TV-Tipp: "Unter Verdacht: Türkische Früchtchen"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Unter Verdacht: Türkische Früchtchen"
24.9., Arte, 20.15 Uhr
Im wahren Leben hat Senta Berger 2019 nach 17 Jahren und dreißig Filmen einen Strich unter die stets herausragend gute ZDF-Reihe "Unter Verdacht" gezogen; mit Ende siebzig wollte sie keine Ermittlerin mehr spielen, die noch mitten im Berufsleben steht.

Arte wiederholt heute die 21. Episode aus dem Jahr 2013, wobei der Titel der pure Euphemismus ist: Die beiden Brüder, auf die "Türkische Früchtchen" anspielt, sind alles andere als harmlos. Gerade der ältere, Aslan (Aram Arabi), steckt voller Aggressivität. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann seine Gewalt ein Ziel finden wird. Schließlich trifft es ausgerechnet den harmlosen André Langner (Rudolf Krause): Der Kommissar aus dem Münchener Dezernat für interne Ermittlungen schreitet ein, als Aslan und sein jüngerer Bruder andere Jungs anpöbeln und ihnen ein Smartphone abnehmen wollen. Weil die beiden türkischstämmigen Jugendlichen keine Ruhe geben und Langner beleidigen, stellt er sie zur Rede.

Das Resultat seiner Zivilcourage: Er stürzt eine steile Treppe hinunter und trägt ein Schädelhirntrauma davon. Nicht nur für die Boulevardpresse, die die Jungs fortan als "Brutalo-Brüder" verunglimpft, ist der Vorfall ein gefundenes Fressen, auch der Regierung kommt die Sache gerade Recht: Man will in München um jeden Preis "Berliner Verhältnisse" verhindern und eine Verschärfung des Jugendstrafrechts erreichen. Langner wird zum Helden einer landesweiten Kampagne aufgebaut, außerdem soll er als Kornzeuge auftreten, aber er hat jede Erinnerung an das Ereignis verloren. Einer der angepöbelten Jungs hat das Handgemenge zwar gefilmt, doch ausgerechnet der entscheidende Moment ist nicht zu sehen, und auch die Aussagen der jungen Zeugen sind nicht recht brauchbar. Womöglich haben sich die Dinge ja ganz anders zugetragen.

"Unter Verdacht" hat es sich und den Zuschauern nie leicht gemacht. Regisseur Martin Weinhart, der das Drehbuch gemeinsam mit Thomas von Grudzinski schrieb, wandelt in diesem speziellen Fall aber in gleich mehrfacher Hinsicht auf einem besonders schmalen Grat. Gerade die intensive und auf ausgesprochen unangenehme Weise authentisch wirkende Verkörperung Aslans durch Aram Arabi leistet sämtlichen Vorurteilen Vorschub. Dass der Junge auch sanft wie ein Kätzchen sein kann und zwischendurch sogar ein paar Tränen vergießt, mutet ebenso klischeehaft an wie das Plädoyer von Eva Prohacek (Berger), die ein aggressives Video mit Aslan für typisch jugendliches Imponiergehabe hält. Und während die Kriminalrätin als moralische Identifikationsfigur sonst über jeden Verdacht erhaben ist, wagt es Weinhart, die Rolle zu demontieren: Als der nach wie vor unter Schock stehende Langner bei einer Gegenüberstellung im Affekt den türkischstämmigen Anwalt der Jungs schlägt, will Prohacek mit aller Konsequenz gegen ihren Kollegen ermitteln. Ausgerechnet Dezernatsleiter Reiter (Gerd Anthoff), der sonst stets seine Intimfeindschaft zu Langner pflegt und sich willig vor den Karren eines ehrgeizigen Staatsanwalts spannen lässt, muss sie an ihre Fürsorgepflicht gegenüber dem Untergebenen erinnern.

Andererseits sorgt Weinhart immer wieder dafür, dass die Geschichte in der filmischen Umsetzung differenziert ausfällt. Gerade Stephan Grossmann lässt den populistischen Staatsanwalt fast wie einen Getriebenen wirken. Herausragend ist auch die Leistung Rudolf Krauses, der dem vermeintlichen Helden eine Vielzahl von Facetten verleiht und die Wandlung vom Opfer zum Täter sehr einfühlsam und glaubwürdig verkörpert. Gerade in Bayern wird man sich den Film wegen der Parallelen zu Dominik Brunner sehr genau anschauen: Der Unternehmer war einige Jahre zuvor gestorben, als er Schüler vor aggressiven Jugendlichen schützen wollte.

 

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