

Offenheit ist Daniel Jägers und seinen Mitstreitern im Vorstand, Jonas Steglich und Cornelius Enz, wichtig. "DAV Gipfelkreuz" sei eine deutschlandweit tätige, überkonfessionelle Sektion, in der auch Muslime, Buddhisten oder Suchende willkommen seien, die eine Offenheit für das Erleben des christlichen Glaubens am Berg mitbrächten. "Wir wollen nicht der fromme DAV werden und gläubige Mitglieder aus anderen Sektionen abziehen", betont Jägers. Deshalb biete die Sektion mit Sitz am Hintersee in der Ramsau (bei Berchtesgaden) günstige C-Mitgliedschaften, die man zusätzlich zu einer anderen Sektionsmitgliedschaft pflegen kann.

Erste Hüttenpatenschaft

Die Resonanz ist gut: Seit der DAV-Verbandsrat die nötige Dreiviertelmehrheit zur Sektionsgründung erteilt hatte und "Gipfelkreuz"am 1. Januar 2020 offiziell an den Start gegangen war, konnte der Vorstand bereits rund 375 Mitglieder "von der Nordsee bis zu den Alpen"begrüßen. Auch die Nachbarsektionen am Fuße des Watzmann standen dem jüngsten "Familienmitglied"offen gegenüber. Mittlerweile hat die Sektion Berchtesgaden den Gipfelkreuzlern sogar eine Patenschaft für die Blaueishütte übertragen.

Das Gipfelkreuz-Tourenprogramm reicht von der einfachen Bergwanderung über mehrtägige Klettersteige und Mountainbike-Expeditionen bis zur Raftingtour. Auf der Sektionshomepage posten die Mitglieder Fotos und Nachrichten, in denen die Wörter "Gott", "Segen"oder "Wunder"und Hashtags wie #glaubeamberg ganz selbstverständlich vorkommen.

Die Eignung der rund 15 ehrenamtlichen Tourenführer überprüft der Vorstand. Dabei geht es vor allem um die persönliche Qualifikation, weniger um eine Glaubensprüfung, sagt Daniel Jägers. "Wir machen keine Vorgaben, wie jemand seinen Glauben bei einer Tour zum Ausdruck bringt", sagt er. Doch auch wenn Tourenführer bei "Gipfelkreuz" keine seelsorgerliche Ausbildung haben müssen, legt Jägers Wert darauf, dass sie "Persönlichkeiten sind, die zuhören können und Interesse für die Menschen zeigen, die in ihrer Gruppe mitgehen".

Rückenwind vom Pfarrer

Dem Alpenverein ist die inhaltliche Ausrichtung seiner jüngsten Sektion recht, schließlich sei Religiosität in Form von Berggottesdiensten "gelebte Tradition"in den Sektionen, so eine DAV-Sprecherin: "Die Berge und Gipfel sind besondere Orte, es sind besondere Räume für spirituelle Erfahrungen."Es gebe zwar Menschen, die den Bergsport aus rein sportlichen Motiven betreiben würden. Der DAV nehme jedoch wahr, "dass viele eine Sehnsucht nach Spiritualität und Sinnsuche haben und diese im Naturraum Berge suchen".

Rückenwind kommt auch vom Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Berchtesgaden: "Ich bin davon überzeugt, dass bei Bergtouren zentrale religiöse Erfahrungen gemacht werden können", sagt Josef Höglauer. Das Staunen über die Schönheit der Natur, das Kennenlernen der eigenen Grenzen und die Freiheit vom Termindruck des Alltags "lassen heute viele Menschen offen werden für religiöse Erfahrungen".

Die Berggottesdienste und Freiluft-Andachten der Gemeinde seien beliebte Angebote. Gemeinsame Projekte gebe es zwar nicht, aber "die DAV-Sektion Gipfelkreuz finde ich eine tolle Initiative", sagt Pfarrer Höglauer: "Wir hören oft den Satz: In der Natur fühle ich mich näher bei Gott." In der Sektion "Gipfelkreuz" soll dieses Gefühl, wenn es nach Daniel Jägers geht, eine Heimat bekommen.

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