Spagat zwischen Infektionsschutz und Besinnlichkeit

Hygieneregeln vor Gottesdienst in der evangelischen St. Marienkirche in Berlin

©Christoph Soeder/dpa

Ein Desinfektionsmittelspender steht vor einem Gottesdienst im Eingangsbereich der evangelischen St. Marienkirche in Berlin.

Spagat zwischen Infektionsschutz und Besinnlichkeit
Kulturstaatsministerin Grütters will an Weihnachtsgottesdiensten festhalten
Religiöse Angebote haben für viele Menschen in der Weihnachtszeit eine große Bedeutung. Dazu gehören auch die Weihnachtsgottesdienste. Gerade in der Corona-Pandemie seien solche Rituale nötiger denn je, meint etwa Kulturstaatsministerin Grütters.

Appell für Gottesdienste an Weihnachten trotz Corona: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) fordert, die Kirchen trotz der hohen Infektionszahlen an den hohen christlichen Feiertagen offen zu halten. "Ich bedaure, dass die Kirchentüren im ersten Lockdown so lange geschlossen blieben", sagte die CDU-Politikerin der Wochenzeitung "Die Zeit". Sie wisse von keiner einzigen Kirche, die nicht peinlichst darauf bedacht wäre, die Hygieneauflagen zu beachten. Ihre Sorge sei eher, "dass viele, die im ersten Lockdown in Distanz zur Kirche gerieten, dort auch jetzt keine Zuflucht mehr suchen."

Die Kirchen gehören nach Ansicht des Präsidenten der Berliner Akademie der Wissenschaften, Christoph Markschies, zu den Institutionen "mit den klarsten Infektionsschutzregeln" in der Corona-Pandemie. Sie hätten sich "am engsten mit der Regierung abgestimmt", sagte der evangelische Theologe und Historiker der "Zeit" zum Thema Weihnachten.

Verbot von Gottesdiensten nicht empfohlen

Markschies gehört neben dem Virologen Christian Drosten und dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, zu den Unterzeichnern des neuen Corona-Appells der Nationalen Akademie Leopoldina an die Bundesregierung. Der Titel des am Dienstag veröffentlichten Papiers lautet: "Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen!". Ein Verbot von Gottesdiensten wird darin nicht empfohlen.

Grütters sagte der Zeitung, schon ohne Corona fühlten sich viele Menschen "unbehaust und verängstigt durch das Tempo unserer Zeit". Die Menschen seien Teil einer Dynamik, die sie nicht mehr beherrschten. Weihnachten sei der Gegenentwurf: "das Innehalten, das Warten und Hoffen, das Ankommen, die Heilsbotschaft. Die entsprechenden Rituale brauchen wir dieses Jahr mehr denn je."

Sehnsucht nach Trost sei groß

In der Kirche gehe es um elementare Bedürfnisse, fügte Grütters hinzu: "Dieses Weihnachten wird anders sein als zuvor, weniger wegen der Abstandsregeln und der Desinfektionsmittel, sondern weil Existenzsorgen im Raum stehen und weil uns die Trauer um geliebte Menschen, die noch leben könnten, gäbe es keine Pandemie, niederdrückt." Umso größer sei die Sehnsucht nach Trost und Hoffnung. "Ich wünsche mir stillere und doch festliche Gottesdienste, die sensibel die frohe Botschaft verkünden", unterstrich die Katholikin.

Grütters warnte davor, Kirchen und Kulturbereich während der Pandemie gegeneinander auszuspielen. "Kirche und Kultur haben viel gemeinsam, bringen wir sie also bitte nicht gegeneinander in Stellung. Im Zweifelsfall würden die Kirchen auch geschlossen und die Theater trotzdem nicht geöffnet", sagte sie mit Blick auf Kritik, dass den Kirchen von der Politik mehr Freiräume eingeräumt wurden als etwa dem Konzertbereich. "Wenn die Kultur stillsteht, braucht es die Kirchen umso dringender: Jeder kennt Menschen, die jetzt traurig, deprimiert oder gar verzweifelt sind. Das lässt sich nicht allein durch staatliche Corona-Hilfen auffangen", so Grütters.

"Lockdown nicht schönreden"

Man dürfe den "sehr schmerzlichen" Lockdown zu Weihnachten nicht schönreden, fügte Markschies hinzu, aber dramatisieren solle man ihn auch nicht: "Viele haben doch immer über weihnachtliche Hektik geklagt. Die laden wir jetzt ein, den Zwang zur Ruhe auch als Entlastung zu erleben und zur Besinnung zu kommen." Markschies ist seit 2004 Professor für Antikes Christentum an der HU Berlin. Zuvor hatte er Professuren für Kirchen- und Theologiegeschichte in Jena und Heidelberg.

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