TV-Tipp: "Die verlorene Zeit" (Arte)

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TV-Tipp: "Die verlorene Zeit" (Arte)
16.4., Arte, 20.15 Uhr
Der Film beginnt, wie andere Geschichten enden würden: Jüdin Hanna und der politische Häftling Tomasz haben sich 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ineinander verliebt. Der tollkühne Plan des Polen, in Uniform das Lager zu verlassen und Hanna kurzerhand mitzunehmen, funktioniert. Doch dann verlässt die beiden das Glück.

Tomasz muss Fotos vom Konzentrationslager zum polnischen Untergrund bringen und kehrt nicht mehr zurück; Hanna (Alice Dwyer) erleidet eine Fehlgeburt. Stefania, die Mutter ihres Geliebten, ist schockiert über die Liebe ihres Sohns (Mateusz Damiecki) zu einer Jüdin und liefert die junge Frau fast den Nazis aus. In der festen Überzeugung, Tomasz sei im Untergrund gestorben, macht sich Hanna auf den Heimweg nach Berlin. Stefania (Susanne Lothar in einer ihrer letzten Rollen) wird ihrem Sohn später sagen, sie sei tot.

Regisseurin Anna Justice, deren erfolgreiches Erstlingswerk ein Kinder- und Jugendfilm war ("Max Minsky und ich", 2007), hat sich mit dem ebenfalls fürs Kino entstandenen historischen Drama "Die verlorene Zeit" (2011) einem völlig anderen Genre zugewandt. Nach einem Drehbuch von Pamela Katz ("Rosenstraße") erzählt sie die Geschichte einer Liebe, die nicht nur die Wirren des Krieges, sondern auch mehrere Jahrzehnte überdauert: Die Flucht des Paares wird in eine Rahmenhandlung gebettet, die in den Siebzigern spielt. Hanna lebt mittlerweile in New York und ist verheiratet. Eines Tages sieht sie zufällig ein Fernsehinterview, in dem ein Mann die Geschichte von Hanna und Tomasz erzählt. Immer wieder springt der Film fortan zwischen Zeitebenen hin und her: Während Hanna mehrmals nur um Haaresbreite erst den Deutschen und dann den Russen entkommt, ist ihr älteres alter ego (Dagmar Manzel) völlig durch den Wind und versucht verzweifelt, telefonisch Kontakt zu Tomasz im fernen Polen aufzunehmen. Da sie ihre Familie nicht einweiht, ist vor allem ihr Mann (David Rasche) in großer Sorge.

Die dramaturgische Konstruktion ist reizvoll, tut dem Film aber nicht gut, weil die Sprünge zwischen den Zeitebenen nicht harmonisch, sondern meistens recht abrupt erfolgen. Die Szenen aus den Kriegsjahren wirken ausgesprochen glaubwürdig, zumal Deutsche, Polen und Russen in ihren jeweiligen Muttersprachen reden dürfen, während die Darsteller der Amerika-Ebene synchronisiert worden sind; dadurch entsteht atmosphärisch ein Bruch. Das gilt auch für den Wechsel der Hauptdarstellerinnen: Der Unterschied zwischen Alice Dwyer und Dagmar Manzel ist einfach zu groß. Dass Justice den beiden blauäugigen Schauspielerinnen braune Kontaktlinsen verpasst hat, wäre wiederum gar nicht nötig gewesen. Ein anderes Manko ist ohnehin entscheidender: Es gelingt der Regisseurin zumindest nicht durchgängig, die innere Spannung der Geschichte zu vermitteln. Vielen Szenen hätte eine Straffung gut getan; für die Länge von 105 Minuten hat der langsam erzählte Film ohnehin zu wenig Handlung zu bieten. Da waren vergleichbare TV-Mehrteiler wie "Unsere Mütter, unsere Väter" oder "Schicksalsjahre" von ganz anderem Kaliber. Und dass Tomasz, der Ältere (Lech Mackiewicz), am Ende fließend deutsch spricht, ist auch nicht plausibel. Aber die Bildgestaltung (Sebastian Edschmid) ist herausragend.

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