"Gemeinsam für Menschlichkeit und Menschenwürde"

"Gemeinsam für Menschlichkeit und Menschenwürde"
Es ist ein einmaliges Gedenken: Vertreter der evangelischen Kirche und des Zentralrats der Juden erinnern gemeinsam mit Sinti und Roma an die Schoa und an den Völkermord an den Sinti und Roma - in Auschwitz, dem Ort des Zivilisationsbruchs.

Am Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma haben Juden, Christen und Sinti und Roma an die Zivilgesellschaft appelliert, sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus zu wehren. Im früheren Konzentrationslager Auschwitz gedachte eine gemeinsame Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Zentralrats der Sinti und Roma am Sonntag gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus. "Dass wir hier gemeinsam gedenken, ist ein starkes Zeichen. Wir stehen gemeinsam ein für Menschlichkeit und Menschenwürde", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Es ist das erste Mal, dass Protestanten zusammen mit Juden und Sinti und Roma an historischer Stätte zusammen an den Holocaust erinnern.

Die Delegation nahm am Sonntag an einer Gedenkzeremonie der Sinti und Roma im ehemaligen "Zigeunerlager" Auschwitz-Birkenau teil. Am 2. August 1944 seien die letzten im Lager lebenden 4.300 Sinti und Roma ermordet worden, sagte Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma. "Wir gedenken heute aller Opfer", sagte Rose. Eine halbe Million Sinti und Roma wurden Opfer des nationalsozialistischen Völkermords, allein in Auschwitz starben 23.000 Sinti und Roma. Sechs Millionen Juden wurden in der Schoa ermordet.

Für die wenigen Überlebenden sei es bis heute eine Verpflichtung, die Erinnerung an dieses Verbrechen und das Gedenken an die Opfer zu bewahren, appellierte Rose. Der Hass gegen Minderheiten breite sich heute wieder aus. Daher sei es nach diesem Menschheitsverbrechen eine Pflicht, heute gegen jede Form von Nationalismus und Rassismus die Stimme zu erheben.

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, nahm an der Zeremonie in Auschwitz teil. "Solche Gedenktage nehmen an Bedeutung eher zu", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Dass was geschehen ist, verschwindet zunehmend aus dem Gedächtnis der Menschen. Umso wichtiger ist es, darauf hinzuweisen, was Menschen anderen Menschen antun können."

Der oberste Repräsentant der deutschen Protestanten, Bedford-Strohm, betonte, das habe es nie zuvor gegeben: "Nachfahren der Opfer von Sinti und Roma und Jüdinnen und Juden gedenken gemeinsam mit Nachfahren der Tätergeneration, Vertretern der Kirche, die durch ihren Antijudaismus dazu beigetragen hat, dass Antisemitismus entstehen konnte", sagte der bayerische Landesbischof, der erstmals in Auschwitz ist.

Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, sagte am Sonntag, die Auschwitz-Überlebenden seien dankbar dafür, dass sie angesichts zunehmenden Hasses gegen Minderheiten mit ihren Erinnerungen und Ängsten nicht allein gelassen werden, sondern Unterstützung und Solidarität erführen.

Der 2. August ist der vom Europäischen Parlament initiierte Europäische Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma. Vor 75 Jahren wurde das NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von der sowjetischen Roten Armee befreit. (00/2617/02.08.2020)

epd bas/lbm jo/cez

Meldungen

Top Meldung
Gebetskette als Fragezeichen
Kann die Frage nach der Konfessionszugehörigkeit bei einem kirchlichen Arbeitgeber schon zwingend ein Indiz für Diskriminierung sein? Das Arbeitsgericht Karlsruhe sagt: Ja, kann es. Und damit könnte dieses Urteil Folgen für das kirchliche Arbeitsrecht haben.