Kirchengemeinden zum Umdenken gebracht

Oberkirchenrat Dieter Kaufmann Vorstandsvorsitzender in Diakonie Württemberg

©Christoph Püschner/Zeitenspiegel/Diakonisches Werk Württemberg

Oberkirchenrat Dieter Kaufmann ist Vorstandsvorsitzender in Diakonie Württemberg zieht Bilanz darüber, dass in seiner elfjährigen Amtszeit die Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft weiter auseinandergegangen ist.

Kirchengemeinden zum Umdenken gebracht
Diakonie-Chef Kaufmann zieht nach elf Amtsjahren Bilanz
Die Diakonie ist mit mehr als 50.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber im Südwesten. Ihr Vorstandsvorsitzender in Württemberg, Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, geht Ende November in den Ruhestand. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) bedauert er, dass in seiner elfjährigen Amtszeit die Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft noch weiter auseinandergegangen sei. Kaufmann, der auch dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehört, erläutert zudem, was beim Thema Inklusion alles gelungen ist.

Herr Oberkirchenrat Kaufmann, bis zuletzt sind Sie zu 100 Prozent für die Diakonie unterwegs. Fahren Sie dieses Engagement in Ruhestand auf null zurück?

Dieter Kaufmann: Ich werde mich weiterhin engagieren, etwa als Mitglied im Rat der EKD. Ab 1. Dezember bin ich Aufsichtsratsvorsitzender des bhz Stuttgart, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Außerdem behalte ich den Vorsitz im Verein evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik mit den vier Fachschulen in Württemberg. Zudem bin ich bis Ende 2021 Vorsitzender des Beirats Inklusive Kirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Was war in Ihrer Amtszeit Ihr Herzblut-Projekt?

Kaufmann: Da gibt es mehrere, aber ich nenne als Beispiel die Inklusion, die Teilhabe von Menschen. Da geht es nicht nur um Menschen mit Behinderung, sondern auch um andere gesellschaftlich Ausgeschlossene. Wir haben einen Aktionsplan Inklusion in der Landeskirche erarbeitet, um den uns andere Landeskirchen und deren Diakonische Werke teilweise beneiden. Am Aktionsplan sind alle Einrichtungen der Landeskirche beteiligt und genauso Menschen, die behindert oder psychisch erkrankt oder langzeitarbeitslos sind. Inklusion macht unsere ganze Kirche aus.

Was ist denn durch diesen Inklusionsplan besser geworden?

Kaufmann: Es gibt viele Einzelbeispiele in Gemeinden, die die Situation vor Ort deutlich verbessert haben. Zu nennen wäre etwa der Heidenheimer Teilort Mergelstetten, wo die Kirchengemeinde zusammen mit der Nikolauspflege einen Kindergarten für mehrfach behinderte Kinder eingerichtet hat. Das hat die Wahrnehmung der ganzen Gemeinde im Umgang mit behinderten Kindern verändert. Über den Aktionsplan haben wir dort eine FSJ-Stelle für ein Jahr finanziert, die Kinder mit und ohne Behinderungen zusammenbringt.

In Münsingen auf der Schwäbischen Alb hat die Kirchengemeinde behinderte Menschen in ihre Arbeit integriert. So unterstützen zwei von ihnen den Hausmeister des evangelischen Gemeindehauses in ihrer Freizeit. Ein anderer hilft im Gottesdienst, sogar beim Austeilen des Abendmahls. So etwas verändert eine Gemeinde.

"Das Wesentliche dabei ist ja die innere Haltung: dass man das nicht als zusätzliche Arbeit ansieht, sondern als eine andere Art, Gemeinde zu leben"

Das heißt, in Ihrer Amtszeit sind Württembergs evangelische Kirchengemeinden inklusionsfreundlicher geworden?

Kaufmann: Das gilt natürlich nicht für jede Gemeinde, aber viele haben hier Neues für sich entdeckt. Manche haben etwas mit Langzeitarbeitslosen vorangebracht, andere mit benachteiligten Kindern. Das Wesentliche dabei ist ja die innere Haltung: dass man das nicht als zusätzliche Arbeit ansieht, sondern als eine andere Art, Gemeinde zu leben. Außerdem sind wir durch alle Bezirkssynoden der Landeskirche gewandert - ich selbst war bei rund 15 dabei - und haben die Idee des Inklusionsplans in den Kirchenbezirken vorgestellt.

Gibt es einen Bereich, in dem Sie nach eigenem Empfinden gescheitert sind?

Kaufmann: Was mich nach elf Jahren sehr schmerzt: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander. Das empfinde ich als Skandal. Stichwort Vesperkirche: Die sind eigentlich vor allem dazu da, dass man auf die Entwicklung in unserer Gesellschaft aufmerksam macht. Wir konnten uns leider auch nicht mit der Forderung durchsetzen, dass in der Corona-Zeit Hartz IV-Empfänger 100 Euro mehr im Monat bekommen. Deshalb sind wir froh, dass die württembergische Landessynode unseren Mutmacher-Fonds so großzügig unterstützt, der Menschen in Notsituationen unbürokratisch hilft. Insgesamt hätte ich auf diesem Gebiet jedenfalls gerne mehr erreicht.

"Das könnte den Druck auf Menschen, die ohnehin schon an der Armutsgrenze stehen, noch einmal erhöhen"

Steht uns aufgrund von Corona-Lockdowns und Rezession eine neue Armutswelle bevor?

Kaufmann: Die Entwicklung werden wir genau anschauen müssen. Es fallen leider viele Arbeitsplätze weg, die für einfachere Arbeiten ausgelegt sind, auch in den Werkstätten für Behinderte. Das könnte den Druck auf Menschen, die ohnehin schon an der Armutsgrenze stehen, noch einmal erhöhen. Es ist aber zu früh, die Auswirkungen jetzt schon zu bewerten.

Die Diakonie hat zunehmend Probleme, ihre Stellen mit Kirchenmitgliedern zu besetzen. Wie kann sie ihr christliches Profil bei einer steigenden Zahl nichtchristlicher Mitarbeiter bewahren?

Kaufmann: Zunächst sehe ich in dieser Entwicklung eine riesige Chance, denn wir erklären auf vielfältige Weise unseren nichtkirchlichen Mitarbeitern, woran wir glauben und was uns für die diakonische Arbeit motiviert. In der Diakonie gibt es wahrscheinlich mehr Glaubenskurse als in der ganzen Landeskirche. An bestimmten Positionen, etwa in der Verkündigung, müssen die Stelleninhaber natürlich Kirchenmitglieder sein. An vielen Stellen, wo das nicht im Vordergrund steht, ist es jedoch toll, wenn wir nichtkirchlichen Mitarbeitern erklären können, was Glaube ist. Das ist eine missionarische Chance. Wir erleben das heute schon, dass sich Menschen nach einer gewissen Zeit in der Diakonie taufen lassen oder dass junge Freiwillige nach ihrer Zeit bei uns einen sozialen oder diakonischen Beruf wählen.

Ihr Haus stand gelegentlich in Opposition zur bundesweiten Diakonie, zum Beispiel beim Thema Prostitution. Fühlen Sie sich in einzelnen Punkten vom Diakonischen Werk Deutschland schlecht repräsentiert?

Kaufmann: Es zeichnet die Diakonie wie den Protestantismus überhaupt aus, dass wir miteinander um Positionen ringen. Wir haben manchmal unterschiedliche Sichtweisen. Sinnvollen Streit brauchen wir. Denn darin liegt die Chance, dass wir uns weiterentwickeln. Wir konnten in manchen Diskussionen aber auch anderen Diakonischen Werken zeigen, dass etwa der Dritte Weg im kirchlichen Arbeitsrecht in Württemberg sehr gut funktioniert. Diesen Dritten Weg ohne Streik und Aussperrung hatten zu Beginn meiner Amtszeit viele auch in der Diakonie schon abgeschrieben. Zu Unrecht, wie ich finde.

Ihre Nachfolgerin Annette Noller hat im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg die Diakonie bereits auf Sparkurs eingestimmt. Man wolle zwar alle Arbeitsbereiche erhalten, könne aber vielleicht nicht mehr an jedem Standort alles anbieten. Ist das die richtige Strategie?

Kaufmann: Klar ist, dass es weiterhin einen hohen Bedarf an diakonischen Diensten geben wird. Also wird die Diakonie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, diesen Bedarf zu stillen.  

Diakonische Arbeit ist auch Öffentlichkeitsarbeit. In welchen Bereichen haben Sie sich am häufigsten missverstanden gefühlt?

Kaufmann: Ich habe immer wieder erlebt, dass unser Dritter Weg im Arbeitsrecht von vielen nicht verstanden wird. Das Vorurteil, wir würden Arbeitnehmer um ihre Rechte bringen und sie schlecht bezahlen, hat nie gestimmt. Und was vielen auch nicht bewusst ist: Wenn sie mit der Diakonie reden, reden sie mit der evangelischen Kirche. Es ist eine tolle Konstruktion, dass ein Diakonie-Vorsitzender gleichzeitig Oberkirchenrat und damit Mitglied der Kirchenleitung in Württemberg ist. Diese Konstruktion hat nicht jede Landeskirche. Für mich war das Wichtigste in diesem Leitungsamt die theologische Arbeit. Management und geistliches Leben gehören für mich engstens zusammen.  

"Manches Problem, mancher Konflikt, manche Spannung wird mich nicht mehr verfolgen"

Sie bleiben bis Anfang 2022 Mitglied im Rat der EKD, dem Leitungsgremium zwischen den jährlichen EKD-Synoden. Sind Sie dort der Lobbyist für diakonische Themen?

Kaufmann: So verstehe ich mich nicht. Aber im Rat vertreten verschiedene Experten verschiedene Schwerpunkte. Wir haben dort etwa einen Jura-Professor, den wir bei juristischen Fragen konsultieren. Oder einen früherer Unternehmenschef, den wir zu wirtschaftlichen Themen ansprechen. Und so werde eben ich häufig befragt, wenn Diakonisches auf der Tagesordnung steht. Ich habe eine Leidenschaft dafür, diakonische Kirche zu entwickeln. Alle Untersuchungen und Studien zeigen, dass das soziale Engagement der Kirche, das Eintreten für Benachteiligte, Mitglieder engstens mit ihrer Kirche verbindet.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?

Kaufmann: Dass ein dicht getaktetes Leben von morgens bis abends und auch am Wochenende so nicht mehr sein wird. Manches Problem, mancher Konflikt, manche Spannung wird mich nicht mehr verfolgen. Meine Energie und meine Erfahrung werde ich aber nicht einfach ruhen lassen, sondern mich weiterhin engagieren.