Kirche will bei Arbeit in KZ-Gedenkstätte sparen

Evangelische Versöhnungskirche in KZ-Gedenkstätte Dachau

© epd-bild/Michael McKee

Die 1967 eingeweihte Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau entwickelte sich zu einem Zentrum der Erinnerungsarbeit. Nun will die Landeskirche hier den Rotstift ansetzen.

Kirche will bei Arbeit in KZ-Gedenkstätte sparen
Diakonenstelle in der KZ-Gedenkstätte soll ab 2023 wegfallen
Das Team der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau soll halbiert werden. Nach den Vorstellungen der bayerischen Landeskirche fällt die Stelle des Diakons künftig weg. Dagegen regt sich Protest von vielen Seiten.

Weniger Mitglieder, weniger Einnahmen, weniger Personal: Dass die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern (ELKB) in den nächsten Jahren massiv sparen muss, trifft viele Arbeitsbereiche. Auch die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau kommt wohl nicht ungeschoren davon: Die Stelle des Diakons - eine von zwei Vollzeitstellen - soll nur noch bis Ende 2023 finanziert werden. Schon beginnen kontroverse Diskussionen um die Entscheidung.

Auf Seiten der bayerischen Landeskirche ist Oberkirchenrat Michael Martin für die Versöhnungskirche zuständig. Er beschreibt den Spardruck, der auf der Landeskirche lastet: Allein fürs Haushaltsjahr 2021 müssten 32,5 Millionen Euro eingespart werden. Rund drei Millionen Euro davon entfallen auf Martins Abteilung "Ökumene und kirchliches Leben". Ohne schmerzhafte Einschnitte gehe das nicht, sagt er. Immerhin bleibe man mit einer vollen Pfarrstelle in Dachau präsent. Die inhaltliche Arbeit könne laut Martin auch mit einer Stelle "ohne Abstriche weitergeführt werden".

Wichtige Aufgaben - weniger Geld

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die seit der Einweihung 1967 Hausherrin der Versöhnungskirche ist, kürzt bis 2030 rund 30 Prozent der Sachkosten - das sind nach aktuellen Zahlen etwa 24.000 Euro im Jahr. Dafür müssen vermutlich die Teilzeitstelle der Assistenz reduziert und die Mietwohnung für die Freiwilligen der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" gekündigt werden.

Es sei schmerzlich, dass vom Zwang zum Sparen "fast immer wichtige und segensreiche Arbeitsfelder betroffen sein werden", sagt Heinrich Bedford-Strohm, der nicht nur bayerischer Landesbischof, sondern auch EKD-Ratsvorsitzender ist. Man müsse nun nach Wegen suchen, wie "wichtige Aufgaben auch mit weniger Geld erfüllt werden können". Bedford-Strohm betont, dass sich die Kirche weiterhin durch zahlreiche Initiativen im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren werde.

Seelsorger sind nicht zu ersetzen

Dennoch stoßen die Kürzungsbeschlüsse von EKD und ELKB vielerorts auf Bedauern oder Unverständnis. Denn zu den Aufgaben des Diakons gehören neben Gruppenführungen, Gottesdiensten und Veranstaltungsplanung beispielsweise auch die Betreuung der beiden internationalen Freiwilligen der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" (ASF), der Kontakt zur Initiative "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball" und Einzelführungen jugendlicher Straftäter im Rahmen der Jugendgerichtshilfe.

Letzteres könne nicht durch staatliche Stellen übernommen werden, sagt Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. "Dafür braucht man das Seelsorgegeheimnis", betont der Landtagsvizepräsident. Seelsorge bräuchten auch die "normalen" Gedenkstättenbesucher, deren Zahl in den letzten zehn Jahren von 600.000 auf knapp eine Million gestiegen sei: "Von Seiten der staatlichen Gedenkstätte können wir zeigen, führen, erklären. Aber wir können nicht Fragen nach Schuld, Sühne und Gott beantworten." Dass die Landeskirche "ausgerechnet an dieser zentralen Stelle" einsparen wolle, obwohl nicht nur die Nachfrage nach Gedenken ungebrochen sei, sondern auch die Zunahme von rechtsextremen Haltungen in der Gesellschaft, hält Freller für "extrem bedauerlich".

Junge Freiwillige und Fußballfans

Auch bei "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" ist Betroffenheit zu hören. Jedes Jahr entsendet der Verein zwei internationale Freiwillige nach Dachau. Ihre Einarbeitung an der Versöhnungskirche sowie ihre Begleitung auch bei Alltagsfragen gehört zu den Aufgaben des Diakons. Für ASF-Referent Thomas Heldt hat die Kooperation mit Dachau "eine sehr große Bedeutung". Der Verein sei dankbar "für die seit Jahren hervorragende Begleitung unserer Freiwilligen in der Versöhnungskirche". Man hoffe, dass diese Zusammenarbeit auch in Zukunft möglich bleibe.

Zum jüngsten Arbeitsbereich der Versöhnungskirche zählt die Initiative "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball", die dort am 27. Januar 2004 gegründet wurde und mittlerweile in allen rund 60 Fanprojekten der ersten und zweiten Bundesliga verwurzelt ist. "Die Kirche braucht '!Nie wieder'", sagt Eberhard Schulz, Sprecher der Initiative. Er beschreibt die Strahlkraft des Projekts: "Wenn am 27. Januar, dem Holocaustgedenktag, die Stadiondurchsage auf St. Pauli erschallt, dann weiß der Ultra über seinen Fanclub, dass das aus der Versöhnungskirche Dachau kommt." Dass heute jedes auf sich haltende Fanprojekt nach Dachau, Majdanek, Auschwitz oder bis nach Israel fahre, sei Dank der Initiative "!Nie wieder" selbstverständlich. Mit dem "Erinnerungstag im deutschen Fußball" habe die Versöhnungskirche eine große demokratische Bewegung im Fußball angestoßen.

Noch ist das allerletzte Wort über die Zukunft des Diakons an der Versöhnungskirche nicht gesprochen: Bei ihrer Frühjahrstagung vom 21. bis 25. März erhält die bayerische Landessynode den fertigen Landesstellenplan zur Kenntnis. Ebenso liegt der Synode ein Antrag auf Verstetigung der Diakonenstelle vor. Den Antrag, der auch dem Evangelischen Pressedienst vorliegt, haben neben anderen der frühere Dachau-Diakon Klaus Schultz und der 94-jährige Holocaust-Zeitzeuge Walter Joelsen unterzeichnet.

Auch im Dekanat München sucht man nach einer Lösung. Man habe sich nicht mit dem Wegfall der Stelle abgefunden, sagt der Münchner Stadtdekan Bernhard Liess, zugleich Vorsitzender des Kuratoriums der Versöhnungskirche. Liess betont, dass sich die Finanzierung der Diakonenstelle schon seit 2006 "im Format der Zwischenlösungen" befinde und die Entscheidung der Landeskirche nicht aus heiterem Himmel erfolge. Das Kuratorium suche nun nach Möglichkeiten, den Diakon langfristig zu erhalten. "Wie das aussehen kann, wissen wir noch nicht", sagt der Stadtdekan.

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