TV-Tipp: "Der Barcelona-Krimi: Entführte Mädchen"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Der Barcelona-Krimi: Entführte Mädchen"
21.5., ARD, 20.15 Uhr
Der Handlungsort war faszinierend, das gegensätzliche Ermittlerduo war zumindest interessant; bloß die Geschichten wirkten etwas dünn. Deshalb waren die beiden ersten "Barcelona-Krimis" im Herbst 2017 eine Art Versprechen, das die ARD-Tochter Degeto nun eingelöst hat.

Voraussetzung dafür war nicht zuletzt ein radikaler Wechsel: Das Team hinter der Kamera ist zumindest auf den wichtigsten Positionen komplett ausgetauscht worden. Die entscheidenden Änderungen betreffen Buch und Regie. Der Österreicher Peter Koller hat mit seinen vier "Amsterdam-Krimis" (die Filme drei und vier kommen im Juni) gezeigt, dass er aktuell zu den interessantesten deutschsprachigen Krimidrehbuchautoren gehört. Markenzeichen seiner Geschichte ist die Devise "Nichts ist, wie es scheint", weshalb es auch im ersten von zwei neuen Barcelona-Krimis zu einer völlig unerwarteten Wende kommt.

Nicht minder interessant ist die Regiepersonalie. Ähnlich wie bei Koller hat die Degeto nicht auf jemanden mit viel Erfahrung und imposanter Filmografie gesetzt: Die gebürtige Berlinerin Isabell Šuba hat bislang gerade mal zwei Langfilme gedreht. Ihr Debüt, eine Satire aufs Filmgeschäft, ist schon allein wegen des Titels unvergessen: "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" (2014). 2017 folgte ein Neuaufguss der beliebten Mädchenfilmreihe "Hanni & Nanni". Der Barcelona-Krimi "Entführte Mädchen", Šubas erster Fernsehfilm, zeichnet sich unter anderem durch eine aufwändige Bildgestaltung (Johannes Louis) aus. Die Bilder sind geprägt von einem warmen Grundton, der auch dank der passenden sanften Musik (Héctor Marroquin) eine angenehme mediterrane Atmosphäre vermittelt.

Diese Stimmung steht jedoch im Kontrast zum Inhalt sowie zum Umgang der beiden Hauptfiguren miteinander; das macht den Reiz des Films aus. Er beginnt als Thriller: Ein Mädchen kann sich aus einem Gefängnis befreien und fliehen. Šuba hat diesen Auftakt packend inszeniert: Das Kind war in einem Kühlschrank eingesperrt und findet sich in einer offenbar schon lange nicht mehr genutzten Fabrikhalle wieder. Bei seiner Flucht wird es von einem bissigen Hund verfolgt. Mit Müh' und Not rettet es sich durch den Zaun und wird schließlich von der Polizei aufgegriffen. Weil das circa 12 oder 13 Jahre alte Mädchen kein Wort spricht, gibt ihm Kommissar Xavi Bonet (Clemens Schick) kurzerhand den Namen Luisa. Anstatt das Kind im Heim abzuliefern, nimmt er es mit nach Hause, wo die beiden alsbald innige Freundschaft schließen; eine erste Heimtücke des Drehbuchs, der eine tragische Wendung folgen wird.

Dank Luisas Hinweisen finden Bonet und Kollegin Fina Valent (Anne Schäfer) auf dem Fabrikgelände die Knochen zweier weiter Kinder etwa im gleichen Alter; prompt schürt eine sensationsgierige TV-Reporterin die Angst vor einem Serienmörder. Alsbald gerät ein Mann ins Visier der Ermittler, der vor zehn Jahren wegen Unzucht mit einer Minderjährigen verurteilt worden ist. Tatsächlich scheinen sämtliche Indizien gegen den prompt durch die Medien in die Enge getriebenen Hautarzt Salgado (Thomas Bading) zu sprechen.

Im Grunde hätte dieser Teil der Geschichte bereits vollauf genügt, um aus "Entführte Mädchen" einen fesselnden Krimi zu machen, zumal Koller die Handlung um originelle und emotionale Details anreichert. Luisa schildert Bonet ihre Erfahrungen mit Hilfe der Bilder auf den Hüllen seiner Plattensammlung. Ihr erster Satz lautet "Du bist lustig", als sie ihn beim Tanzen beobachtet. Später findet er ein Bild, das sie von ihm gemalt hat; ein Stich direkt ins Herz. Mit einem schlichten Kniff bringt Koller zudem weitere Brisanz in den Film: Obwohl Valent noch nicht lange in Barcelona ist, soll sie die Leitung der Abteilung übernehmen. Weil sie fürchtet, dass sich Bonet übergangen fühlen könnte, schafft sie es nicht, ihn darüber zu informieren; entsprechend sauer sind auch die Kollegen, als sie die Nachricht aus dem Fernsehen erfahren. Koller hat die unterschwelligen Konflikte zwischen dem Duo ohnehin auf die Spitze getrieben: Die beiden sind selten einer Meinung. Dass er auf seine Instinkte und sie lieber auf Fakten vertraut, bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen für ihre Zusammenarbeit, hat aber auch zur Folge, dass Valent mitunter unsympathisch wirkt; auch das ist durchaus mutig. Zueinander finden sie erst wieder, als auch die Kollegin eine Tragödie erlebt. Allerdings geht dem Film nun langsam die Zeit aus, weshalb Valents Geistesblitz, der sich als erster Schritt zur ziemlich gruseligen Lösung entpuppt, ein bisschen wie aus dem Hut gezaubert wirkt.

Weitere Änderungen gegenüber dem Reihenauftakt betreffen vor allem das Privatleben Bonets, dessen Motorradfahrten für einige Dynamik sorgen: Zumindest im ersten der beiden neuen Filme spielt seine Homosexualität keine Rolle mehr; dafür hat er sein ziemlich cooles Outfit nun gegen extravagante Hemden getauscht. Die Kollegin hingegen muss sich nach wie vor mit der pubertierenden Maria auseinandersetzen. Tara Fischer macht ihre Sache erneut derart vorzüglich, dass es ruhig noch mehr Mutter/Tochter-Szenen geben darf. Noch besser hat Šuba die junge Darstellerin der Luisa geführt; Emilia Packard muss über weite Strecken stumm spielen und macht das ausgezeichnet. Davon abgesehen fällt auf, dass selbst kleine Sprechrollen mit deutschen Schauspielern besetzt worden sind, was immerhin den Vorteil hat, dass die akustische Ebene einheitlich klingt; andere Auslandskrimis irritieren meist durch ein stimmliches Mischmasch aus authentisch klingenden Darstellerdialogen und dem stets etwas künstlich anmutenden Synchrondeutsch.

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