Forscher untersuchen sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche

Kindesmissbrauch in der Kirche wird untersucht

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Forscher von acht wissenschaftlichen Einrichtungen haben die Arbeit an Studien zu sexualisierter Gewalt in der Kirche aufgenommen.

Forscher untersuchen sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche
Die Missbrauchsaufarbeitung in der evangelischen Kirche ist einen Schritt weiter: Forscher von acht wissenschaftlichen Einrichtungen haben die Arbeit an Studien zu sexualisierter Gewalt in der Kirche aufgenommen. Auch Betroffene sind beteiligt. Ergebnisse sollen 2023 vorliegen.

Ein unabhängiger Forschungsverbund hat mit der Untersuchung von Strukturen und Mustern sexualisierter Gewalt und Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche begonnen. Ziel des Forschungsprojektes sei eine Gesamtanalyse evangelischer Strukturen und systemischer Bedingungen, die sexualisierte Gewalt begünstigen und ihre Aufarbeitung erschweren, teilte die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover mit. Mit der Untersuchung soll eine empirische Basis für weitere Aufarbeitungsschritte entstehen. Ergebnisse der Studie sollen im Herbst 2023 vorliegen.

Der Präsident des EKD-Kirchenamtes in Hannover, Hans Ulrich Anke, betonte, dass alle 20 evangelischen Landeskirchen hinter der Untersuchung stünden. "Von der Aufarbeitungsstudie erhoffen wir uns, ein umfangreiches Bild über Fehler der Vergangenheit und Gegenwart sowie besondere Risiken zu bekommen, um unsere Gemeinden und Einrichtungen zu einem noch sichereren Ort für Kinder und Jugendliche zu machen", sagte er. Die EKD beteiligt sich finanziell mit 3,6 Millionen Euro an der Untersuchung.

Betroffene sind einbezogen

Die Studie soll aus fünf themenbezogenen Teilprojekten bestehen. Der Forschungsverbund wird von Professor Martin Wazlawik von der Hochschule Hannover koordiniert, der sich auf Kinder- und Jugendhilfe spezialisiert hat. An dem Forschungsverbund ForuM sind neben der Hochschule Hannover die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die Bergische Universität Wuppertal, die Freie Universität Berlin, das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim sowie die Universität Heidelberg beteiligt.

Das Forschungsvorhaben überzeuge durch die Interdisziplinarität der Forschenden und das Element der Betroffenenpartizipation, sagte der neue Sprecher des Beauftragtenrates der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, Christoph Meyns, der auch Braunschweiger Landesbischof ist. Denn eine wissenschaftliche Aufarbeitungsstudie könne ohne die Mitwirkung Betroffener keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern.

Mit der wissenschaftlichen Studie wird ein weiterer Punkt des auf der EKD-Synode 2018 beschlossenen 11-Punkte-Plans umgesetzt. Die Gründung eines Betroffenenbeirats, die Verabschiedung einer Gewaltschutzrichtlinie und die Zusammenarbeit mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sind ebenfalls unter den Punkten. Die katholische Kirche hatte die sogenannte MHG-Studie zum Missbrauchsskandal im September 2018 veröffentlicht. 881 Fälle sexualisierter Gewalt sind laut EKD derzeit im Bereich der EKD und der Diakonie seit etwa 1950 bekannt.

Verbundkoordinator Wazlawik verwies auf die wissenschaftliche Unabhängigkeit. Der Forschungsverbund agiere unabhängig von der evangelischen Kirche, und es sei vertraglich gesichert, dass der Abschlussbericht von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbstständig veröffentlicht werde. "Für Studien im Bereich sexualisierter Gewalt ist diese formelle und inhaltliche Unabhängigkeit elementar", sagte er.

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