Unsicherheit über Infektionsrisiko beim Chorgesang

Christian Wulff (CDU), ehemaliger Bundespräsident, zu Chören in Corona-Zeiten

© Christophe Gateau/dpa

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff ist Präsident des Deutschen Chorverbandes und macht sich für Chöre in Corona-Zeiten stark.

Unsicherheit über Infektionsrisiko beim Chorgesang
Wie gefährlich ist Chorsingen unter Corona? Darüber gehen die Ansichten auseinander. Während der Mediziner Eckart Altenmüller vor Proben und Auftritten warnt, hofft Christian Wulff, der Präsident des Deutschen Chorverbandes, auf eine langsame Rückkehr zur Normalität.

Der Musik-Mediziner Eckart Altenmüller warnt Chöre und Gesangvereine davor, angesichts der Corona-Pandemie zu schnell wieder mit dem gemeinsamen Singen zu beginnen. "Im Chor zu singen, ist sehr gefährlich", sagte der Hochschul-Professor aus Hannover. Weil Chorgesang unmittelbar mit dem Atmen zu tun habe, bestehe ein hohes Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. In diesem Fall könne sich das Virus tief in der Lunge einnisten.

Altbundespräsident Christian Wulff (CDU) hofft dagegen, dass Sängerinnen und Sänger bald wieder wie gewohnt proben und auftreten können. Neueste Studien legten nahe, dass es beim Chorsingen kein spezifisch erhöhtes Ansteckungsrisiko für Corona gebe, sagte der Präsident des Deutschen Chorverbandes. Vorangehende Studien seien noch zu anderen Ergebnissen gekommen. Über aller Hoffnung auf Normalität stehe daher der Wunsch nach Sicherheit, betonte Wulff: "Ich sehe auch bei den Chören, dass sie in großartiger Weise Verantwortung für alle übernehmen und nicht überstürzt handeln."

Leichter als Luft

"Wenn wir vermeiden wollen, dass sich diese Pandemie wieder ausbreitet, dann sollten wir im Moment keinen Chorgesang erlauben", bekräftigte Altenmüller. Optimistisch geschätzt könne das Singen in großen Chören in geschlossenen Räumen vielleicht Mitte September wieder beginnen. Das wichtigste Ziel müsse jetzt sein, die Gesundheit der Sängerinnen und Sänger zu schützen. Altenmüller leitet das Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Neben der klassischen Tröpfcheninfektion gehe vor allem von den sogenannten Aerosolen eine Ansteckungsgefahr aus, erläuterte er. Das sind kleinste Tröpfchen, die so leicht sind, dass sie in der Luft schweben. Unter bestimmten Bedingungen halten sie sich nach Auskunft des Mediziners bis zu drei Stunden in der Luft. Aerosole können laut Altenmüller etwa drei bis fünf Meter weit fliegen.

Abstand halten und lüften

Angaben, nach denen Aerosole beim Singen noch sehr viel weiter geschleudert können, bezeichnete der Forscher als überzogen. Zuletzt hatte eine Vertreterin des niedersächsischen Corona-Krisenstabs davon gesprochen, dass Aerosole beim Singen bis zu 30 Meter weit fliegen könnten. Altenmüller betonte, die Wissenschaft stehe in diesem Punkt noch ganz am Anfang: "Wir haben noch nicht die erforderlichen Messungen."

Für vertretbar hält Altenmüller die neue gesetzliche Regelung in Niedersachsen, nach der Kleingruppen von bis zu vier Personen unter Wahrung des Mindestabstands von 1,50 Metern gemeinsam singen dürfen. Allerdings müsse der Raum groß genug sein - bei vier Sängern mindestens 40 Quadratmeter. Zudem müsse regelmäßig gelüftet werden. Auch Singen im Freien sei mit deutlichen Abständen zueinander denkbar.

Unterstützung für Musiker nötig

Der Deutsche Chorverband arbeite intensiv an einem grundlegenden Hygienekonzept, das in modifizierter Form als Basis für die einzelnen Chöre und die Gesundheitsämter dienen könne, sagte Verbandspräsident Christian Wulff. Als Alternativen zum normalen Singen seien zurzeit etwa Singen in Hallen und auf Stadiontribünen, "überhaupt jetzt im Sommer im Freien, oder mit Abständen in belüfteten Räumen" möglich.

Viele Chöre träfen sich seit Wochen auch schon online in verschiedensten Formaten. "Von Stimmbildung per Video-Tutorial über virtuelle Konferenzen bis hin zum individuellen Einsingen einzelner Stimmen und dem Erstellen kreativer Multiscreen-Videos." Allerdings litten sämtliche Online-Angebote unter zeitlichen Verzögerungen bei der Signalübermittlung. Verzögerungsfreie Onlineplattformen seien gerade erst in der Entwicklung begriffen. "Das müssen wir als Ansporn begreifen, solche Formate zu verbessern."

Er glaube nicht an ein Chorsterben im großen Stil, sagte Wulff. Trotzdem sei die öffentliche Hand auf allen Ebenen gefordert, Kulturschaffenden kurzfristig und unbürokratisch Hilfe zu leisten. Möglich wäre zum Beispiel die Auszahlungen von Zuwendungen, auch wenn Veranstaltungen derzeit nicht durchgeführt werden können, oder die Stundung beziehungsweise der Erlass von Mietzahlungen, wenn etwa Räumlichkeiten benutzt werden, die der öffentlichen Hand gehören.

Auch Chormitglieder sieht Wulff in der Pflicht. "Wer möchte, dass seine Chorleiterin oder sein Chorleiter dem Chor erhalten bleibt, sollte diese Frage offen ansprechen und muss eventuell auch bereit sein, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Chores ihr oder ihm über eine Durststrecke zu helfen, sofern das machbar ist." Wer hingegen angesichts ausbleibender Proben und Auftritte mit einem Vereinsaustritt liebäugele, sollte sich klarmachen, dass dies der denkbar ungünstigste Zeitpunkt sei. "Ein Austritt derzeit könnte einem Verein oder Verband unter Umständen den Todesstoß versetzen."

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